Stand: 03.09.2013 14:44 Uhr  | Archiv

Rückblick: "Goile Paadie" in Hartenholm

von Daniel Hoffmann

Es war der 4. September 1988, als der beschauliche schleswig-holsteinische Ort Hartenholm zur Pilgerstätte der Motorrad-Fans wurde. Die Bilanz der "goilen Paadie" auf dem Flugplatz im Kreis Segeberg vor 25 Jahren: Jede Menge Musik, Stunts, Unmengen von "Bölkstoff" (Bier), verdreckte und verwüstete Vorgärten sowie geschätzte 1.500 Kubikmeter Müll. 200.000 Besucher feierten eine verrückte "Werner"-Party mit dem legendären Rennen zwischen dem aufgemotzten Horex-Motorrad des Comic-Zeichners und "Werner"-Erfinders Rötger "Brösel" Feldmann und dem roten 911er Porsche von Kumpel Holger "Holgi".

Spektakel hinterlässt Spuren

Auch bei der am Flugplatz angrenzenden Gemeinde Hasenmoor hinterließ das Spektakel Spuren und Erinnerungen, die ein Vierteljahrhundert später noch auf der Homepage der Gemeindenachzulesen sind. Die Begeisterung ist allerdings deutlich geringer als damals. "Es war ein Überfall der Menschenmassen auf unser Dorf", heißt es auf der Internetseite.

Vom Andrang überrollt

Das Rennen lockte die Menschenmassen an - zur Überraschung der Veranstalter. Sie waren trotz wochenlanger Vorbereitungen schlicht überfordert. Knapp 100.000 Karten zum Preis von 55 Mark gingen im Vorverkauf über den Tresen. Dass aber noch einmal so viele partywütige Fans auf das Festival-Gelände wollten, damit hatte keiner gerechnet. Die Massen sorgten für ein Verkehrschaos - nicht nur rund um Hartenholm, sondern auch auf der Autobahn 7 und der Bundesstraße 206. "Auf den Straßen des Kreises Segeberg hat es derartiges Chaos noch nie gegeben", beschreibt der Redakteur der "Norderstedter Zeitung" (NZ), Frank Knittermeier, das Spektakel vor Ort.

Porsche gegen Horex: "Das muss kesseln"

Chaos und Notlösung

Der Besucherstrom riss nicht ab. Die Veranstalter kapitulierten, öffneten die Tore und ließen alle an die Rennstrecke - egal, ob sie ein Ticket hatten oder nicht. Die Zelte wurden dort aufgebaut, wo sich ein Platz fand. Der Flugplatz und die eiligst angemieteten Flächen drumherum glichen einem riesigen Campingplatz. Die meisten Fans verteilten sich laut "NZ"-Redakteur Knittermeier erst einmal rund um den Flugplatz. Erst als die Top Acts wie "BAP" und Roger Chapman auf den Bühnen standen, füllte sich das Festival-Gelände.

Vom Comic zum Rennen

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Seine 14 Comicbücher und fünf "Werner"-Filme machen Feldmann zum populärsten Comiczeichner Deutschlands.

Anstoß für die "Werner"-Party war der gleichnamige Comic von "Brösel", der 1985 erschien. Titelheld "Werner" wettet darin, dass er mit einem umgebauten und mit vier Motoren ausgestatteten Horex-Motorrad einen Porsche 911 im Rennen schlagen kann. Comic-Erfinder "Brösel" und sein Kumpel "Holgi" entschieden sich irgendwann, das Ganze in die Tat umzusetzen.

Am ersten September-Wochenende 1988 war es dann soweit: "Brösel" holte die Horex Marke Eigenbau aus dem Schuppen, den sogenannten Red Porsche Killer. Der Kieler Gastwirt "Holgi" brachte seinen roten Porsche 911 an den Start der 600 Meter langen Strecke. Die Spannung war nur von kurzer Dauer: Die ersten Meter lag der "Red Porsche Killer" noch vorne, aber der 911er kam deutlich vorher ins Ziel. "Brösel" hatte sich schlicht und einfach verschaltet. "Ich hatte einen Blackout", gibt er später im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zu Protokoll.

Müll - so weit das Auge reicht

"Werners" Karriere seit 1978

Rötger "Brösel" Feldmanns Comicfigur "Werner" tauchte erstmals 1978 in der Satirezeitschrift "Pardon" auf und prägte seitdem gängige Worte und Sprüche wie "Bölkstoff", "Tass Kaff", "Dat muss kesseln" oder "Hau wech den Scheiß".

Seit 1981 sind 14 Comicbücher und mehrere Sonderbände erschienen und millionenfach verkauft worden. Die Comicbücher wurden zum Teil verfilmt, aktuell gibt es fünf "Werner"-Filme.

Als mit dem Rennen auch das Festival vorbei war, atmeten viele Anwohner auf. Doch das Chaos blieb: 600.000 Würstchen und 450.000 Liter "Bölkstoff" hätten die Fans innerhalb von drei Tagen konsumiert, berichtete der "Spiegel". Und danach ihren ganzen Müll zurückgelassen. Als "ein dichter Teppich aus Plastikbechern, Autoreifen, Blechdosen und blauen Müllsäcken" wird die Hinterlassenschaft der Feierwütigen beschrieben. Zwei Wochen dauerten die Aufräumarbeiten. Hartenholms damaliger Bürgermeister Kurt Böge (CDU) fand im Gespräch mit der "NZ" deutliche Worte: "Die Veranstalter ziehen ab - und unser Dorf bleibt beschissen zurück." Was wortwörtlich zu verstehen war, denn die 600 aufgestellten mobilen Toiletten liefen schnell über, weil die Entsorgungsdienste nicht mehr herankamen. Die Folge: Jeder erleichterte sich dort, wo er gerade wollte.

"Nie wieder" heißt es in Hasenmoor

Neben den Müllbergen zog sich auch eine Schneise der Verwüstung durch den kleinen Ort. Es gab abgebrannte Autos und abgebaute Holzzäune. Die Latten wurden nachts verfeuert, weil den Festival-Besuchern kalt war. Immerhin: "Brösel" und sein Veranstalter-Team kamen weitgehend dafür auf. Hasenmoor zieht trotzdem ein eindeutiges Fazit: "Nie wieder ein Werner-Rennen in unserer Gegend", heißt es auf der Homepage.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.09.2013 | 12:00 Uhr

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