Stand: 05.02.2012 08:00 Uhr  | Archiv

"Wir trauten unseren Augen nicht"

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Ein gespenstischer Anblick: überfluteter Hinterhof mit Teppichstangen in Wilhelmsburg.

Wir trauten unseren Augen nicht! Die Teppichpfähle, die sich damals wohl auf jedem Haushof befanden, guckten nur noch 10 bis 20 Zentimeter aus einer schwarzen, unheimlich glänzenden Wasserfläche. Vieles war nur noch halb zu sehen. Das gegenüberliegende Haus, die Abstellschuppen und der Jägerzaun, der unseren Hof befriedete, waren gar nicht mehr zu sehen. Es war unwirklich. Mutter brachte uns zurück in die Realität: 'Wir müssen alle Sachen auf den Trockenboden bringen', war ihre und Vaters Anweisung. So evakuierten wir unseren halben Hausstand aus der Wohnung hinaus auf den Trockenboden. Die übrigen Hausbewohner taten es uns gleich. Die Hausgemeinschaft half vorzugsweise den im Hochparterre wohnenden Leuten, da niemand wusste, wie hoch das Wasser noch steigen würde. Wie sich später herausstellte, blieben diese Wohnungen glücklicherweise trocken. Doch es ging hier nur um ganz wenige Zentimeter.

Nach der Evakuierung der meisten Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände - das Treppenhaus glich zeitweise einer Ameisenstraße - herrsche erst einmal Ruhe, Beklommenheit und Unschlüssigkeit. Nach einiger Zeit fiel der Strom aus. Jetzt herrschte absolute Dunkelheit. Auch die Straßenlaternen, die die gespenstische Szene noch eben erleuchteten, brannten nicht mehr. Ich sollte mich auf unsere in Sicherheit gebrachten Matratzen legen und schlafen. Wie konnte ich? Alle warteten darauf, dass es hell werden würde.

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Das Wasser stand so hoch, dass die Dächer der Autos nur noch wenige Zentimeter herausguckten.

Als es endlich Tag wurde, nahm ich auf der Straßenseite unseres Hauses im Wasser treibend etwas Blaues und etwas Rotes wahr. Zuerst ahnte ich nicht, um was es sich hier handeln konnte, bis sich herausstellte, dass es die Dächer von zwei PKW waren, die nur wenige Zentimeter aus dem Wasser ragten. Ansonsten war alles wie in der Nacht. Es herrschte eine unheimliche Stille. Selbst der Wind hatte etwas nachgelassen und die riesige Wasserfläche lag relativ ruhig und alles einschließend um uns. Es passierte nichts. Sicherlich bekam ich mit, dass man sich darum sorgte, ob man genügend Nahrungsmittel besaß. Wie war es um das Trinkwasser bestellt? Hatte man genügend Brennmaterial? Unser Vater hatte am Vorabend nach seiner Spätschicht glücklicherweise noch Brennmaterial aus dem Keller in die Wohnung gebracht. Doch das hielt auch nicht ewig.

Innerhalb der Hausgemeinschaft wurde konstruktiv organisiert und ich meine mich zu erinnern, dass auf einem oder zwei Herden für die gesamte Hausgemeinschaft gekocht wurde, um Brennmaterial zu sparen. Hilfe von außen kam noch nicht. Mit recht großer Angst und Unsicherheit, dass das Wasser noch weiter steigen würde, ging für mich der Tag zu Ende und ich musste ins Bett. Soweit ich mich erinnern kann, kam am nächsten Tag Leben auf. Wir wurden erst einmal mit dem Allernotwendigsten wie warmem Essen aus der Gulaschkanone und Trinkwasser in Kanistern per Sturmboot der Bundeswehr versorgt. Auch die ersten Hubschrauber kreisten über uns, um am nächsten Tag die Versorgung zu übernehmen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 06.02.2012 | 08:00 Uhr

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