Stand: 23.05.2015 16:00 Uhr  | Archiv

Erinnerung an letzten Akt der Nazi-Diktatur

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Am Hebroni-Denkmal erinnern Kränze an die NS-Zeit und die Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes.

23. Mai 2015: Auf den Tag genau ist es 70 Jahre her, dass im Flensburger Polizeipräsidium Norderhofenden die letzte Reichsregierung unter Admiral Karl Dönitz vom britischen Militär verhaftet wurde. Genau dort ist am Sonnabend an das endgültige Ende der Nazidiktatur erinnert worden. Schleswig-Holsteins Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) betonte in ihrer Gedenkrede, die Auseinandersetzung mit der Nazi-Diktatur sei eine dauerhafte Aufgabe. "Die Erinnerung an den beispiellosen Zivilisationsbruch des nationalsozialistischen Völkermords und seine Opfer hilft uns, die Gefahren für unsere moderne und humanistisch geprägte Gesellschaft wachzuhalten", erklärte die Kulturministerin. Sie mahnte - Rechtsextremismus, Antisemitismus  und Fremdenfeindlichkeit blieben Herausforderungen einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Vor 70 Jahren: Reichsregierung Dönitz in Haft

23. Mai 1945: Entwaffnete Marinesoldaten marschierten durch das schon von Briten besetzte Flensburg. Sie sangen "Wir fahren gegen Engeland". Nur eines der in der Rückschau skurrilen Ereignisse des letzten Tages der Reichsregierung Dönitz vor 70 Jahren. Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa vorbei. Das Ende der noch von Hitler eingesetzten Reichsregierung Dönitz kam jedoch erst 15 Tage später. Am Morgen des 23. Mai umstellten britische Soldaten das Sondergebiet in Flensburg-Mürwik. Großadmiral Karl Dönitz und mit ihm alle Mitglieder der letzten Regierung des Deutschen Reiches wurden verhaftet.

"Flensburg Fiasco" und "Strange Show"

An jenem 23. Mai 1945 wurden aus Paris britische und amerikanische Kriegsberichterstatter eingeflogen. Was sie erlebten, beschrieben sie als "Flensburg Fiasco" und "Strange Show". Und der Tag begann schon seltsam: Mit einem in den Augen der Deutschen völlig übertriebenen militärischen Einsatz wurde das Gelände in Flensburg-Mürwik von den Briten besetzt. Schon am Tag zuvor waren Großadmiral Karl Dönitz und Generaloberst Alfred Jodl für den kommenden Morgen auf das Wohnschiff "Patria" einbestellt worden. Nun eröffneten ihnen die Briten, sie würden noch am selben Tag als Kriegsgefangene außer Landes gebracht. Dönitz begann zu feilschen. Zwölf Koffer hatte er gepackt. Doch die Briten blieben hart: Ein Koffer musste reichen. In Mürwik wurden 420 Mitglieder der letzten Reichsregierung verhaftet.

"Unwiderrufbare Bilder"

Die Alliierten wollten an diesem Tag "unwiderrufbare Bilder" schaffen. Für Hitlers Ende gab es keinen Bildbeleg, nun mussten Symbole her. Als Schauplatz dafür wurde der Innenhof des Flensburger Polizeipräsidiums Norderhofenden 1 gewählt. Dorthin wurden Dönitz und Jodl gegen Mittag gebracht. Aus Glücksburg holten die Briten Reichsminister Albert Speer. Was die Berichterstatter nicht mitbekamen: Dönitz, Jodl und Speer mussten sich unter Protesten einer gründlichen Leibesvisitation unterziehen. Ihre Rangabzeichen behielten die beiden Soldaten, die Orden und der Marschall-Stab jedoch wurden einkassiert.

In properer Uniform, Speer im schicken Trenchcoat, wurden die drei nun in den Hof Norderhofenden 1 geführt. Der Hof ist klein. Die Prozedur wurde mehrmals wiederholt, erinnert sich Kriegsberichterstatter Wickmann. Dönitz, Jodl und Speer mussten mehrmals herein gehen. Sie protestierten dagegen heftig, aber erfolglos. Dönitz verhandelte immer noch mit einem britischen Offizier über einen Koffer mit Unterwäsche. Nachdem die "unwiderruflichen Bilder" gemacht waren, ging es raus zum Flugplatz Schäferhaus. Dönitz, Jodl und Speer wurden nach Bad Mohndorf in Luxemburg ausgeflogen. Sie waren nun Kriegsgefangene.

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Warum alles erst am 23. Mai?

Das amerikanische Magazin "Time" meldete einige Tage später: "Das Deutsche Reich starb an einem sonnigen Morgen des 23. Mai in der Nähe des Ostseehafens Flensburgs". Nicht nur für den Flensburger Historiker Professor Gerhard Paul bleibt eine Frage: Warum "regierte" Dönitz noch 15 Tage nach Kriegsende weiter? Paul sieht darin vor allem pragmatische Gründe. Die Briten wollten die Strukturen nutzen, um zum Beispiel das Ende der noch bestehenden Wehrmacht zu organisieren. Hier auf die noch erstaunlich funktionstüchtigen deutschen Stäbe zu setzen, hätte hierbei hilfreich sein können. War es dann aber nicht. Und die Regierung Dönitz funktionierte nicht so, wie es die Briten sich erhofft hatten - darin sieht Paul die Hauptursache für das Aus am 23. Mai.

Am 11. Mai wurden noch Soldaten wegen vermeintlicher Meuterei hingerichtet. Sauber und mit deutscher Gründlichkeit wurden Protokolle geführt, Urteile abgeheftet, bis zur letzten Gewehrkugel gezählt. 15 Tage nach der bedingungslosen Kapitulation endete schließlich die Zeit der letzten Reichsregierung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.05.2015 | 16:00 Uhr

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