Stand: 23.12.2018 15:16 Uhr

Weihnachten 1945: Träumen in Trümmern

Die erste Friedensweihnacht feiert Erika Meyer-Sahling mit einem fremden Mann: Ihr Vater, den sie nur von einem Foto kennt, ist vor wenigen Tagen aus Leningrad mit einer Kriegsverletzung zurückgekehrt. An Heiligabend 1945 sitzt er auf einem Sofa in einem Bauernhaus im niedersächsischen Hittfeld und raucht selbst getrockneten Tabak aus einer Pfeife. Seine Tochter Erika, damals sieben Jahre alt, spielt mit ihrem Weihnachtsgeschenk - einem Puppenhaus - bis sie von den Worten ihrer Mutter unterbrochen wird: "Bedank dich mal bei Papi!" Die heute 79-Jährige erinnert sich genau, wie sie ihrem Vater zögerlich die Hand gibt. "Herzlich umarmen konnte ich ihn nicht. Trotzdem war es ein besonderes Weihnachtsfest", sagt Meyer-Sahling heute. "Die Rückkehr meines Vaters war ein Wunder. Wir hatten ja ewig nichts von ihm gehört."

Weihnachten seit 1945: Früher war mehr Lametta

Millionen Frauen warten auf ihre Männer

Die Familie von Meyer-Sahling hat Glück nach Kriegsende - verglichen mit den Schicksalen anderer Menschen. Viele Familien sind an Weihnachten 1945 noch auseinandergerissen. Millionen von Frauen und Müttern warten in banger Sorge auf die Heimkehr ihrer Männer aus der Kriegsgefangenschaft. Meyer-Sahlings Vater darf mit seiner Schussverletzung am linken Bein aus Russland zurückkehren und kann nach seiner Genesung wieder im landwirtschaftlichen Betrieb helfen. Auf dem Hof gibt es Schweine und Kühe. Hunger leidet die Familie im ländlich geprägten Hittfeld nicht - und so gibt es an Heiligabend Kartoffelsalat mit Würstchen.

"Hamstern" für etwas Brot

Ganz anders sieht es in den Großstädten aus, die in Schutt und Asche liegen. Dort ist die Hungersnot groß. Die Menschen strömen aus den Metropolen in überfüllte Züge aufs Land, um bei den Bauern ihr Hab und Gut gegen etwas Butter, Milch oder Kartoffeln einzutauschen. Norddeutschland ist mit seiner großen Landwirtschaft bei den so genannten Hamsterern beliebt. Von weit her, sogar aus dem Ruhrgebiet, kommen die hungernden Menschen in Scharen für etwas Brot und Wurst nach Ostfriesland oder Schleswig-Holstein.

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Zu Tausenden fahren die Menschen zwischen 1945 und 1948 zum "Hamstern" auf das Land.

Auch die Familie von Evelin Marciniak muss hamstern, für etwas zu essen. Marciniak weiß noch genau, wie sie als fünfjähriges Mädchen in Hamburg-Horn an einem gedeckten Tisch sitzt. Eine winzige, vom Vater zusammengezimmerte Holzhütte auf einer Wiese in der Horner Marsch ist erst seit wenigen Wochen ihr neues Zuhause. "Das war sehr muckelig da drin", sagt die heute 78-Jährige.

Kohlenklau im Kampf ums Überleben

Sechs Kriegsjahre lang durfte wegen der Verdunkelungsverordnung zum Schutz vor Luftangriffen abends kaum ein Lichtstrahl nach draußen dringen. Am Weihnachtsabend dringt dürftiger Kerzenschein aus den Fenstern der Holzhütte und sorgt für ein besonderes Leuchten. Kohle in einem Kanonenofen spendet wohlige Wärme. "Das war Diebesgut", erläutert Marciniak. Wer nach Kriegsende nicht erfrieren will, muss Kohlen stehlen. Denn die Versorgung mit Brennstoffen ist katastrophal. Oft beobachtet die kleine Evelin von ihrem Zuhause aus, wie Kohlenzüge auf dem gegenüberliegenden Bahngleis stoppen, Jugendliche in Windeseile auf die Waggons springen und die Kohlen stehlen.

Strohsterne am Christbaum

Eine warme Stube, ein Weihnachtsgericht und geselliges Beisammensein: Die Familie von Evelin Marciniak hat trotz der Kriegswirren alles, was zu einem frohen Fest gehört - sogar ein Tannenbaum schmückt an diesem Heiligen Abend 1945 die kleine Holzhütte in der Horner Marsch. Während des Nationalsozialismus gehören noch Hakenkreuze am Tannenbaum zur weihnachtlichen Realität in Deutschland. Die Nazis haben versucht, den Christbaum im Sinne ihrer antireligiösen Ideologie zur germanischen Jultanne umzudeuten.

"Wir hatten immer einen Christbaum. Richtig festlich sah das kahle Ding 1945 allerdings nicht aus. Baumschmuck gab's nicht", erinnert sich Marciniak. Beim Schmücken des Baumes ist in der Nachkriegszeit die Kreativität der Deutschen gefragt. Die Menschen basteln Strohsterne, bemalen Tannenzapfen und gießen kleine Kerzen aus Paraffin, Wachsresten und Rindertalg.

Hamburg liegt in Trümmern

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Kinder spielen 1946 in den Trümmern und Hausruinen von Hamburg.

Es ist ein Weihnachten ohne Lametta - und für viele Menschen auch ohne Hoffnung. Hamburg, die Heimatstadt von Evelin Marciniak, gleicht einem kilometerweiten Ruinenfeld. Der Luftkrieg hinterlässt rund 43 Millionen Kubikmeter Trümmer und Schutt. Für einige Kinder dienen die Felder als überdimensionierte Abenteuerspielplätze. "Meine Mutter ließ mich dort nie spielen. Zu gefährlich. Außerdem hieß es immer, da gibt es Mitschnacker“, erzählt Marciniak heute.

In der zerbombten Elbmetropole leben Weihnachten 1945 rund 1,2 Millionen Menschen, von denen die meisten ihr Zuhause verloren haben. Nur 20 Prozent der insgesamt rund 564.000 Wohnungen sind unbeschädigt geblieben. Bomben fallen zwar keine mehr, aber an ein frohes Fest im Kreise der Familie können im Gegensatz zur Familie von Marciniak die wenigsten denken. Die Sorge, wie es weiter geht, bestimmt den Alltag.

Musik als Trostspender

Trost spendet den Menschen in der Heiligen Nacht die Musik. Auch wenn alles verloren scheint, ihr Liedgut kann man ihnen nicht nehmen. Daran erinnert sich auch Evelin Marciniak: "Wir haben viel und laut gesungen.“ Die Nazis haben erfolglos versucht, christliche Motive aus Weihnachtsliedern durch Umdichtung oder das Verfassen neuer Lieder zu verbannen. Nach Kriegsende kehren die Deutschen zurück zu ihren bekannten "O du fröhliche" und "Stille Nacht, Heilige Nacht".

Doch wo in dieser stillen Nacht Familien zusammenfinden, bleiben an den Tischen viele Plätze leer. Es ist eine Zeit, die von Ambivalenzen geprägt ist. Trauer um die Verstorbenen mischt sich mit Erleichterung oder Verbitterung. Für die einen ist die Kapitulation im Frühjahr 1945 der Tag der Befreiung gewesen. Bei anderen richtet sie eine tiefe Verstörung an, weil sie ihren Glauben an den Führer in Stücke gerissen hat.

Hörfunkkommentar macht Hoffnung

Zum Heiligen Abend 1945 strahlt der NWDR in Hamburg einen Hörfunkkommentar aus, der die Gefühlslage der Deutschen eindringlich zusammenfasst. Reporterlegende Peter von Zahn spricht in seinem "Wort an die Hörer" mit nasaler Stimme ins Mikrofon: 

Porträt

Peter von Zahn - Der Mann der ersten Stunde

Er war dabei, als alles begann: Peter von Zahn gehörte zu den prägenden Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Unverwechselbar war sein markanter Sprachstil. mehr

"Das deutsche Volk muss diese erste Weihnacht des Friedens sehr einsam begehen. Einsam und im Armenhaus der Welt. Das ist nach all dem Geschehen nicht verwunderlich. [...] Wir werden Zeit haben, uns nachdenklich zu betrachten, und wir werden dann vielleicht zu unserem Erstaunen feststellen, dass wir nicht am Ende unserer Möglichkeiten sind.“ Peter von Zahn

Es ist ein Kommentar, der die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wachhält.

Weihnachten in der Nachkriegszeit ist auch das Thema der Ausstellung "Zwischen Trümmern und Träumen". Sie ist bis zum 17. Februar 2019 im Freilichtmuseum am Kiekeberg zu sehen.

Erika Meyer-Sahling fotografiert ihr Puppenhaus. © NDR Foto: Wolf-Hendrik Müllenberg

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Wie sich das Weihnachtsfest seit dem Krieg verändert hat, zeigt eine Ausstellung am Kiekeberg. Reporter Sven Tietzer taucht mit Zeitzeugin Erika Meyer-Sahling ein in vergangene Heiligabende.

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