Stand: 26.12.2018 06:00 Uhr

Mit Tempo durch die Zeit des Aufbruchs

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Kai-Uwe Wahl "schraubt" an seinem Tempo Hanseat selbst.

"So einen hatten wir auch mal" oder "Das waren noch Zeiten" hört Kai-Uwe Wahl häufig, wenn der Hamburger mit seinem Tempo Hanseat auf den drei Rädern für Aufsehen sorgt. Es macht ihm auch Spaß, die Leute mit dem vergleichsweise jungen Baujahr zu irritieren. Denn der Kastenwagen mit Ein-Zylinder-Dieselmotor und 10 PS aus 454 Kubikzentimetern Hubraum ist aus dem Jahr 1989. Warum in seinen Erklärungen Indien eine Rolle spielt, ist der lebhaften Geschichte des Autoherstellers Tempo-Werk geschuldet, die vor 90 Jahren ihren Anfang nahm.

Vom Kohlenhändler zum Autobauer

Ursprünglich sind die Firmengründer im Kohlen- und Brennstoffhandel tätig. Auf der Suche nach einer zukunftsträchtigeren Branche werden Max Vidal und sein Sohn Oscar im wachsenden Markt der Dreirad-Lieferwagen fündig. Hintergrund: Für Fahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum unter 200 Kubikzentimetern gibt es damals eine Steuer- und Führerscheinfreiheit.

Tempo und seine Fahrzeuge

Produktion läuft anfangs etwas "unrund"

So wird 1928 der Autobauer Vidal & Sohn gegründet - später wird der Zusatz Tempo-Werk ergänzt. In der Anfangszeit "rumpelt" die Herstellung bei den Vidals noch, die ersten Fahrzeuge haben mitunter gravierende Mängel. Als aber der gewiefte und erfahrene Konstrukteur Otto Daus 1929 dazustößt, nimmt das junge Unternehmen richtig Fahrt auf. Die Firma ist zunächst einige Jahre im Stadtteil Wandsbek und ab 1934/1935 in Hamburg-Harburg auf einem größeren Gelände ansässig. Der meistgekaufte Kleinlaster der Welt kommt in den 1930er-Jahren von Tempo.

Viele Ausstattungsvarianten möglich

Die Tempo-Fahrzeuge haben durchweg Frontantrieb. So haben die Käufer bei der Wahl der Ausstattungsvarianten relativ freie Hand. Das Tempo-Werk stellt im Verlauf seiner mehr als 40-jährigen Geschichte eine große Zahl an Sonderaufbauten her. "Tempo baut nach Maß", heißt es. Mit dem Geländewagen G1200 fertigt Tempo darüber hinaus ein Auto, das auch für das Militär interessant ist - sogar im Ausland.

Besondere Vorsicht auf drei Rädern

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Sportlich unterwegs sind die Tempo-Wagen schon, aber vor Kurven sollte der Fahrer Gas wegnehmen.

"Das Besondere an Tempo ist für mich die Tatsache, dass die Fahrzeuge aus Hamburg kommen und doch recht selten sind", erläutert Kai-Uwe Wahl sein Interesse für die Oldtimer. Wie Wahl engagiert sich auch Sven Thomsen im 1999 gegründeten Tempo Club Deutschland, in dem sich Tempo-Freunde über die diversen Fahrzeuge und ihre Besonderheiten austauschen können. Thomsen hat einen Ratschlag, den schon in den 1930er-Jahren jeder Fahrer eines solchen Dreirads beherzigen sollte: "Vor der Kurve unbedingt den Fuß vom Gas nehmen!" Sonst droht der Wagen umzukippen und landet vielleicht im Graben.

Robuste Autos helfen beim Wiederaufbau

Weil es auch für die Nachfolgemodelle keine Ersatzteile mehr gibt, hält das Club-Archiv unter anderem Ersatzteilkataloge, Werkstatthandbücher, Betriebsanleitungen und technische Zeichnungen bereit. Ziel des Clubs ist es auch, die Erinnerung wachzuhalten. Besonders der Hanseat ist damals sehr gefragt. Die Autos gelten darüber hinaus als "unkaputtbar" und werden rückblickend als Motor des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Nachdem die Briten die Produktionsgenehmigung erteilen, stellt Vidal & Sohn bereits 1945 wieder Fahrzeuge her. In die Erfolgsspur fahren die Hamburger aber erst nach der Währungsreform 1948 und dank eines europäischen Hilfsprogramms, das dafür sorgt, dass Rohstoffe wieder in die Hansestadt geliefert werden. Das Tempo-Werk stellt viele neue Arbeiter ein, Produktion und Nachfrage steigen gleichermaßen, sodass die Fertigungshallen erweitert werden müssen.

Vielseitig einsetzbar

Neben dem Hanseat (als Weiterentwicklung der Vorkriegsdreiräder A200 und des A400) kommt auch der vierrädrige Matador bei der Kundschaft gut an. So haben namhafte Firmen wie Reifenhersteller Phoenix oder Senf-Produzent Kühne Tempo-Wagen in ihren Fuhrparks. Beliebt sind die Autos auch bei Kleinbetrieben oder "fliegenden Händlern" als mobiler Verkaufsstand. Es gibt Krankenfahrzeuge, Abschlepp-, Straßenreinigungs- und Tankwagen sowie Busse von Tempo - alle basierend auf den Grundplattformen. Familien freuen sich über Autos mit Camping-Ausstattung. Auch der Export boomt. Insgesamt 48 Länder stehen als Auftraggeber in den Bestelllisten. Die Firma Vidal & Sohn schwimmt auf einer Erfolgswelle.

"Tempo, Tempo schreit die Welt, Tempo, Tempo, Zeit ist Geld. Hast Du keinen Tempo-Wagen, wird die Konkurrenz Dich schlagen." Firmen-Slogan von Tempo-Werk

Keine Chance gegen die großen Konzerne

Doch die Konkurrenz schlägt zurück. Bereits 1952 muss sich Tempo nach einem anderen Motorenhersteller für den Matador umsehen. Bis dahin liefert VW das Herzstück der Autos, will den Erfolg der Hamburger aber nicht weiter unterstützen. Das neue Modell Wiking bringt noch mal etwas Schwung für Tempo, doch die Zeiten für das Privatunternehmen werden härter. Während die großen wiedererstarkenden Automobilkonzerne wie VW, Opel, Daimler und Ford riesige Summen investieren, geht die Entwicklung in Harburg nur behutsam voran. Um das Unternehmen mit einem Partner abzusichern, verkauft Oscar Vidal am 1. Februar 1955 50 Prozent an die Hannoversche Maschinenbau AG (Hanomag). Dies geschieht wohl auch, weil die Zeit des einst erfolgreichen Hanseat abgelaufen ist. Drei Räder sind nicht mehr gefragt. Nach mehr als 100.000 Exemplaren wird der Verkauf in Deutschland 1956 eingestellt.

Video
00:48
NDR Fernsehen

Die Geschichte des Tempo-Werks

21.12.2018 17:12 Uhr
NDR Fernsehen

Den Erfolg bringen dreirädrige Kleinlaster, später baut das Hamburger Tempo-Werk auch Fahrzeuge auf vier Rädern. Video (00:48 min)

Zu Hanomag und zu Rheinstahl

Die Zusammenarbeit mit Hanomag funktioniert anfangs gut, dann geraten die Hannoveraner selbst in Schwierigkeiten. 1958 übernimmt die Rheinische Stahlwerke AG aus Essen die Aktienmehrheit von Hanomag. Ein Jahr später gehen Tempo und Hanomag an den Rheinstahl-Konzern. 1965 gibt Oscar Vidal seine letzten Geschäftsanteile an Rheinstahl ab. Innerhalb des Essener Konzerns kommt Tempo zu Hanomag. Der Tempo-Lieferwagen wird als "Harburger Transporter" weiterentwickelt. Ab 1966 hat auch der Tempo Matador das Rheinstahl-Hanomag-Emblem auf der Front. Bis dahin werden exakt 277.281 Tempo-Fahrzeuge in Deutschland produziert.

Heute residiert Daimler am Tempo-Standort

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Der "Harburger Transporter" basiert auf dem Tempo Matador - hier schon mit dem Stern auf dem Kühlergrill.

Das Tempo-Werk in Harburg wird 1969 Teil der neuen Hanomag-Henschel Fahrzeugwerke GmbH, die wiederum 1971 von der Daimler-Benz AG übernommen wird. Bis 1977/1978 baut Mercedes die "Harburger Transporter" in Hamburg. Als dessen Nachfolger ist der T1 ("Bremer Transporter") dann ein "echtes" Fahrzeug mit dem Stern.

Das Daimler-Werk ist heute ein Hightech-Standort für Antriebskomponenten der Elektromobilität. Hinzu kommen die traditionellen Produktfelder, die von Achsen und Achskomponenten über Lenksäulen und Leichtbaustrukturteile bis hin zu Komponenten der Abgastechnologie reichen. In jedem Mercedes-Benz-Pkw wird mindestens ein Produkt aus dem Harburger Werk verbaut.

Hanseat wird noch 38 Jahre in Indien gebaut

Auch wenn die Marke Tempo in Deutschland nicht mehr benutzt wird, lebt sie noch weiter: Das Unternehmen Bajaj-Tempo in Indien stellt von 1962 bis 2000 die Dreirad-Lieferwagen von Tempo in Lizenz her. Und so erklärt sich dann auch die Herkunft des reimportierten Hanseat von Kai-Uwe Wahl. Der Wagen aus dem Jahr 1989 läuft technisch einwandfrei (Spitzengeschwindigkeit 50 km/h) und hat natürlich TÜV. Wahl lässt ihm im Alltag keine besondere Pflege zukommen. "Mein Fahrzeug soll sein Leben zeigen. Ich bin nicht der Typ, der ein überrestauriertes Auto sein eigen nennen möchte."

Wie und wo damals bei Tempo gearbeitet wird

Karte: Standorte von Vidal & Sohn in Hamburg

Dieses Thema im Programm:

19.11.2017 | 14:45 Uhr

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