Stand: 15.12.2009 15:25 Uhr

Das Schicksal der Neubauern

von Dana Zelck

Im Herbst 1945 werden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) Tausende Gutsbesitzer enteignet. Ihr Land wird unter den zahllosen Vertriebenen, Umsiedlern und ehemaligen Gutsarbeitern aufgeteilt, die damit zu Neubauern werden. Allein in Mecklenburg sind es über 70.000, die sich so eine neue Existenz aufbauen. Doch nicht alle profitieren auf Dauer von ihrem neuen Besitz, wie drei Fallbeispiele zeigen:

Kurt Wendt flieht vor der drohenden Kollektivierung

Bodenreform im Westen

Nicht nur in der Sowjetischen Besatzungszone stand nach 1945 eine Bodenreform an. Schon vor Kriegsende hatten sich die vier Siegermächte auf eine umfassende Reform in ganz Deutschland verständigt. Auch in den drei westlichen Besatzungszonen sollten Hunderttausende Hektar aufgeteilt werden. Tatsächlich wurden jedoch nur 150.000 Hektar enteignet und für kurze Zeit an Neubauern vergeben. Mit dem Argument, auf den kleinen Parzellen lasse sich die Ernährung der Bevölkerung nicht sichern, verlief die Bodenreform in den westlichen Besatzungszonen im Sande.

Zu denen, die über Nacht zu Neubauern werden, zählt auch der 15-jährige Kurt Wendt: Er erhält ein Stück Land in Schlutow bei Gnoien in Mecklenburg-Vorpommern. Der dortige Gutsbesitzer war kurz vor Ende des Krieges aus dem Dorf geflüchtet. 60 Neubauernstellen werden hier geschaffen. Kurt Wendt erzählt: "Wir empfanden das als eine gute Sache. Für einige war es aber auch eine Belastung, weil niemand sagen konnte, wie wir ohne Pferde und zunächst ohne Kühe die Landwirtschaft bearbeiten sollten." Harte körperliche Arbeit gehört zum Alltag. Vor dem, was die zum Teil völlig landwirtschaftsfremden Neubauern unter den schwierigen Nachkriegsbedingungen leisten, zieht Kurt Wendt noch heute den Hut: "Man muss doch staunen, was dort schon alles bewegt wurde. Es war einfach die Initiative jedes Einzelnen", sagt er.

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Werbeplakat der LPG: Ab 1952 werden die Bauern dazu gedrängt, sich einer Produktionsgenossenschaft anzuschließen.

Die Zuteilung der landwirtschaftlichen Flächen an die Neubauern gilt als unwiderruflich. "Den Bauern, die den Boden haben, wird keine Macht der Welt ihn wieder wegnehmen können!", verkündet Walter Ulbricht zu Beginn der Reform im Herbst 1945. Dennoch werden nach 1952 die Neubauern mehr oder weniger freiwillig dazu gebracht, sich den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) anzuschließen, auch wenn sie formal Eigentümer ihrer Ländereien bleiben. Als FDJ-Funktionär erfährt Kurt Wendt schon früh von der geplanten Kollektivierung und zieht Konsequenzen: 1949 verlässt er seine Neubauernstelle und geht in den Westen.

Familie Franke klagt erfolgreich gegen Enteignung

Nach Kriegsende gehört das Dorf Römnitz bei Ratzeburg zunächst zur sowjetischen Zone. Im Zuge der Bodenreform erwirbt auch Familie Franke ein Stück Neubauernland: Knapp fünf Hektar, direkt am Ratzeburger See, mit Ackerland und Wald, erzählt der Sohn Hans-Peter Franke. Doch im November 1945 einigen sich die Siegermächte darauf, die Grenze zwischen der sowjetischen und der britischen Zone zu begradigen. Damit liegt das Land der Familie Franke plötzlich in Schleswig-Holstein. Die Engländer - und später die Lastenausgleichsbank - wollen das gesamte Neubauernland wieder an den Staat zurückführen. Während alle anderen Siedler einlenken, beharren die Frankes auf ihren Besitz. "Dann hat man uns verklagt und wollte uns immer wieder enteignen. Der Prozess hat über 15 Jahre gedauert. Sämtliche Instanzen haben wir gewonnen", erinnert sich Hans-Peter Franke.

Die letzte Entscheidung fällt im Februar 1960 in Karlsruhe: Der Bundesgerichtshof gibt seiner Familie recht. Das Urteil ist eine juristische und vor allem politische Sensation. Für Frankes heißt das: Sie sind nun rechtmäßige Volleigentümer, dürfen aber wie die Neubauern im Osten ihr Land nicht verpachten, belasten oder verkaufen. Bankkredite zu bekommen bleibt deshalb für Hans-Peter Franke schwierig. Bis er 1990 ein Schreiben von der Bundesregierung erhält, das für die westdeutschen Neubauernerben alle Beschränkungen aufhebt. Seither kann Hans-Peter Franke, der auf seinem Gelände einen Campingplatz betreibt, frei über sein Eigentum verfügen. Nur ein Waldstück musste er an das Land Schleswig-Holstein abgeben. Von den Enteignungen, die 1992 die Neubauern im Osten treffen, bleibt er verschont.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.09.2005 | 20:00 Uhr

Die Bodenreform in Mecklenburg 1945

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Die Enteignung der Gutsbesitzer nach 1945

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