Stand: 07.04.2016 08:30 Uhr  | Archiv

1941: Schwerer Luftangriff auf Kiel

von Dirk Hempel, NDR.de
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An den britischen Luftangriffen auf Kiel sind auch viermotorige Bomber vom Typ Stirling beteiligt.

Am Abend des 7. April 1941 heulen in Kiel gegen 23 Uhr die Luftschutzsirenen. Dutzende Angriffe haben die Einwohner seit Kriegsbeginn schon erlebt. Größere Schäden hat es bisher kaum gegeben und nur wenige Tote. Doch in dieser Montagnacht vor Ostern fliegen die britischen Bomber den bis dahin schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkrieges auf eine deutsche Stadt.

Die Marinestadt ist ein kriegswichtiges Ziel

Denn Kiel ist als bedeutendster Hafen der Kriegsmarine für sie ein wichtiges Ziel. Am östlichen Ufer der Förde konzentriert sich die Schiffbauindustrie, liegen die Großwerften Germania, Deutsche Werke und Howaldt, auf denen Kriegsschiffe gebaut werden. Außerdem werden in diesem Gebiet Lokomotiven, Waggons und Apparate gefertigt, etwa Kreiselkompasse für U-Boote. Und am Rand des Fabriken- und Werftengürtels wohnen Tausende Arbeiter der Rüstungsindustrie.

Kiel vor und nach dem Zweiten Krieg

Piloten haben freie Sicht

In der mondhellen Nacht haben die Piloten der Wellington- und Hampdens-Bomber gute Sicht. Die bis zu 850 Kilogramm schweren Bomben fallen anfangs vereinzelt, dann immer dichter. In wiederkehrenden Wellen greifen die 229 Flugzeuge des Bomber Command an. Flakscheinwerfer suchen den Himmel ab, Abwehrgeschütze feuern unablässig Leuchtspurmunition in den Himmel. Granaten explodieren mit weißen Rauchwolken zwischen den Flugzeugen. Granatsplitter fallen auf Hausdächer und in die Gärten.

Nur wenige Bunker schützen die Bevölkerung

Als die Bomber an diesem Abend schon nach kurzer Zeit über der Stadt erscheinen, haben die Menschen kaum Schutz gefunden. Im dritten Kriegsjahr gibt es in Kiel nur wenige bombensichere Bunker, selbst behelfsmäßige Luftschutzkeller fehlen häufig. Viele Häuser haben gar keinen Keller, und nur wenige Hausbesitzer haben auf ihrem Grundstück eigene kleine Bunker errichtet. Selbst viele einfache Schutzmaßnahmen wie Splitterdächer, Brandmauerdurchbrüche oder Kellernotausstiege sind im Frühjahr 1941 noch im Bau.

Der Angriff in der Nacht des 7. April dauert insgesamt fünf Stunden. Die Bomben richten vor allem auf den Werften großen Schaden an. Die Arbeiter der Nachtschicht flüchten, der Betrieb wird zunächst eingestellt. Auch andere Fabriken, ein Munitionslager und Wohnhäuser sind getroffen. Der Strom fällt aus. An vielen Stellen brennt es in der Stadt. Sogar aus umliegenden Orten müssen Feuerwehrzüge zu Hilfe kommen.

Ein weiterer Angriff am nächsten Tag

Aus Angst vor weiteren Angriffen fliehen am nächsten Morgen Tausende Menschen in Autos, mit der Bahn und sogar zu Fuß mit Koffern und Taschen bepackt aus der Stadt. Und schon am Abend greifen erneut 160 britische Bomber die Fördestadt an. Tausende Brand- und Sprengbomben fallen diesmal vor allem auf Wohngebiete und die Innenstadt im Westen der Förde. Sie zerstören eine Bank, ein Museum, die Ingenieurshochschule sowie die Gaswerke und die Wasserversorgung.

Schäden bislang unbekannten Ausmaßes

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Der Kieler Stadtteil Gaarden ist von den Luftangriffen im April 1941 besonders betroffen. Hier haben Sprengbomben die Augustenstraße aufgerissen.

Insgesamt sterben in beiden Nächten 213 Menschen in den Kellern, bei Löscharbeiten, auf der Flucht. Hunderte werden verletzt und Dutzende unter den Trümmern vermisst. 650 Häuser sind unbewohnbar, 850 weitere schwer beschädigt, darunter 30 Schulen. 8.000 Menschen werden obdachlos und müssen in "Volksküchen" versorgt werden.

In den folgenden Tagen liegt die Stadt im Chaos. Die Straßenbahn hat den Betrieb eingestellt. Strom und Gas sind abgestellt. Lastwagen mit Wassertanks fahren durch die Straßen und verteilen Trinkwasser an die Bevölkerung. Noch Tage später finden Arbeiter Blindgänger unter dem Schutt der zerstörten Gebäude. Die Werften aber nehmen die Arbeit rasch wieder auf. Der Bau von U-Booten geht unvermindert weiter.

Der Wiederaufbau beginnt bald

Das NS-Regime, das selbst seit Kriegsbeginn immer wieder massive Luftangriffe gegen Städte wie Warschau, Rotterdam oder Coventry geflogen hat, zeigt sich erschüttert. Denn Schäden dieses Ausmaßes hat es bisher in einer deutschen Großstadt nicht gegeben. Luftwaffenminister Hermann Göring entsendet einen Vertreter und "Reichswohnungskommissar" Robert Ley erscheint persönlich an der Förde.

Um die Schäden zu reparieren, müssen allein 120.000 Quadratmeter Glas für neue Fenster bestellt werden. Und das Bunkerbauprogramm wird jetzt vorangetrieben. Allerdings wird es auch zwei Jahre später nur für ein Zehntel der Kieler Bevölkerung bombensichere Unterkünfte geben.

Zerstörung der Stadt steht erst noch bevor

Am Ostersonntag 1941 suchen die Kinder neben Eiern auch Bombensplitter in den Gärten an der Förde. Doch schon wenige Tage später greifen die Briten Kiel erneut an. Diesmal verhindern Wolken einen größeren Einsatz und nur wenige Menschen sterben. Bis zum Kriegsende 1945 werden allerdings bei 90 Luftangriffen insgesamt 44.000 Sprengbomben, 500.000 Brandbomben und 900 Luftminen auf Kiel geworfen. Fast 3.000 Menschen kommen durch Bomben ums Leben. Bei den schlimmsten Angriffen im Dezember 1943 und August 1944 wird die Innenstadt fast vollständig zerstört. Es dauert Jahrzehnte, bis die Stadt wieder aufgebaut ist.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.10.2014 | 19:30 Uhr

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