Stand: 22.11.2017 15:25 Uhr

Mölln 1992: Neonazis ermorden drei Menschen

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Verheerender Anschlag: In zwei Häuser in der Möllner Altstadt fliegen am 23. November 1992 Molotowcocktails. Drei Menschen sterben.

Es ist die Nacht auf den 23. November 1992, die das Gesicht der beschaulichen "Eulenspiegel-Stadt" Mölln in Schleswig-Holstein verändert. Der damals 19-jährige Lars C. und der 25-jährige Michael P. werfen Brandsätze in zwei Häuser in der Ratzeburger Straße und der Mühlenstraße, die von türkischen Familien bewohnt werden. Im Haus in der Mühlenstraße sterben zwei Mädchen - die zehnjährige Yeliz Arslan und die 14-jährige Ayse Yilmaz - sowie die 51 Jahre alte Bahide Arslan. Neun Menschen werden bei den Bränden schwer verletzt. Bei Polizei und Feuerwehr meldet sich ein anonymer Anrufer, um auf die brennenden Häuser hinzuweisen - und schließt seine Ausführungen jeweils mit den Worten "Heil Hitler". Lars C. und Michael P., die der Skinheadszene zugeordnet werden, werden wenige Tage nach der Tat festgenommen.

Trauerfeier mit mehr als 10.000 Menschen

Der Anschlag von Mölln erregt weltweit Aufsehen, und die "Eulenspiegel-Stadt" wird zum Sinnbild für mörderischen Fremdenhass. In ganz Deutschland protestieren Menschen mit Lichterketten gegen wachsenden Rechtsradikalismus. An der Trauerfeier für die Opfer nehmen am 27. November 1992 in Hamburg mehr als 10.000 Menschen teil. Die Ermittlungen zu dem Brandanschlag zieht die Bundesanwaltschaft an sich - ein Novum. Der Anschlag sei dazu bestimmt gewesen, "die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen", begründet Generalbundesanwalt Alexander von Stahl die Entscheidung.

Rechtsextreme ermorden drei Türkinnen

"Teil einer Kette von Ereignissen"

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Erst im August 1992 war es in Rostock zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Asylbewerber gekommen.

Schon vorher hatte es in Deutschland Anschläge und Attacken gegen Ausländer gegeben. Erst drei Monate zuvor hatten die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen für Entsetzen gesorgt: Rechte Randalierer hatten in der Plattenbau-Vorstadt ein überfülltes Asylbewerberheim belagert und schließlich unter dem Applaus von Anwohnern Brandsätze auf ein dort ebenfalls untergebrachtes Ausländerwohnheim geworfen. Ein Jahr zuvor war im sächsischen Hoyerswerda ein Ausländerheim mit Brandsätzen und Stahlkugeln angegriffen worden, mehrere Menschen wurden verletzt. "Mölln war kein singulärer Vorfall, sondern Teil einer Kette von Ereignissen", sagt Bürgermeister Jan Wiegels. Rechtsradikale Parteien feierten nach der Wiedervereinigung Wahlerfolge, es tobte eine Debatte über die Asylpolitik.

Gewalt gegen Ausländer erreicht neue Stufe

Mit dem Anschlag von Mölln erreicht die Gewalt gegen Minderheiten eine neue Stufe: Es ist der erste rassistisch motivierte Anschlag im vereinigten Deutschland, bei dem Menschen sterben. Es folgen die tödlichen Attacken im nordrhein-westfälischen Solingen am 29. Mai 1993, bei denen fünf Menschen ums Leben kommen. Viele Türken fragen sich in dieser Zeit, ob Deutschland für sie noch Heimat sein kann. Die Bewohner der in Brand gesetzten Häuser in Mölln hatten schon seit Jahren in Deutschland gelebt, eines der getöteten Mädchen war in Deutschland zur Welt gekommen. Das andere Mädchen hatte seine Großmutter besucht.

Die Stadt stellt sich ihrer Vergangenheit

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Nach dem Anschlag gibt es überall in Deutschland Demonstrationen gegen Fremdenhass.

Mölln sieht sich nach den Anschlägen Vorwürfen ausgesetzt, dem Treiben rechtsextremer Jugendlicher zu lange tatenlos zugesehen zu haben. Schließlich war die rechte Gesinnung der beiden Täter in der Region bekannt. Das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht verurteilt Michael P. am 8. Dezember 1993 wegen dreifachen Mordes und mehrfachen versuchten Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, Lars C. wird zu zehn Jahren Haft nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass beide Angeklagte das Abbrennen der beiden Häuser gewollt, nicht nur in Kauf genommen hätten. Beide Täter sind seit Jahren wieder auf freiem Fuß - vorzeitig. Lars C. wird 2000, Michael P. 2007 aus der Haft entlassen.

Verein stellt sich gegen rechtsextremistische Triebe

Der Name Mölln wird seitdem immer mit den Anschlägen verbunden - und die Stadt geht offensiv mit diesem düsteren Kapitel ihrer Geschichte um. Eine Gedenktafel und ein Holzbalken mit stilisierten Flammen an der Wand des Brandhauses in der Mühlenstraße erinnern an das Drama. Das Gebäude trägt den Namen von Bahide Arslan. Bereits kurz nach den Anschlägen gründet sich der Verein "Miteinander leben", der sich zum Ziel gesetzt hat, das Zusammenleben von deutschen und ausländischen Mitbürgern in der Region zu verbessern. Außerdem will er Aufklärungsarbeit gegenüber rechtsextremistischen Auswüchsen betreiben und junge Menschen für eine demokratische Lebenseinstellung gewinnen.

Stadt engagiert sich für eine weltoffene Gesellschaft

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Miteinander leben

Der Verein wurde als direkte Reaktion auf die Möllner Brandanschläge im Jahr 1992 gegründet. extern

Damit sich die Menschen wieder sicher fühlen können, ist die Stadt seit Langem um ein gutes Miteinander bemüht. "Wir pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zur türkischen Gemeinde und versuchen, unseren Beitrag für eine friedliche und weltoffene Gesellschaft zu leisten", sagt Bürgermeister Wiegels 2012.

 

Dieses Thema im Programm:

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