Stand: 28.09.2016 18:56 Uhr  | Archiv

Umtriebig und umstritten: Architekt Cäsar Pinnau

von Dirk Hempel, NDR.de
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Cäsar Pinnau gründet 1947 ein Architekturbüro in Hamburg. Er entwirft vor allem Villen, Fabriken und Schiffe.

Der Hamburger Cäsar Pinnau (1906-1988) war einer der erfolgreichsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit. Er entwarf Villen und Jachten für die Reichen und Mächtigen, baute Zentralen und Fabrikgebäude für Weltkonzerne und gestaltete Schiffe wie die "Cap San Diego". Mehr als 400 Projekte hat er mit seinem Planungsbüro betrieben.

Trotzdem ist er bis heute weitgehend unbekannt. Denn er bevorzugte den traditionellen, klassizistischen Stil, war kein Vertreter der in Fachkreisen lange hoch geschätzten Moderne. Vor allem aber arbeitete er in der Zeit des Nationalsozialismus für die Spitzen des Regimes. Von seiner Verstrickung hat er sich jedoch nie distanziert. Deshalb gilt Pinnau bis heute als umstritten, wurde sein Werk in der Fachgeschichte weitgehend ignoriert. Jetzt zeigt eine Ausstellung im Altonaer Museum in Hamburg seine Arbeiten.

Villen, Hochhäuser, Schiffe - Einblicke in Cäsar Pinnaus Werk

Pinnau stammt aus einer Hamburger Tischlerfamilie, studiert in Berlin und München und arbeitet ab 1930 im Büro des Stararchitekten Fritz August Breuhaus de Groot. Er plant repräsentative Inneneinrichtungen für Villen und ist auch an der Gestaltung von Kabinen und Gesellschaftsräumen des später verunglückten Zeppelins "Hindenburg" beteiligt. 

Pinnau plante für die Spitzen des NS-Regimes

Seit 1937 Mitglied der NSDAP, erhält er vom "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" und späteren Rüstungsminister Albert Speer zahlreiche Aufträge, unter anderem für die Innenräume von Adolf Hitlers Neuer Reichskanzlei. Und in Heinrich Himmlers Dienstvilla versammeln sich die SS-Führer in dem von Pinnau entworfenen Konferenzraum. Außerdem plant er Bauten für die Nord-Süd-Achse des künftigen "Germania", wie Berlin nach der Umgestaltung heißen soll.

Repräsentative Villen für die Hamburger Kaufleute

Im Entnazifizierungsverfahren 1946 stuft ihn eine Kammer jedoch als "entlastet" ein. Pinnau gründet ein Büro in Hamburg, ist aber am Wiederaufbau der zerstörten Stadt nicht beteiligt. Denn öffentliche Aufträge erhält er wegen seiner Tätigkeiten in der Nazizeit nicht. Allerdings unterhält er schon bald beste Kontakte in die High Society und entwirft zahlreiche repräsentative Wohnhäuser im traditionellen Stil. Vor allem in den Elbvororten und an der Alster gelten seine Villen in den 50er-Jahren als Statussymbole der vornehmen Gesellschaft.

Modernes nur auf Anfrage

Das Hochhaus der Reederei Hamburg Süd in Hamburg lässt Pinnau ganz modern aus Glas, Beton und Stahl bauen.

Pinnau baut auch moderne Gebäude, gestaltet auf Wunsch seiner Auftraggeber Hochhäuser aus Glas, Stahl und Beton, wie die nach dem Vorbild New Yorker Hochhäuser entstandene Zentrale der Hamburg Süd. Für die zum Oetker-Konzern gehörende Reederei entwirft er auch Frachtschiffe, etwa die "Cap San Diego". Bis in die 60er-Jahre gilt Pinnau als einer der führenden Architekten im deutschen Schiffbau.

Architekt des internationalen Jetset

Nachdem er für den Reeder Aristoteles Onassis für zehn Millionen Mark eine Yacht umgebaut hat, spielt er auch im internationalen Jetset eine Rolle. Bei dem griechischen Multimilliardär gehen damals Showgrößen und Politiker ein und aus, Winston Churchill und Richard Burton, Maria Callas und Jackie Kennedy. Sogar der Scheich von Kuweit lässt sich von Pinnau einen Palast in der Wüste bauen. Während die Fachwelt keine Notiz nimmt, berichtet jetzt die Boulevardpresse über seine Arbeiten. 

Traditionalist bis ans Lebensende

Pinnau dehnt seine Tätigkeit weltweit aus, baut in Namibia wie in den USA, in Italien wie in Griechenland. Auch wenn er sich für seine Entwürfe gelegentlich von der amerikanischen Moderne oder der zeitgenössischen skandinavischen Architektur eines Arne Jacobsen inspirieren lässt, versteht er seine Arbeit doch als Fortführung der klassizistischen Architektur um 1800. So renoviert er 1974 das ehemalige Wohnhaus des dänischen Architekten Christian Frederik Hansen (1756 - 1845) an der Palmaille in Altona und nutzt es als Atelier. Noch 1986 lässt sich Pinnau im Baurs Park in Blankenese sein letztes Wohnhaus auf achteckigem Grundriss bauen, als Ausdruck seines klassizistischen Ideals.

Ausstellung im Altonaer Museum

Fast 30 Jahre nach seinem Tod ist in Hamburg nun das Interesse an Cäsar Pinnau erwacht. Das Altonaer Museum zeigt bis zum 26. März 2017 in Kooperation mit der Hamburger Architektenkammer auf 800 Quadratmetern die erste umfassende Schau zu Leben und Werk des umstrittenen Architekten.

"Es war an der Zeit, den Widersprüchlichkeiten in Pinnaus Leben und Werk forschend auf den Grund zu gehen", so die stellvertretende Direktorin des Museum, Vanessa Hirsch, die zusammen mit Kerstin Petermann die Ausstellung kuratiert hat: "Wir wollten Pinnaus Werk im Kontext der politischen Hintergründe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen."

Deshalb werden im Altonaer Museum nicht nur Zeichnungen, Fotografien und Modelle der von Pinnau entworfenen Gebäude, Inneneinrichtungen und Schiffe gezeigt. Auch Informationen zu ihrer Entstehungszeit, zu Politik und Gesellschaft der NS-Zeit ebenso wie zur Wirtschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik nehmen einen breiten Raum ein. Dadurch setzt die umfangreiche Ausstellung Maßstäbe in der kritischen Auseinandersetzung mit Pinnaus Leben und Werk.

Im Begleitprogramm bietet das Museum Rundgänge zu einigen in Hamburg noch vorhandenen Werken Pinnaus an, etwa zur Zentrale der Hamburg Süd und zu Villen in Hamburg-Blankenese sowie auf der "Cap San Diego".

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.09.2016 | 19:30 Uhr

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