Stand: 14.10.2013 15:05 Uhr  | Archiv

Hafenstraße: "Das war wie eine Dauerdroge"

"Da kamen immer mehrere Hundertschaften. Überall da, wo sie rein sind, haben sie erst mal die Eingangstüren rausgerissen. Sie haben alles aus den Fenstern in Container geschmissen: Gitarre, Bücher, Bett, Ofen. Wenn wir wussten, dass sie kommen, war unsere Taktik, den Ofen hochzuheizen."

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Um eine Räumung zu verhindern, bauen die Besetzer die Häuser in der Hafenstraße zu einer Festung aus.

In den 1980er-Jahren kommt es im Kampf um die Hamburger Hafenstraße zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Auseinandersetzungen dauern mehrere Jahre. Alles beginnt zunächst friedlich, als Arbeits- und Obdachlose sowie Studenten leerstehende Wohnungen in der St. Pauli-Hafenstraße und der Bernhard-Nocht-Straße besetzen.

Liebe auf den ersten Blick

Die Hafenstraßen-Bewohnerinnen haben bis heute Kontakt.

Simone B. ist 1982 eine der ersten Bewohnerinnen in der Hafenstraße. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Ihr behagt der Charakter einer vielfältigen und undogmatischen Häusergemeinschaft von Anfang an: "Einen Teil meiner Zeit habe ich in fremden Küchen verbracht. Das war prima. Ich habe einfach nur aufgenommen, was da los war."

Die Wohnungsbaugesellschaft SAGA, Eigentümer der Häuser, stellt Strafantrag und lässt die Häuser immer wieder polizeilich räumen. Sie plant, einige Häuser abzureißen. Doch die Besetzer kehren zurück. Die Häuser der Hafenstraße werden in den folgenden Jahren unter der permanenten Räumungsdrohung zu einer Festung. Gemeinsam bauen die Besetzer ihre Häuser um: Die Türen werden verstärkt, Durchgänge herausgebrochen, Fluchtwege geschaffen und Fallen gebaut. Auf dem Dach wird Stacheldraht ausgerollt, um mögliche Hubschrauberlandungen zu verhindern. In zahlreichen Polizeieinsätzen hatten die Besetzer die Ordnungshüter zuvor als wenig zimperlich erlebt: "Die haben dich einfach gegriffen, haben dich irgendwo in die Ecke geschmissen und man konnte sich überhaupt nicht mehr rühren. Das waren schon totale Ohnmachtsgefühle", erinnert sich Simone.

Ständige Angst einer gewaltsamen Räumung

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Viele Bewohner der Hafenstraße wollten sich von ihren als spießig empfundenen Eltern lösen.

Zu denen, die trotzdem einziehen, gehört Scholeh R. Der jungen Iranerin geht es wie vielen Besetzern in der Hafenstraße. Sie zieht als junges Mädchen von zu Hause aus und will mit ihren als spießig empfundenen Eltern eigentlich nichts mehr zu tun haben. "Dieses Gefühl, alle zusammen machen was, alle denken sich was aus, alle geben alles, was sie haben dafür - das war großartig. Das war wie eine Dauerdroge."

Nicht einmal, als ein Freund ungerechtfertigt unter Spitzelverdacht gerät, denkt sie daran, auszuziehen. Verratsfantasien bekommen unter der ständigen Angst vor einer gewaltsamen Räumung einen Stellenwert, der die Frauen belastet. "Das fand ich ganz schrecklich. Ich bin zu einer Zeit eingezogen, als der Druck ganz heftig war", erinnert sich Scholeh R. Die Idee wird geboren, unter dem Dach der besetzten Häuser ein eigenes Frauenhaus aufzumachen, um sich von den Männern abzugrenzen. Über der Gaststätte "Onkel Otto" wohnen schließlich rund 15 Frauen. "Wir hatten einfach Lust, gemeinsam als Frauen in einem Haus zu wohnen", erinnert sich Rosi P.

Immer mehr Sympathisanten

Rosi kommt im Winter 1986 in die Hafenstraße. Zu dieser Zeit droht die Situation zu eskalieren. Rosi erlebt am 20. Dezember eine Demo mit 12.000 Teilnehmern durch die Hamburger Innenstadt. "Das war die Demo, die praktisch den Umschlag gebracht hat. Da war wieder Optimismus in der Hafenstraße." Die Gruppe der Sympathisanten wächst ständig, sie unterstützten die Besetzer regelmäßig, etwa bei der Wiederbesetzung geräumter Wohnungen, erinnert sich Rosi: "Hamburger Familien - zum Beispiel aus Bergedorf - brachten Essensspenden, Decken und alles Mögliche. Das war ein sehr gutes Gefühl, das auch Menschen mit anderen Lebensentwürfen uns unterstützt haben."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 20.10.2013 | 17:30 Uhr

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