Sendedatum: 23.04.2018 18:45 Uhr

"Highway 84": Das NATO-Manöver auf der Autobahn

von Philipp Jeß

Im Jahr 1984 probt die NATO mit dem Manöver "Operation Highway 84" den Ernstfall: Unzählige Kriegsgeräte und Truppen werden eingeflogen und ein kleiner Autobahnrastplatz wird für ein Wochenende zum spektakulären Schauplatz des Kalten Krieges. Wäre es zum Ernstfall gekommen, hätte die NATO mitten in der niedersächsischen Provinz eine Drehscheibe für militärische Operationen einrichten können.

Die "Operation Highway 84" findet auf der A29 statt, doch dieser Notlandeplatz ist inzwischen zurückgebaut. Gemeinsam mit Helmut Friz, einem ehemaligen Projektoffizier der Bundeswehr, geht Reporter Philipp Jeß auf einem Teilstück der A27 bei Neuenwalde in Niedersachsen auf Spurensuche.

Philipp Jeß und © NDR

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Philipp Jeß führt es zu einem früheren Notlandeplatz der NATO auf einem Teilstück der A27 bei Neuenwalde in Niedersachsen. Dort wurde während des Kalten Kriegs für den Ernstfall geübt.

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Immer wenn kein Grünstreifen die A27 trennt, fahren sie auf der Fahrbahn über einen militärischen Notlandeplatz. Dann reicht die Betondecke in voller Ausdehnung 27 Meter über alle Spuren und bis zur nächsten Brücke sind es mindestens zwei Kilometer. Genug Platz um mit Düsenjägern, großen Bombern oder sogar Transportmaschinen auf der Autobahn zu landen. Die Mittelleitplanke ist nur in den Boden gesteckt und könnte binnen eines Tages von der Strecke entfernt werden. Rund 60 dieser Notlandeplätze gibt es. Viele davon liegen im flachen Norddeutschland. Es sind Relikte aus dem Kalten Krieg. Der Ernstfall wurde in aufwendigen Übungen trainiert. Eine davon trägt den Namen: "Highway 84".

Großer Organisationsaufwand und Friedensproteste

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Anhand von Fotos zeigt Helmut Friz, wie es früher auf der A27 aussah und wo der Notlandeplatz war.

Helmut Friz ist damals der Projektoffizier. Der junge Major und ausgebildete Fluglotse ist Chef der Flugsicherung am Fliegerhorst Oldenburg, als die NATO die Bundeswehr mit der Organisation von sogenannten NLP-Übungen beauftragt. Es soll das spannendste Projekt seiner Karriere werden. Nicht nur wegen organisatorischer Abstimmungen mit den Amerikanern und mit der Autobahnmeisterei, auch wegen Protesten der Friedensbewegung, bei denen einige Demonstranten sogar "Krähenfüße" auf die Fahrbahn geworfen haben sollen. Dazu kommen noch eine Reihe anderer Zwischenfälle, die heute nur so amüsant sind, weil es nicht geknallt hat.

Kapriolen eines französischen Kampfpilots

So ist ein französischer Kampfpilot mit seiner Maschine in Nordholz gelandet und bekommt dort mit, dass NATO-Kollegen auf der Autobahn ein interessantes Training absolvieren. Das ist offenbar sehr reizvoll und als er wieder in der Luft ist, setzt der Franzose mit seiner Mirage spontan und unangemeldet zur Landung auf der Fahrbahn an. Jedoch viel zu knapp. "Ein paar Hundert Meter vor der nächsten Brücke war die Maschine noch in der Luft", erzählt Helmut Friz und man spürt wie sich die Aufregung über den Beinahe-Crash wieder breitmacht. Gerade noch rechtzeitig erkennt der Pilot, wie sehr er sich verschätzt hat und gibt wieder Schub. Er schafft es nur knapp über die Autobahnbrücke und entfernt sich grußlos Richtung Frankreich. Ein Landwirt, der während der Übung das damals noch nicht freigegebene Autobahnstück als Abkürzung zu seinen Feldern nutzen will, ist höflicher. Auch hier geht alles gut: Mensch, Traktor und Jets bleiben unbeschadet.

Überbleibsel der Notlandeplätze verschwinden

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Wo die Grünstreifen auf der Autobahn A27 nicht durchgängig sind, befand sich der Notlandeplatz.

A-10-Bomber, Alphajets und Starfighter: Helmut Frizs Augen leuchten, wenn er die verschiedenen Militärmaschinen aufzählt, die im März 1984 auf der A27 bei Alhorn vor seiner Kamera das Starten und Landen auf der Autobahn proben. Dabei ist die Übung alles andere als eine Flugshow mit "Top-Gun-Feeling". Es ist die Probe für den Worst Case, für den Fall, dass der Gegner die eigenen Flughäfen zerstört, während NATO-Maschinen noch im Einsatz sind. Die zurückkehrenden Maschinen hätten auf den Autobahnen landen, mit Kraftstoff versorgt werden und in noch nicht zerstörtes Gebiet verlegt werden sollen. Zwar wird bei den Übungen auch trainiert, die Jagdbomber auf der Fahrbahn mit neuen Raketen zu bestücken, das sei aber nicht die primäre Strategie gewesen.

Die Notlandeplätze gehören zur Geschichte des Kalten Kriegs. Und bald werden keine Spuren mehr von Ihnen erzählen, denn die Flächen werden nach und nach zurückgebaut.

 

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Dieses Thema im Programm:

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