Stand: 27.06.2019 16:35 Uhr

100 Jahre Versailler Vertrag: Fragen und Antworten

von Wolfgang Müller, NDR Info
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Der französische Ministerpräsident Clemenceau eröffnete die Friedenskonferenz in Versailles.

Vor 100 Jahren war ein in vieler Hinsicht entscheidender Tag der Geschichte: Am 28. Juni 1919 wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet, quasi das Schluss-Dokument nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg. NDR Info erklärt, wie es zur Unterzeichnung kam, was in dem Vertrag stand - und weshalb er in Deutschland so stark kritisiert wurde.

Wie lief die Unterzeichnung damals ab?

Das war eine riesige Zeremonie im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. Also genau dort, wo einige Jahrzehnte vorher etwas ganz anderes stattgefunden hatte: nämlich unter Otto von Bismarck die deutsche Kaiser-Proklamation nach dem Sieg gegen Frankreich, also die Reichsgründung 1871.

Und jetzt - genau umgekehrt - waren die Deutschen die Verlierer und bekamen das auch zu spüren. Drinnen im Saal saßen schon, vor großem Publikum, der britische Premier Lloyd George, US-Präsident Woodrow Wilson und der französische Premier Georges Clemenceau. Der hat dann gerufen: "Bringen Sie die Deutschen herein!"

Die Deutschen, das waren Hermann Müller (der war gerade erst Außenminister geworden) und noch ein Kabinetts-Kollege. Die mussten noch an fünf Kriegsversehrten vorbeigehen, also Menschen mit zerschmetterten, entstellten Gesichtern. Wie um zu sagen: Das habt ihr angerichtet! Und dann, an dem großen Tisch angekommen, haben sie den Vertrag unterschrieben.

Der Vertrag wurde in Deutschland praktisch durchweg abgelehnt. Warum hat man trotzdem unterschrieben?

Weil es nicht anders ging. Sonst wäre Deutschland von den alliierten Truppen besetzt worden. Das war es ja nach dem Ersten Weltkrieg nicht (anders als nach dem Zweiten Weltkrieg). Die gegnerischen Armeen waren bei Kriegsende 1918 noch nicht nach Deutschland eingedrungen. Aber das wären sie - und das wussten die deutschen Militärführer Hindenburg und Ludendorff ganz genau. 

Das Schändliche war, dass die das später anders dargestellt haben und die sogenannte Dolchstoß-Legende in die Welt gesetzt haben, so als wäre Deutschland "im Felde unbesiegt" gewesen, wie es dann hieß. Es war aber besiegt und deshalb mussten die Deutschen diesen Vertrag akzeptieren, obwohl der extrem hart war. 

Das hat ja nicht nur die politische Rechte so gesehen. Auch ein Sozialdemokrat wie Philipp Scheidemann hat, als er einige Wochen vorher die Bedingungen erfahren hat, gesagt: Wer das unterschreibt, dem müsse die Hand verdorren. Und dann musste doch, mit dem erwähnten Hermann Müller, ein Sozialdemokrat unterschreiben. 

Was stand denn konkret in dem Versailler Vertrag?

Zunächst mal hat Deutschland durch diesen Vertrag etwa ein Siebtel seines Gebietes verloren. Wobei ein Teil davon durchaus okay war: Unter anderem, weil dadurch Polen wieder entstehen konnte (das hatten ja die Nachbarn über hundert Jahre lang unter sich aufgeteilt). Und im Westen ging Elsass-Lothringen zurück an Frankreich.

Aber dann war da noch als großes Thema die Zahlung von Reparationen durch Deutschland (für die Kriegsschäden), und zum Beispiel musste man auch fast die komplette deutsche Handelsflotte ausliefern.

Was hat es mit dem berüchtigten "Kriegsschuld"-Artikel auf sich?

Damit wurde Deutschland praktisch die Alleinschuld am Weltkrieg zugeschoben. Darüber sind ganze Regalwände Bücher vollgeschrieben worden. Aber kurz gesagt: Anders als beim Zweiten Weltkrieg (der ging ja eindeutig von Deutschland aus) war die Sache 1914 deutlich komplexer. Und dass die Deutschen jetzt als Alleinschuldige hingestellt wurden, das wurde als große Ungerechtigkeit empfunden - und umgekehrt von manchen auf der anderen Seite als Triumph.

Überhaupt muss man sich klar machen, dass so ein Friedensschluss im 20. Jahrhundert etwas ganz anderes war als noch 100 Jahre vorher. Beim Wiener Kongress zum Beispiel, also nach dem Sieg über Napoleon 1815, da saß der Verlierer, damals Frankreich, selbstverständlich mit am Tisch. Das war jetzt anders. Den Deutschen wurde ja praktisch ein fertiger Vertrag vorgelegt.

Und, noch wichtiger, jetzt war das alles nicht mehr wie früher eine reine Diplomaten-Angelegenheit; jetzt standen sozusagen die verschiedenen Völker um den Verhandlungstisch herum, mit ihren Erwartungen und aufgeheizten Stimmungen. Dieser Druck der Öffentlichkeit machte eine einigermaßen rationale Lösung nicht gerade leichter.

Inwiefern war dieser zumindest in Teilen fragwürdige Vertrag auch eine Belastung für die Weimarer Republik?

Es war eben eine Republik, die nicht nur aus einer Niederlage hervorging, sondern aus einer gefühlten Demütigung. Die politische Rechte hat natürlich ohne Ende auf dieser Klaviatur gespielt und hat die Politiker, die den Vertrag halbwegs einhalten wollten, als "Erfüllungs-Politiker" diffamiert, manche wurden auch ermordet.

Und dann blieb ja auch, ganz handfest, die wirtschaftliche Belastung durch die Reparationen. Das hatte übrigens ein junger Wirtschaftsexperte, John Maynard Keynes (der später sehr berühmt wurde) genau vorhergesehen und die britische Delegation aus Protest verlassen. Sein Argument: So kann sich Deutschland niemals stabilisieren und wird die anderen mit in den Strudel reißen.

Die Weimarer Republik hätte trotz Versailles eine Chance gehabt. Aber nur mit starken, demokratischen Kräften, die diese Chance auch ergreifen und festhalten. Nur diese Schicht war eben zu klein.

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NDR Info | Infoprogramm | 28.06.2019 | 06:50 Uhr

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