Stand: 05.02.2012 08:00 Uhr  | Archiv

"Wir trauten unseren Augen nicht"

Es wurde eine 'Luftbrücke' eingerichtet, über die wir mit jeder Art von Lebensmitteln und Brennmaterial versorgt wurden. Die männlichen Bewohner unseres Hauses nahmen die Dinge auf dem Hausdach von den Versorgungsfliegern entgegen. Leider durfte ich nicht direkt mit dabei sein, da meine Eltern befürchteten, ich wäre zu leicht und könnte durch den enormen Luftdruck vom Dach geweht werden.

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Hubschrauber versorgten die Eingeschlossenen aus der Luft mit Lebensmitteln und Trinkwasser.

So dankbar wir die Hilfsgüter entgegennahmen, so hatten zumindest die ersten Versorgungsflüge auch eine kleine Schattenseite. Da die Hubschrauber direkt über den Dächern und somit über den Schornsteinen standen, drückten sie die Luft in die Schächte. Alle Bewohner hatten Öfen in den Küchen und Stuben. Die Öfen hatten eine direkte Verbindung zu den Schornsteinen und einen Kasten, in dem die Asche aufgefangen wurde. Als die ersten Hubschrauber in kürzester Entfernung über die Dächer und Schornsteine flogen, waren die Aschkästen leer und die Räume voller Asche.

Ein weiteres Erlebnis ist mir gut in Erinnerung geblieben: Nicht weit von unserer Wohnung hatte ein Chemieunternehmen, die 3M-Companie, ihr Materiallager. Dieses bestand sowohl aus vollen als auch aus leeren 200-Liter-Fässern. Als das Wasser immer höher stieg, schwammen die Leerfässer über den Begrenzungszaun hinweg auf einen in L-Form gebauten Wohnblock entlang der Georg-Wilhelm-Straße zu und verblieben in diesem Häuserwinkel. Bedingt durch die Bewegung des Wassers und begünstigt durch den Wind stießen die Fässer, deren Anzahl ich auf 150 bis 200 Stück schätzte, ständig gegeneinander. Es war ein ständiges Trommeln, das erst verstummte, als das Wasser allmählich ablief.

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Werner Gonsior hatte Glück: Keiner aus der Familie oder Verwandtschaft zählte zu den Flutopfern.

Eine weitere Beobachtung, die ich in Erinnerung habe: In der Nebenstraße, der Ziegelerstraße, standen Häuser mit Parterre-Wohnungen, die ebenerdig waren. Die Bewohner hatten auf den Fensterbänken Blumentöpfe - wohl mit Übertöpfen - stehen. Als das Wasser diese Wohnungen überflutete (von dortigen Opfern ist mir nichts bekannt), schwammen die Blumentöpfe an den Fenstern bis oben auf Höhe des Fensterkreuzes, um sich bei Ebbe wieder auf den Fensterbänken zu platzieren. Das ging einige Tage so weiter. Bei Flut oben, bei Ebbe unten."

Sturmflut 1962 in Hamburg: Überflutete Behelfsheime in der Peutestraße auf der Veddel. © NDR Fotograf: Adolf Scharenberg

"Aufwachen, wir saufen ab!"

NDR 90,3 - Kulturjournal Spezial -

Deichbrüche direkt vor der Haustür, viele Hamburger in Lebensgefahr: Wer die Sturmflut 1962 erlebt hat, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Opfer und Retter erinnern sich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 06.02.2012 | 08:00 Uhr

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