Stand: 07.08.2016 10:00 Uhr  | Archiv

Schluss mit der Kolonial-Romantik - aber wie?

Am besten ist, man nimmt sich eine halbe Stunde Zeit für einen Besuch des abgelegenen "Tansania-Parks" in Hamburg. Dort zeigt sich geradezu beispielhaft, wie sich die Hansestadt über ihre koloniale Vergangenheit streitet - und dabei nicht recht vom Fleck kommt. Es ist eine schlecht gepflegte Grünanlage im Stadtteil Jenfeld, kaum größer als zwei Tennisplätze nebeneinander. Das Eingangstor ist abgeschlossen, nur wenige Eingeweihte haben einen Schlüssel. In dem Park stehen die "Askari-Reliefs" aus der Zeit des Dritten Reiches. Das Kunstwerk glorifiziert die deutsche Kolonialzeit in Afrika. Wie soll die Stadt damit umgehen? Seit 2002 tobt ein Streit über die beste Lösung. Zuletzt arbeitete ein Beirat sechs lange Jahre Texte aus, die die Askari-Reliefs historisch einordnen sollen. Seit 2012 liegen die Entwürfe vor. Aber seitdem ist nichts passiert.

Koloniales Erbe im "Tansania-Park"

Ein Erinnerungskonzept soll her

Hamburg will sich nun seinem Kolonialerbe widmen. Im Juli 2014 präsentierte der Senat, wie er sich die Aufarbeitung der Kolonial-Vergangenheit vorstellt. An der Hamburger Universität ist daraufhin eine Forschungsstelle eingerichtet worden. Die Wissenschaftler sollen innerhalb von drei Jahren die Fakten-Grundlage für das geplante Erinnerungskonzept schaffen. "Hamburg stellt sich seiner problematischen Vergangenheit", sagt dazu Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos). Auch die Hamburger Museen sollen sich künftig stärker dem Thema Kolonialerbe widmen. Und - ganz wichtig - der "Tansania-Park" müsse neu gestaltet werden, gibt der Senat vor. Aber erst einmal sollen die Historiker ihre Arbeit erledigen.

Hamburg ist Vorreiter

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In der St. Michaelis-Kirche erinnert diese umstrittene Gedenktafel an die Hamburger Opfer aus der Kolonialzeit.

"Hamburg ist zu lange passiv gewesen bei der Aufarbeitung seiner Kolonialvergangenheit", sagt Jürgen Zimmerer. Der Professor leitet die neu geschaffene Forschungsstelle an der Universität mit dem Titel "Hamburg (post-)koloniales Erbe/ Hamburg und die frühe Globalisierung". Für das jetzige Vorhaben ist er voll des Lobes: "In ganz Europa gibt es nichts Vergleichbares. Dass eine Stadtregierung sagt: Wir müssen unsere Kolonialvergangenheit aufarbeiten", sagt Zimmerer. Hamburg sei in dieser Hinsicht ein führender Platz postkolonialer Forschung in der Welt.

Überall sind Kolonialspuren zu finden

Was kaum jemandem bewusst ist: Das Stadtbild Hamburgs ist an vielen Ecken von der Kolonialzeit geprägt. "Man kann in Hamburg ja kaum 200 oder 300 Meter weit laufen, ohne an einem Erinnerungsort der Kolonialzeit vorbeizukommen", sagt Zimmerer. Im Hafen ist etwa die Speicherstadt zu nennen, die ohne den Handel mit Kolonialwaren aus aller Welt in dieser Größe nicht nötig gewesen wäre. Tee, Kaffee und Gewürze sind ja klassische Kolonialwaren. Zudem ließen Hamburger Kaufleute, die dank des Kolonialhandels Reichtümer anhäufen konnten, einige prägnante Gebäude errichten - wie das Chilehaus im Kontorhausviertel, das zusammen mit der Speicherstadt den Titel UNESCO-Welterbe trägt. Auch die Hamburger Universität, die aus dem "Hamburgischen Kolonialinstitut" hervorgegangen ist, das Völkerkundemuseum und der traditionsreiche Tierpark Hagenbeck haben ihren Ursprung in der Kolonialzeit.

"Nur anekdotisches Wissen"

Schon seit Jahrzehnten befassen sich Wissenschaftler damit, die Epoche der Kolonialzeit aufzuarbeiten. Aber es gibt noch viel zu tun. "Man kennt bislang überall nur die Spitzen der Eisberge, aber nicht den Rest", sagt Professor Zimmerer im Gespräch mit NDR.de. Man habe nur anekdotisches Wissen. Zu klären sind unter anderem noch folgende Fragen: Wie ist Hamburg als Stadt mit der Kolonialzeit um 1900 oder 1910 umgegangen? Inwiefern profitierte Hamburg von dem Sklavenhandel? Wie verbreitet war Kritik an den deutschen Kolonien in Afrika?

Hamburger lassen sich Schnapshandel nicht verbieten

Einer der mächtigsten Kaufleute in den deutschen Kolonien war der Hamburger Geschäftsmann und Reeder Adolph Woermann.

Klar ist schon jetzt, dass viele Hamburger Kaufleute vom Kolonialhandel profitierten. Dabei ging es nicht nur darum exotische Waren ins Deutsche Reich zu holen. Auch als Absatzmarkt sind die Kolonien wichtig. In der Hansestadt lebte beispielsweise eine ganze Industrie vom Branntwein-Export. 1884 existierten in und um Hamburg mehr als 20 Firmen, die mit der Schnaps-Herstellung befasst waren. Missionare prangerten zwar die verheerenden Folgen des Alkoholgenusses in der afrikanischen Bevölkerung an. Aber der Hamburger Kaufmann Adolph Woermann machte deutlich, dass das Geschäft wichtiger sei als die Moral. Im Reichstag sagte Woermann im Februar 1885: "Wollen wir aus reiner Liebe zu den Negern den Schnapshandel nach Afrika verbieten, so würden wir einen wichtigen Zweig des deutschen Exporthandels bedeutend schädigen!" Die Haltung Woermanns ist typisch für seine Zeit, die Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung wurde nicht als problematisch angesehen. "Der Gedanke, dass man etwas Unrechtes tut, kam den Meisten gar nicht", sagt Zimmerer. Man könne den Afrikanern das Land ruhig wegnehmen, weil sie es ja nicht nutzten, so die Argumentation. Und den Menschen vor Ort würde man noch einen Gefallen tun, wenn man sie zur Arbeit bringt und so erzieht.

Bismarck überredet

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Reichskanzler Otto von Bismarck hielt nicht viel von deutschen Kolonien in Afrika - aber er gab schließlich nach - auch auf Drängen Hamburgs hin.

Reichskanzler Otto von Bismarck sah Deutschland nicht als Kolonialmacht, er sträubte sich lange gegen ein Engagement in Afrika. Er fürchtete Konfrontationen mit den anderen Kolonialmächten wie England und Frankreich. Es waren im Wesentlichen Hamburger Kaufleute, die vehement darauf drängten, dass die Geschäfte in Afrika mit deutschen Soldaten gesichert werden. Denn immer wieder gab es Widerstand in der einheimischen Bevölkerung gegen die brutale und rücksichtslose Vorgehensweise der Weißen. Bismarck gab schließlich nach- und so entstanden Mitte der 1880er-Jahre die "Deutschen Schutzgebiete" in Afrika.

Soldaten gingen in Hamburg an Bord

Ein wichtiger Schauplatz war Hamburg auch bei der Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika ein, dem heutigen Namibia. 15.000 bis 19.000 Soldaten waren im Einsatz, fast alle Truppen wurden von Hamburg aus nach Afrika verschifft. Die einzige Reederei, die damals eine regelmäßige Verbindung nach Südwestafrika anbot, war die Woermann-Linie des Hamburger Kaufmanns und Reeders Adolph Woermann. Auch 11.000 Pferde und massenweise Verpflegung wurden im Hamburger Hafen verladen. Viele Historiker - unter ihnen Zimmerer - bezeichnen das deutsche Vorgehen bei der Niederschlagung des Herero-Aufstandes als Völkermord. Unter dem Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha sei die vollständige Vernichtung der Herero das Ziel gewesen. Zehntausende kamen ums Leben, viele von ihnen verdursteten in der Wüste, nachdem die Deutschen den Herero den Zugang zu den wenigen Wasserstellen verwehrt hatten.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.12.2014 | 19:30 Uhr

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