Stand: 13.06.2012 11:37 Uhr

Bomben und Tote: Die Geschichte der RAF

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RAF-Mitglieder der ersten Generation auf einem Fahndungsplakat von 1972: Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Holger Klaus Meins, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Ilse Stachowiak, Axel Achterath, Ronald Augustin

Die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet sich im Frühjahr 1970 um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Einige Medien bezeichnen die Gruppe daher zunächst als Baader-Meinhof-Bande. Die Wurzeln der RAF reichen in die Studentenbewegung der späten 60er-Jahre, ihre exakte Verbindung ist jedoch unter Historikern umstritten. Der Name Rote Armee Fraktion dürfte als Provokation gemeint sein. Wie sehr sich die Gruppe als Ableger der sowjetischen Armee sieht, bleibt offen. Dass der Name für Stärke und revolutionäres Potenzial steht, ist eindeutig.

Als zentralen Begriff ihres Selbstverständnisses verwendet die RAF "Stadtguerilla". Damit rückt sie sich in die Nähe revolutionärer Vereinigungen in Lateinamerika. Ihr gemeinsames Ziel: Veränderung des politischen Systems durch eine kleine Gruppe - auch mit Gewalt.

Banküberfälle und Bombenanschläge

Schnell wird deutlich, dass die RAF auch Tote in Kauf nimmt, um ihre Ziele zu erreichen. Erstes Opfer wird 1971 der Hamburger Zivilfahnder Norbert Schmid, es folgen ein Polizist aus Kaiserslautern und im März 1972 der Leiter einer Sonderkommission der Hamburger Polizei, Hans Eckhardt. Nach einer Serie von Raubüberfällen auf Banken verübt die RAF im Mai 1972 den ersten Bombenanschlag: auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Kurz danach gibt es weitere Anschläge unter anderem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg und das europäische Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg. Die Polizei löst eine Großfahndung aus und nimmt innerhalb weniger Monate zahlreiche führende RAF-Terroristen fest, darunter die Gründungsmitglieder Baader, Meinhof und Ensslin.

Der Stammheim-Prozess

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Das Erste: Panorama

Ermittler hören Gespräche mit Anwälten ab

Das Erste: Panorama

Die Sendung befasst sich unter anderem mit der Lauschaffäre von Stammheim. Video (26:18 min)

1975 beginnt ihr Prozess in einem eigens errichteten, hoch gesicherten Gerichtsgebäude in Stuttgart-Stammheim. Daran nimmt als Wahlverteidiger der Angeklagten unter anderem der spätere Bundesinnenminister Otto Schily teil. Im Gerichtssaal erklärt er: "Was hier in diesem Verfahren stattfindet, kann man nicht anders benennen als die systematische Zerstörung aller rechtsstaatlichen Garantien." Damit spielt er darauf an, dass das Verfahren von zahlreichen Unregelmäßigkeiten begleitet wird: bedrohten Zeugen, abgehörten Gespräche zwischen Angeklagten und Verteidigern sowie dem Hungerstreik der Beklagten, die den Prozess von Beginn an massiv stören.

Entführungen im "Deutschen Herbst"

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Von der RAF entführt und später getötet: Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer.

Das Ende der Gewalt bewirkt das Verfahren nicht. Die "zweite Generation" der RAF verübt stattdessen immer brutalere Anschläge und tötet unter anderem Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Bankier Jürgen Ponto. Seinen Höhepunkt erreicht der Terror 1977 während des sogenannten Deutschen Herbstes, der mit der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer am 5. September beginnt. Wochenlang halten die Terroristen das Land in Atem. Am 13. Oktober eskaliert die Situation weiter, als ein Terrorkommando den Lufthansa-Jet "Landshut" nach Mogadischu entführen. Mit der Aktion wollen sie ihre Gesinnungsgenossen in Stammheim aus der Haft freipressen. Doch die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) gibt nicht nach und lässt den Jet am 18. Oktober von der Sondereinheit GSG 9 stürmen - alle 82 Passagiere überleben. Nur einen Tag später wird der entführte Hanns Martin Schleyer ermordet aufgefunden. Er ist einer von 34 Toten, die auf das Konto der RAF gehen.

Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe erfahren im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim davon, dass ihre geplante Befreiung gescheitert ist. Nur Stunden nach dem Ende des "Landhut"-Dramas werden sie tot in ihren Zellen gefunden - noch während der Prozess gegen sie läuft. Die Umstände ihres Selbstmordes sind bis heute umstritten und werden auch mit den harten Haftbedingungen in Verbindung gebracht.

Das Morden nimmt kein Ende

Eine "dritte Generation" ändert Anfang der 80er-Jahre die Strategie und will die RAF internationalisieren. Das Morden geht dabei weiter. Die prominentesten Opfer sind Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen (1989) und Karsten Rohwedder, Vorsitzender der Treuhand (1991). Er gilt als letztes Mordopfer der RAF. 1992 setzt Justizminister Klaus Kinkel (FDP) ein Zeichen und erklärt, der Staat müsse sich mit der RAF versöhnen, wo es angebracht sei. Die Terrorgruppe reagiert in einer ihrer ideologischen Erklärungen mit den Worten: "Wir, die revolutionäre Metropolenfront, haben die Macht, die von hier aus durchstartende Aggression der Imperialisten in Schach zu halten."

Viele Fragen bleiben offen

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Auf seiner Website zeigt das Bundeskriminalamt Fahndungsfotos von mutmaßlichen RAF-Terroristen.

Am 20. April 1998 geht bei der Nachrichtenagentrur Reuters ein achtseitiges Schreiben ein, in dem die RAF erklärt: "Heute beenden wir dieses Projekt". Die Autoren bleiben unbekannt, Ermittler halten das Papier aber für authentisch. Die Akte RAF beschäftigt Staatsschützer allerdings noch immer. Viele Taten konnten nicht aufgeklärt werden, das Bundeskriminalamt fahndet weiterhin nach mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe.

Dieses Thema im Programm:

25.08.2014 | 23:15 Uhr

Norddeutsche Geschichte