Stand: 03.08.2018 00:01 Uhr

Schlagsdorf: Grenzhus öffnet mit neuer Ausstellung

von Axel Seitz

Wohnhaus des Domänenpächters, dann Schule, Kindergarten und jetzt Museum. Der zweistöckige Fachwerkbau mitten in der westmecklenburgischen Gemeinde Schlagsdorf hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Eine Geschichte, die seit 1945 untrennbar mit der innerdeutschen Grenze verbunden ist. Seit 1999 gibt es hier bereits das Grenzhus. In den vergangenen zwei Jahren wurde nun die Ausstellung zur Geschichte der innerdeutschen Grenze in Norddeutschland umfassend und wissenschaftlich überarbeitet. Ein Besuch im "neuen" Grenzhus.

Wer aus der zweiten Etage des Fachwerkhauses schaut, hat einen wunderbaren weiten Blick auf die Mecklenburger Landschaft, und hinter dem nahen Feld, kurz vor dem Wald - da war sie, die innerdeutsche Grenze. Ganz in ihrer Nähe hat Robert Paeplow gewohnt. "Ich bin direkt an der Grenze groß geworden", erzählt er. "Drei Kilometer weiter war meine erste Wohnung in Ratzeburg. Und morgens, wenn ich mir die Zähne geputzt habe, da hatte ich immer das Gefühl, dass der Wachturm mir zuwinkt. Meine Kinder haben hier Fahrradfahren gelernt, denn da war kein Mensch. Da war auf der westlichen Seite gar nichts."

Es geht um die Menschen im ehemaligen Grenzgebiet

Dieses Garnichts im westdeutschen Zonenrandgebiet wird in der neuen Ausstellung im Grenzhus ebenso beleuchtet wie das Sperrgebiet im Osten. Und dabei geht es immer um die betroffenen Menschen, erzählt der Projektleiter im Grenzhus, Andreas Wagner: "Wie war das für Menschen, die eine Flucht riskiert haben? Wie war das für Menschen, die zwangsausgesiedelt wurden? Oder wie war das für die Menschen, die im Sperrgebiet gelebt oder die in den Grenztruppen gedient haben? Diese Fragestellungen versuchen wir hier in der Ausstellung zu erklären, verständlich zu machen. Wir betten diese Themen in eine Gesellschaftsgeschichte der deutsch-deutschen Teilung ein. Wir erzählen auch, was die Grenze für die Landschaft bedeutete, weil wir hier im Biosphärenreservat Schaalsee sind und das ein wichtiges Thema ist."

Fluchtgeschichten von Ost nach West

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Andreas Wagner (links) - geboren in Dresden - ist Projektleiter des Museums. Robert Paeplow - geboren in Mölln - ist Sprecher des Freundeskreises Grenzhus.

So wird der Besucher ganz konkret unter anderem mit Fluchtgeschichten von Ost nach West konfrontiert: "Harry Weltzin zum Beispiel versucht 1983 aus der DDR zu fliehen, wird aber durch die Selbstschussanlagen getötet. Erst nach 1990 erfährt seine Mutter die wahren Todesumstände ihres Sohnes. Das ist schon etwas, was einen sehr berührt", sagt Wagner. "Dann haben wir Frank Möller, der im Sperrgebiet wohnte und 1989 mit zwei Freunden eine u-förmige Leiter baute, um über den Signalzaun zu kommen. Das schafften sie und überwanden anschließend mit Steigeisen den Streckmetallzaun - ihre Flucht war also erfolgreich."

Vollständig neue Ausstellung

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Elke Haferburg ist die Direktorin des Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern.

Zwei Jahre lang wurde das Grenzhus umgebaut, neu gestaltet und mit einer vollständig neuen Ausstellung ausgestattet. Neben zahlreichen Informationstafeln mit vielen Fotos aus den vergangenen Jahrzehnten kann sich der Besucher an mehreren Stationen kurze Filme anschauen, Material, das unter anderem vom NDR bereitgestellt wurde, berichtet die Landesfunkhausdirektorin von Mecklenburg-Vorpommern, Elke Haferburg: "Ich finde es wunderbar, dass diese Materialien, die wir haben, nicht in unserem Archiv lagern und ganz selten zu bestimmten Anlässen mal herausgeholt werden, sondern dass sie genau dorthin passen - und dass jeder Besucher, der dort hineingeht, die Filme sehen kann, die Geschichten hören kann, die zum Teil ja sehr, sehr anrührend sind - die aber auch andere Seiten des Lebens zeigen, auch durchaus fröhliche Begebenheiten."

Ort der Verständigung an der Stelle der Teilung

Mehr als 10.000 Besucher kamen in den vergangenen Jahren jährlich in das Museum - mit der neuen Ausstellung könnte sich die Zahl durchaus erhöhen. Das wünscht sich auch der gebürtige Möllner Robert Paeplow, der schon seit Jahren in Schlagsdorf wohnt und Sprecher des Freundeskreises Grenzhus ist: "Ich hoffe, dass dieses verbindende Element Grenzhus Schlagsdorf als nördlicher Punkt des Biosphärenreservates einfach dazu beiträgt, dass noch mehr Besucher kommen. Ich sehe diesen Ort als Ort der Verständigung." Verständigung im ehemaligen Grenzgebiet, im äußersten Westen Mecklenburgs, ganz nah am Herzogtum Lauenburg - in Schlagsdorf, wo heute nur noch ein Museum darauf hinweist, wo und warum Deutschland einmal geteilt war.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 03.08.2018 | 17:50 Uhr

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