In einem Schaufenster in der Fußgängerzone hängt ein Schild mit der Aufschrift "geschlossen" © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau

Von Corona bis Cancel Culture - das Kulturjahr 2020

Stand: 23.12.2020 18:23 Uhr
In einem Schaufenster in der Fußgängerzone hängt ein Schild mit der Aufschrift "geschlossen" © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau
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von Hannah Lühmann

Die Welt als postkolonialer Schuldzusammenhang

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Der Mai bringt nach der Ermordung von George Floyd eine neue Ernsthaftigkeit: Wir lesen Bücher über schwarze Geschichte und das Buch der jungen Schwarzen Journalistin Alice Hasters. "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten" erklimmt die Bestsellerlisten. In Boston wird eine Statue von Christoph Kolumbus geköpft, in Bristol stürzt der Sklavenhändler Edward Colston ins Meer. Die Welt erscheint dank #blacklivesmatter auf einmal als postkolonialer Schuldzusammenhang. Die Denkmalstürzer haben das Gefühl, gegen eine herrschende Ideologie anzugehen. Diejenigen, denen das Stürzen suspekt ist, fühlen sich ihrerseits von ideologischem Handeln angegriffen. Im Juni diskutieren wir bereits darüber, ob Kant gecancelt werden muss, denn er habe in seinen anthropologischen Schriften "den europäischen Rassismus mitbegründet". Immerhin lesen wir dadurch auch Kant wieder - das Schöne an den Cancel-Debatten ist, dass man sich wirklich anstrengen muss, um in ihnen etwas zu sagen, das nicht schon tausendmal gesagt worden ist.

Keine konstruktiven Antworten in Sicht

Im Juli veröffentlichen 150 prominente Intellektuelle einen Brief, indem sie das intolerante Klima beklagen. Der "freie Austausch von Ideen und Informationen" sei "zunehmend eingeengt". Zu den Unterzeichnern gehören J.K. Rowling, die gecancelt wurde, weil sie sich angeblich transfeindlich geäußert hat, und Daniel Kehlmann, der sich kritisch mit der Rolle des Staates in der Corona-Krise auseinandersetzt. Der Brief ist klug, er unterstützt ausdrücklich die Proteste für soziale Gerechtigkeit und gegen Polizeiwillkür. Aber er argumentiert, dass Widerstand nicht zum Dogma werden dürfe, wenn die liberalen Linken es nicht den Rechtspopulisten gleichtun wollten.

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Im Spätsommer begann es also gerade interessant zu werden, dann jedoch schwang jemand von irgendwo ein Lasso, das uns alle wieder zurückholte in den Zwangsreigen der Cancel-Culture-Debatten: In der Hitze des Augusts tritt die Kabarettistin Lisa Eckhart auf die Bühne, mit spitzen Fingern und giftgrünen Blazern steht sie in der Landschaft, denn auch sie wurde gecancelt, was bedeutet: bei einem Festival erst ein- und dann wieder ausgeladen. Ist sie Antisemitin oder sind ihre Witze über Juden und MeToo luzide Rollenprosa, geeignet, unsere Vorurteile zur Kenntlichkeit zu entstellen? Darf sie, der Maxim Biller eine "sehr, sehr blonde HJ-Frisur" attestierte, zum "Literarischen Quartett" eingeladen werden, wie es im Dezember geschehen ist, wo einst der Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki die Regie führte? Darf Satire denn nun alles und wenn nicht, was genau darf sie nicht? Hört Humor da auf, wo Minderheiten im Spiel sind? In diesen Fragen hängen wir seitdem fest, und es sind, seien wir ehrlich, keine konstruktiven Antworten in Sicht.

Die öffentlichen Intellektuellen fehlen

Zu allem Unglück kursiert seit September eine Art deutsche Version des erwähnten offenen Briefes für den Erhalt des Liberalismus, er ist überschrieben "Appell für freie Debattenräume". Er sieht "Informationsinseln versinken", das freie Denken im "Würgegriff", den "Meinungskorridor verengt". Warum ist es so schwierig geworden, diese Debatten zu führen ohne dass man sich in den ewig gleichen Austausch der ewiggleichen Klischees begibt? Wie ist ein politisches Feuilleton möglich, das diese Fragen auf ein neues Niveau hebt? Es gibt Ansätze, und das macht Hoffnung. Das junge ZDF-Format "13 Fragen" versucht, Menschen aus verschiedenen Lagern zusammenzubringen und sie so lange diskutieren zu lassen, bis ein Konsens erzielt ist. Die monatelangen Aufenthalte in der eigenen Wohnung haben unsere Neigung verstärkt, uns stundenlange Podcasts anzuhören und uns so intensiv in Sachverhalte einzuarbeiten.

Was fehlt, sind die öffentlichen Intellektuellen - das, was es einmal an Diskussion gab, ist zur Persiflage geworden, wie man es jüngst im "Literarischen Quartett" gesehen hat, das mit der Einladung von Lisa Eckhart zur apokalyptischen Freakshow verkommen ist. Nicht weil Eckhart wirklich antisemitisch wäre, sondern weil das Format in seiner derzeitigen Gestalt keinen Raum für den ernsthaften Austausch über Literatur mehr bietet.

Hoffnung auf die Euphorie nach Corona

2020 ist das Jahr, in dem wir unsere Rollen im Kulturkampf so perfekt eingeübt haben, dass wir genauso gut die des Gegners spielen könnten. Das Jahr deswegen canceln zu wollen, wäre übertrieben. Aber es steht zu hoffen, dass die Euphorie, mit der wir hoffentlich, irgendwann, nächstes Jahr in die Theater und Museen, in die Kinosäle und Clubs zurückströmen werden, unsere Fantasie beflügelt. Dass sie uns Wege finden lässt, wie wir der apokalyptischen Einöde eine neue Form geben können. Dass sie uns aufhören lässt, unsere immer gleichen, besserwisserischen Rollen als Kulturlinke und Liberalkonservative zu spielen. Dass wir neue Formate erfinden, neue Unterhaltungen führen oder eben uns gerade wieder auf das besinnen, was einmal war, bevor Corona alles kaputtschlug. Die Welt war doch eigentlich ziemlich schön.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.12.2020 | 19:00 Uhr