Stand: 31.03.2017 15:42 Uhr  | Archiv

1937: Nazis machen Hamburg zur Metropole

von Dirk Hempel, NDR.de
Am 1. April 1937 tritt das Groß-Hamburg-Gesetz in Kraft. Vor dem Rathaus inszeniert die NSDAP eine Feier im Schein Tausender Fackeln.

Am Abend des 1. April 1937 tritt Rudolf Heß, der Stellvertreter des "Führers", auf den Balkon des Hamburger Rathauses, an dem eine übergroße Hakenkreuzflagge hängt. 30.000 Menschen sind auf dem Adolf-Hitler-Platz aufmarschiert, der im Schein ihrer Fackeln erstrahlt. Dann verkündet Heß: "Es ist zusammengeschlossen, was notwendigerweise längst zusammengehörte: Groß-Hamburg ist Wirklichkeit geworden!"

Hitler will eine starke Elbmetropole

Ein Federstrich Hitlers hat genügt, um die preußischen Großstädte Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg per Gesetz der Hansestadt zuzuschlagen, Hamburgs Staatsgebiet damit beinahe zu verdoppeln und die Zahl der Einwohner um 500.000 auf 1,7 Millionen zu erhöhen.

Seit Jahrzehnten schon hat Hamburg, das zwischen den Nachbarstädten eingezwängt ist, diese Erweiterung seiner Grenzen gefordert. Doch zu einer Neuordnung, wie etwa in Berlin oder im Ruhrgebiet 1920 vollzogen, ist es bisher nicht gekommen. Denn die preußischen Städte haben sich zumeist gegen die Zwangsvereinigung auf ihre Kosten gewehrt, stattdessen den Ausbau der Eigenständigkeit forciert.

Die Städte kooperieren schon länger

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Ein Stein im Straßenpflaster erinnert auf St. Pauli an die ehemalige Grenze zwischen Altona und Hamburg.

Gleichzeitig setzten sie auf Zusammenarbeit, etwa in der Hafenwirtschaft oder im Nahverkehr: Die Straßenbahn fährt schon lange vom Berliner Tor in Hamburg bis in den Altonaer Stadtteil Ottensen. Und die Bewohner der vier Städte wussten immer die Vorteile der engen Nachbarschaft zu nutzen: Wandsbeker Kaufleute machen ihre Geschäfte an der Hamburger Börse, die Altonaer Parks an der Elbe sind ein beliebtes Ausflugsziel der Hansestädter, und Maler, Dichter, Musiker und Schauspieler feiern gemeinsam auf den berühmten Hamburger Künstlerfesten.

Doch jetzt planen die Nationalsozialisten die Aufrüstung für den Krieg. Und dafür brauchen sie eine mächtige Wirtschaftsmetropole an der Elbe, die Vereinigung der Handelsstadt Hamburg mit den umliegenden preußischen Industriestädten - ohne Rücksicht auf die historische Entwicklung.

Göring plant für den Krieg

Mit den Worten "Altona, das ist ja Unsinn, das dürfen wir heute nicht mehr denken" hat Hitler angeblich schon Jahre zuvor eine Beschränkung der gigantischen Elbuferbebauung auf die Hamburger Stadtgrenzen vom Tisch gewischt. Jetzt vollendet Hermann Göring, sein Beauftragter für den kriegsvorbereitenden Vierjahresplan, die Vereinigung zur "Hauptstadt der deutschen Schifffahrt" und zur zweitgrößten Stadt des Reiches.

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In der Eimsbütteler Chaussee verlief die Grenze früher mitten durch den Fußgängerweg. Heute zeigt eine Markierung, wo genau.

Fortan sind in Großhamburg ein Drittel der deutschen Fischindustrie, ein Viertel der Werften und ein Fünftel der Mineralölindustrie konzentriert. Zehntausende von Arbeitern produzieren in den Fabriken bald auch für die Aufrüstung, etwa Kriegsschiffe, Panzerteile, Haubitzen, Bomben, Pistolen und Munition. Schon im Winter ist bei Blohm + Voss mit der "Admiral Hipper" der erste Schwere Kreuzer der Kriegsmarine vom Stapel gelaufen.

Neuordnung betrifft ganz Norddeutschland

Doch die Neuordnung betrifft nicht nur den Hamburger Wirtschaftsraum, sondern weite Teile Norddeutschlands, vor allem, um die herben Verluste Preußens auszugleichen. Lübeck verliert seine mehr als 700-jährige staatliche Eigenständigkeit. Es wird als Land aufgelöst und der preußischen Provinz Schleswig-Holstein zugeschlagen. Auch die hamburgische Stadt Geesthacht und das oldenburgische Eutin gehen an Preußen.

Im heutigen Niedersachsen wird das damals preußische Wilhelmshaven mit dem benachbarten Rüstringen vereinigt und dem Land Oldenburg angegliedert. Das an der Elbmündung gelegene Amt Ritzebüttel mit der Stadt Cuxhaven und den Inseln Neuwerk und Scharhörn, seit 1394 hamburgisch, geht auf das Land Preußen über. Selbst zwischen Mecklenburg und Preußen kommt es zum Austausch von kleineren Gebieten. Außerdem werden 27 Umlandgemeinden aus den Landkreisen Pinneberg, Stormarn, Stade, Harburg und Herzogtum Lauenburg Hamburg angegliedert.

Pincerno - Groß-Hamburg 2

Kritik im Hamburger Umland

Besonders im Hamburger Umland geschieht die Grenzziehung, die nach kurzen, nicht von stadtplanerischem Sachverstand geleiteten Verhandlungen der beteiligten Gauleiter zustande gekommen ist, eher zufällig. Und während die Hamburger feiern, gibt es in den eingemeindeten Gebieten auch kritische Stimmen, besonders in Harburg und Stormarn.

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Am Wechsel der Pflastersteine ist in der Straße Ophagen zu erkennen, wo Altona einst endete und Hamburg begann.

Der Sozial- und Kulturhistoriker Prof. Dr. Norbert Fischer, der die historische Entwicklung der Metropolregion an der Elbe erforscht hat, spricht von einer einseitig zu Gunsten Hamburgs ausgerichteten Zielsetzung: "Der Landkreis Stormarn etwa war an der Vorbereitung des Gesetzes ebenso wenig beteiligt wie die übrigen betroffenen Umlandgebiete. Er verlor die Hälfte seiner Einwohner und die meisten seiner gewerblich-industriell entwickelten Gebiete - wie Billstedt, Bramfeld und Lohbrügge." 

Groß-Hamburg besteht bis heute

Dennoch kommt es nach 1945 nicht zu einer Revidierung des NS-Gesetzes. Lübeck scheitert bei der Wiederherstellung seiner Autonomie 1956 vor dem Bundesverfassungsgericht. In Hamburg will die britische Besatzungsmacht die Städteverbindung eigentlich wieder aufheben, um den starken Wirtschaftsraum zu schwächen. Doch der Senat, an dessen Spitze bald der ehemalige Altonaer Oberbürgermeister Max Brauer gewählt wird, widersetzt sich den Plänen erfolgreich. Denn die Vorteile der Vereinigung - etwa die gestraffte Verwaltung, geballte Gewerbesteuereinnahmen, einheitliche Wirtschaftspolitik - überwiegen auch beim dringend erforderlichen Wiederaufbau der zerstörten Stadt. Sie haben sich bis heute bewährt.

Vielerorts bewahren sich die Bewohner allerdings über Jahrzehnte ein Sonderbewusstsein, etwa im ehemals oldenburgischen Eutin, aber auch in Harburg und Altona, wo hin und wieder Initiativen mit separatistischen Zielen aufkommen und ältere Bürger noch immer sagen "ich fahre nach Hamburg", wenn sie zum Jungfernstieg wollen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 01.04.2017 | 19:30 Uhr

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