Stand: 17.03.2016 10:19 Uhr

Als die Neuengamme-Täter vor Gericht kamen

von Irene Altenmüller, NDR.de
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Zur besseren Identifizierung durch Zeugen sind die Angeklagten mit Nummern gekennzeichnet. In der Reihe davor sitzen ihre Anwälte.

18. März 1946: Im Hamburger Curiohaus beginnt der erste Prozess gegen die Verantwortlichen des Konzentrationslagers Neuengamme vor einem britischen Militärgericht. Angeklagt sind 14 leitende SS-Männer, darunter der letzte Lagerkommandant Max Pauly. Ihnen wird die Tötung und Misshandlung von Inhaftierten, die Vergasung sowjetischer Kriegsgefangener sowie die Praxis der "Vernichtung durch Arbeit" vorgeworfen. Unter den Angeklagten befinden sich auch mehrere SS-Männer, die an der Ermordung von 20 Kindern in der Schule am Bullenhuser Damm im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort beteiligt waren.

Bei der Verfolgung der NS-Verbrechen beschränken sich die Briten auf Straftaten an Staatsangehörigen der alliierten Nationen. Die Verfolgung von Verbrechen an Deutschen hatten die Briten Ende Dezember 1945 den deutschen Gerichten übertragen.

Totenlisten im Dielenboden versteckt

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Das Curiohaus an der Hamburger Rothenbaumchaussee diente den Briten als Gerichtsaal.

Anders als etwa im Konzentrationslager Bergen-Belsen, das die Briten befreiten, hatten sie das KZ Neuengamme geräumt vorgefunden. Bevor die SS im April 1945 das Lager verließ, hatte sie fast alle schriftlichen Unterlagen vernichtet, um die Spuren der Verbrechen zu beseitigen. Allerdings war es einem Häftlingsschreiber gelungen, den letzten Quartalsbericht sowie ein Totenverzeichnis an sich zu nehmen und unter den Fußbodendielen im Krankenrevier zu verstecken. Diese Aufzeichnungen sind nun im Prozess die einzigen schriftlichen Beweise, die den britischen Ermittlern vorliegen.

Wichtigste Informationsquelle der Ermittler sind aber die ehemaligen Häftlinge. Sie berichten über die Verbrechen in Neuengamme, identifizieren die Täter und sagen als Zeugen aus.

Die Aussagen der Überlebenden

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Häftlinge im KZ Neuengamme. Wer in der Strafkompanie arbeiten musste, hatte die geringsten Überlebenschancen.

18 ehemalige Häftlinge treten im Prozess als Zeugen auf. Sie schildern die unmenschlichen Zustände im Lager und barbarische Strafen wie Peitschenhiebe oder das Aufhängen der Häftlinge an den im Rücken zusammengebundenen Armen. Sie wurden beispielsweise verhängt, "wenn ein Häftling sein Taschentuch während der Essenszeit wusch und es am Nachmittag an der Arbeitsstelle zum Trocknen aufhängte", erinnert sich der Zeuge Albin Lüdke, der als Kommunist ab Juni 1940 im KZ Neuengamme inhaftiert ist.

"Häftlinge langsam sterben lassen"

Gegenstand der Verhandlungen ist insbesondere auch die nationalsozialistische Strategie der "Vernichtung durch Arbeit": "Es war ein System, nicht nur die Häftlinge zu schlagen, sondern sie langsam sterben zu lassen. Alles im Lager war organisiert mit dem Ziel, die Häftlinge so weit wie möglich auszulaugen", erklärt der französische Anatomie-Professor Marcel Prenant, der im Juni 1944 nach Neuengamme kam, in seiner Zeugenaussage. Ähnliches berichtet der britische Schulleiter und ehemalige Häftling Harold Le Druillenec: "Nach zwei oder drei Monaten war uns vollkommen klar, dass das Hauptziel eines KZ der Tod der Häftlinge war, aber nur nach ausreichender Arbeit oder indem man zumindest versuchte, so viel Arbeit wie möglich noch kurz vor ihrem Tod von den Häftlingen zu bekommen. Oder, um es sehr kurz zu sagen: Tod durch Arbeit."

Dieses Thema im Programm:

18.03.1996 | 19:30 Uhr

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