Stand: 24.05.2017 11:51 Uhr

Mit der Hapag von Hamburg in die Welt

von Dirk Hempel, NDR.de

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts rücken Europa und die Neue Welt enger zusammen. Immer größere und schnellere Schiffe befördern Menschen, Post und Waren über den Atlantik. Neben Großbritannien gehört Bremen zu den bedeutendsten Handelspartnern der USA. An der Weser landen amerikanische Klipper Baumwolle und Tabak an, gleichzeitig verlassen von hier Hunderttausende Auswanderer aus Deutschland und Osteuropa den Kontinent.

Vom Segelschiff zum Containerriesen

Hamburg hingegen hat von diesem Boom bislang kaum profitiert, weil es mehr auf den Handel mit Südamerika gesetzt hat. Doch als Bremen auch noch den deutschen Postverkehr mit den USA organisiert, werden die Hamburger endlich aktiv. 41 Kaufleute, darunter so renommierte Unternehmer wie August Bolten und Ferdinand Laeisz, gründen am 27. Mai 1847 eine eigene Schifffahrtslinie, die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, kurz: Hapag.

Im Liniendienst nach New York

Im Oktober des folgenden Jahres eröffnet das Dreimast-Vollschiff "Deutschland" mit 500 BRT und 700 Tonnen Tragfähigkeit den regelmäßigen Nordatlantikdienst nach New York. Drei Schiffe sind zunächst im Einsatz. Sie haben 15 bis 17 Mann Besatzung, können 20 Passagiere in der Kajüte und 200 Reisende im günstigeren Zwischendeck befördern, verfügen außerdem über Laderäume für Gepäck, Handelsgut und Postsendungen.

Das Geschäft wächst schnell. Denn die Hamburger legen im Gegensatz zu ihren Konkurrenten nicht nur Wert auf Schnelligkeit: 40 Tage benötigen die Segler nach New York und 28 Tage zurück, womit sie die übliche Fahrtdauer halbieren. Sie achten auch auf eine gute Ausstattung der Schiffe und arbeiten von Anfang an an einem positiven Image.

Passagiere stehen im Mittelpunkt

So sind die Kapitäne angewiesen, "durch ein freundliches, aufmerksames und umgängliches Wesen den Passieren den Aufenthalt am Schiff möglichst angenehm" zu machen, wie der Vorstandsvorsitzende Adolph Godeffroy auf der ersten Aktionärsversammlung 1848 erklärt. Überhaupt sei die Hapag, so Godeffroy, "von vornherein im Innern gediegen und durch und durch respektabel angelegt", nach außen aber "mit dem nötigen Lustre versehen", einem gewissen Glanz also, der das Unternehmen nicht nur in den Augen vieler Hamburger noch heute umgibt.

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Auswanderer um 1908 an Bord eines Hapag-Dampfers auf der Fahrt von Hamburg in die USA.

Weil immer mehr Menschen in die Neue Welt auswandern, wächst das Unternehmen rasant. Immer wieder müssen zusätzliche Schiffe gechartert werden, um das Passagieraufkommen zu bewältigen. 1858 fahren acht eigene Segelschiffe im Liniendienst zwischen Hamburg und New York sowie zwei moderne Schraubendampfer. 15 Jahre später befördert die Hapag schon 58.000 Fahrgäste über den Atlantik, ein neuer Rekord.

Ständiger Konkurrenzkampf mit dem Norddeutschen Lloyd

Dennoch übernimmt der 1858 in Bremen gegründete Norddeutsche Lloyd bald die Führung im Nordatlantikdienst und begründet so die mehr als 100 Jahre dauernde Konkurrenz mit der Hapag. Seine 18 Knoten schnellen Dampfer laufen auch Baltimore, New Orleans und Havanna an. Für die Überfahrt brauchen sie nur noch acht Tage.

Das Kerngeschäft der beiden Liniendienste bleibt bis weit ins 20. Jahrhundert der Transport von Auswanderern. Millionen Menschen verlassen in diesen Jahrzehnten den von Überbevölkerung, Armut, Arbeitslosigkeit und Kriegen geprägten Kontinent. Mit komfortabler Betreuung und Beförderung der Passagiere übertrifft die Hapag bald sogar die Konkurrenten. In Hamburg lässt sie sogar eine eigene Auswandererstadt mit Gleisanschluss und ärztlicher Betreuung bauen.

Unter Ballin wächst die Hapag

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Albert Ballin macht die Hapag um 1900 zur größten Reederei der Welt. Als am 9. November 1918 die Republik ausgerufen wird, nimmt sich der "Freund des Kaisers" das Leben.

Unter dem Generaldirektor Albert Ballin, der die Hapag seit 1889 führt, expandiert das Unternehmen, setzt verstärkt auf das stetig wachsende Frachtgeschäft und nimmt Vergnügungsfahrten auf prächtig ausgestatteten Passagierschiffen in ihr Programm auf. Am 22. Januar 1891 startet die "Augusta Victoria" erstmals mit 240 Passagieren von Cuxhaven aus ins Mittelmeer. Es ist die Geburtsstunde der Kreuzfahrt.

Symbol für deutschen Geltungsdrang

Vor dem Ersten Weltkrieg besitzt die Hapag mit 190 Seeschiffen die größte Flotte, befördert der Norddeutsche Lloyd die meisten Passagiere weltweit. Zusammen beschäftigen sie 51.000 Angestellte, davon 30.000 Menschen an Bord. Mit prächtigen Schiffen wie dem "Imperator" befahren sie weltumspannende Routen nach Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien und Australien.

Und werden so auch zu Symbolen für den deutschen Drang nach Weltgeltung. Auf einem Hapag-Dampfer spricht Wilhelm II. die legendären Worte: "Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser". Und Albert Ballin darf sich "Freund des Kaisers" nennen. Doch während des Kriegs liegen die Schiffe zumeist untätig im Hafen, kommt der Überseeverkehr fast ganz zum Erliegen, von Ausnahmen wie der spektakulären Fahrt des Handels-U-Boots "Deutschland" unter dem Kommando des Lloyd-Kapitäns König nach Baltimore abgesehen.

Luxusdampfer, Fluglinien, Weltreisen

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Als der "Imperator" 1913 von Cuxhaven zur Jungfernfahrt nach New York ausläuft, ist er mit 272 Metern Länge das größte Schiff der Welt.

Nach dem Ersten Weltkrieg dauert es einige Jahre, bis die Hapag wieder ihre alten Routen befahren kann, bald sogar mit neuen Luxuslinern im Stil der Goldenen Zwanziger. Schon 1923 haben Hapag und Lloyd die Deutsche Aero Lloyd gegründet, einen Vorläufer der späteren Luft Hansa AG. Weltreisen für ein internationales Publikum und kombinierte See-Luft-Reisen boomen, auch in der Wirtschaftskrise, die die Schifffahrt besonders hart trifft.

Verstaatlichung und KdF-Fahrten

Nach 1933 erholt sich das Passagiergeschäft kaum. Vor allem ausländische Gäste wollen nicht mit Schiffen unter Hakenkreuzflagge fahren. Das Reich übernimmt die Aktienmehrheit bei der Hapag, das Andenken an den bedeutenden Generaldirektor Albert Ballin,der jüdischer Herkunft war, wird getilgt. Die NS-Organisation "Kraft durch Freude" chartert jetzt die Schiffe, um preiswerte Kreuzfahrten für "verdiente Volksgenossen" anzubieten, der von Propaganda begleitete Beginn des Massentourismus auf See.

Die Irrfahrt der "St. Louis"

Im Sommer 1939 fährt der Hapag-Dampfer "St. Louis" mit mehr als 900 jüdischen Emigranten an Bord nach Kuba, aber weder dort noch in den USA dürfen die Flüchtlinge an Land gehen. Erst in Antwerpen endet ihre wochenlange Irrfahrt. Im Krieg liegen zahlreiche Schiffe in ausländischen Häfen fest oder fahren für die Kriegsmarine. 1941 wird die Hapag reprivatisiert, ihre Aktien vorwiegend an hanseatische Kaufleute abgegeben. Im Frühjahr 1945 sind ihre Schiffe an der Rettung von Millionen Menschen vor der Roten Armee beteiligt, die aus dem abgeschnittenen Ostpreußen über die Ostsee nach Westen gebracht werden.

Das Ende der Passagierlinien

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Der Stückgutfrachter "MS Alemannia" wird Ende der 60er zum Semi-Containerschiff umgebaut. Die Kisten stehen an Deck und in den Luken.

In der Nachkriegszeit hält sich die Hapag zunächst mit dem Seebäderdienst zu den Nordseeinseln, Schleppschifffahrt und Gastronomiebetrieb über Wasser, etwa mit der schwer beschädigten "St. Louis", die in Hamburg als Hotelschiff dient. Während die Hamburger Reederei Mitte der 50er-Jahre mehr auf Frachtdienste und Seetourismus setzt, betreibt der Bremer Lloyd auch weiterhin die  Passagierschifffahrt über den Nordatlantik, bevor sich im folgenden Jahrzehnt das Flugzeug durchsetzt. Der Liniendienst in die USA wird 1971 eingestellt.

Der Containerboom führt zur Gründung der Hapag-Lloyd AG

Auch im Frachtgeschäft steht eine Revolution bevor: 1966 wird im Bremer Überseehafen der erste Container entladen. Zwei Jahre später starten die beiden Reedereien gemeinsam den ersten europäischen Vollcontainerdienst nach New York. 1970 beenden sie ihre Konkurrenz, die mehr als ein Jahrhundert die deutsche und die Weltschifffahrt geprägt hat, auch offiziell und fusionieren zur Hapag-Lloyd AG, mit 112 Seeschiffen und 10.000 Mitarbeitern. Nur zusammen können sie die Investitionen aufbringen, die für den Wandel zur Containerschifffahrt erforderlich sind.

Ein Containerschiff der Reederei Hapag-Lloyd am Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen. © dpa Foto: Angelika Warmuth

Made in Norddeutschland - Hapag-Lloyd

Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd ist die viertgrößte Containerreederei der Welt. Wie sieht das Unternehmen von innen aus? Lohnt sich die Containerfahrt langfristig überhaupt noch?

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Fusionen sollen die Zukunft sichern

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Die 2012 gebaute "Hamburg Express" ist eines der größten Schiffe von Hapag-Lloyd und kann mehr als 13.000 Standardcontainer befördern.

Während die Fluggesellschaft seit 1972 und die Kreuzfahrtsparte seit 2008 eigene Wege gehen, gehört die größte deutsche Reederei, die Ende 2016 über 166 Containerschiffe und rund 9.300 Mitarbeiter verfügte, noch immer zu den führenden Liniendiensten weltweit. Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, wird verstärkt auf internationale Kooperationen und Fusionen gesetzt, zuletzt mit der chilenischen Reederei CSAV, die neben der Stadt Hamburg und Kühne Maritime der größte Anteilseigner ist. Drei Tage vor dem 170. Geburtstag am 27. Mai 2017 konnte der Zusammenschluss mit der arabischen Reederei UASC perfekt gemacht werden.

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Hamburg Journal | 17.03.2017 | 19:30 Uhr

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