Stand: 03.04.2020 13:03 Uhr  - NDR Kultur

Eine Welt ohne Beatles?

von Ocke Bandixen

Paul McCartney postete dieser Tage ein Foto von sich, auf dem er ein Schild hochhält, auf dem steht: #ThankYouNHS. Ein Dank des Sängers an die Mitarbeiter des britischen Gesundheitsdienstes für ihren Einsatz in der Corona-Pandemie. Am 10. April 1970, vor genau 50 Jahren also, hat eben dieser Paul McCartney die Beatles verlassen - und damit das Ende der berühmtesten Band der Welt eingeläutet. Er, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr hatten einfach genug - genug voneinander und genug davon, die Beatles zu sein. Ihre Musik erklingt aber immer noch und immer wieder: in Konzerten von Cover-Bands, aus dem Radio und natürlich im heimischen Wohnzimmer. In diesen Corona-Tagen vielleicht erst recht - denn wer kann schon schlechte Laune kriegen, wenn er die Beatles hört? Könnten wir uns eigentlich eine Welt ohne die Beatles vorstellen, so wie es der Film "Yesterday" zur Prämisse gemacht hat?

Ocke Bandixen © NDR Foto: Andreas Sperling
Ocke Bandixen ist Redakteur bei NDR Info.

Die Erde ist ein Jammertal. Und helfen kann nur die Musik. Hat wer gesagt? Keine Ahnung. Ich wahrscheinlich, gerade eben. Eine Welt ohne Beatles. Ohne Beatles-Musik? Das ist kaum denkbar für einen wie mich, der erst geboren wurde, als sie sich schon getrennt hatten. Aber, ich weiß, nicht nur für mich. Was ist es, das diese Band so elementar macht?

Das "Four Headed Monster"

Alle anderen sind Bands. Sie sind die Beatles. Nie wieder gab es das - so eine Einheit. Ein "Four Headed Monster", also ein vierköpfiges Monster, nannten die Menschen die Beatles schon in den 60ern. Stark, ungewöhnlich, in die Welt gefallen.

Wer 2018 die Sendung "Carpool-Karaoke" mit James Corden und Paul McCartney gesehen hat, bekam eine Ahnung, was es sein könnte, das die Beatles so einzigartig gemacht hat. In diesem Fernsehformat fährt der Talkshow-Moderator James Corden mit einem Gast umher, hält hier und da an und trällert mit dem Gast gemeinsam Lieder aus dem Autoradio. Ein schmaler Paul McCartney war dort zu erleben, gealtert, die Haare grau. Sie fuhren gemeinsam durch Liverpool. "Hier hat mein Bruder geheiratet", sagte der Beatle Paul, zeigte durch die Scheibe und deutete auf eine Kirche am Wegesrand. Und dann hielten sie mehrmals an. Bei einer vollkommen überraschten Friseurin in der Penny Lane. Und in einer Kneipe, wo es Bier und Beatles-Livemusik mit Paul und seiner Band gab. Und glückliche Menschen, die sich drängten, das zu erleben. Und sie hielten am alten Wohnhaus der McCartneys, das längst ein Museum ist. Paul McCartney war offenbar längere Zeit nicht dort gewesen, er führte herum und erzählte Anekdoten. Aber vor dem Fenster, auf der Straße, spielte die eigentliche Geschichte. Wenn der Zusammenschnitt nicht trügt, dann sammelten sich binnen Minuten viele Nachbarn, Liverpooler, die gehört hatten, dass ihr Paul wieder da war. Als McCartney und Corden das einfache Haus verließen, kam Applaus auf. Sicherheitskräfte mussten den Weg freihalten. Menschen drängten sich, um dem Beatle einmal die Hand zu schütteln oder etwas zu erzählen. "Hey Paul, ich bin nach Dir benannt, Mann!", "Hey Paul, eure Musik lief bei der Beerdigung meines Vaters." - "Wirklich? Cool, Mann. Danke. Bis bald!"

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Beatles Bandmitglieder © dpa/picture-alliance
5 Min

Wer waren eigentlich Die Beatles?

Die Beatles waren vor 50 Jahren in der ganzen Welt bekannte Musikgruppe. Die vier Musiker Der Beatles, John, Paul, George und Ringo, kommen aus England, aus der Hafenstadt Liverpool. 5 Min

Musik einer Epoche

Das ist es: diese Musik ist die ihres Lebens. Klingt groß. Ist aber so. Nicht nur Hits, nein, die Musik einer Epoche. Wie Design-Klassiker. Wie ein Geschmack. Wie ein Zuhause. Ach, all diese Vergleiche humpeln mühsam zur Jukebox. Werfen wir noch ein paar Münzen ein.

Wählen wir ein Lied, das gut passt - zur Untermalung und vielleicht als Beispiel: A Day in The Life. Eine waschechte Lennon/McCartney-Kooperation, zusammen gepuzzelt 1967, in den besten Zeiten der Band. Und mit einem Orchesterteil, der ein schönes Vorbild sein könnte für unsere Betrachtung. Im Studio wiesen die Beatles die bestellten Musiker an, innerhalb von 24 Takten vom jeweils tiefsten Ton der verwendeten Instrumente bis zu einem hohen E spielerisch zu überbrücken. Jeder wie er wollte. Um dann - klar - zur selben Zeit auf dem E zu landen. Das Ergebnis kennen wir, wild chaotisch, soghaft, ohne Beispiel in der Pop- und Rockmusik. So ist es mit den Beatles auch.

"Das Geheimnis ist: Wir sind alle ein Teil des Ganzen."

Die Geschichte beginnt am selben Punkt: Vier Jungs, die im Nachkriegs-Liverpool zusammenkommen und an die Kraft des Rock’n‘Roll glauben. Und die dann etwa zehn Jahre später - 24 Takte, wenn Sie gestatten - als bärtige, verheiratete Männer in Anzügen auseinandergehen. Dazwischen ist alles. Viele Geschichten, für jeden etwas dabei. Denn die Beatles sind eine gute Story. Hunderte, tausende Male erzählt. Als Märchen: vier Freunde, die zusammenhalten. Gleich aussehen, gleich sind. Die alle anderen besiegen. Sieben auf einen Streich.

Oder als Entwicklungsroman: vier Jungs, die zu Männern werden. Nach dem Krieg, die Familien meist versehrt. Die vier ein bisschen verloren. Und dann die Musik als Weg, den sie entdecken. Und den sie schließlich selbst weiterbauen, mehr als alle anderen. Und dann, als sie selbst erwachsen werden, auseinandergehen.

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The Beatles: Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison (v. l. n. r.) © Picture-Alliance / empics

Beatles - "Let It Be"

1968 nehmen die Querelen bei den Beatles zu. Dann schreibt Paul McCartney eines seiner persönlichsten Lieder, das zu einem der erfolgreichsten der Beatles wird: "Let It Be". mehr

Oder als Mythos: Vier Elemente, Seelen vielleicht, die zusammengehören und dazu verdammt sind, auf ewig die anderen zu suchen, damit sie Frieden finden können. "Das Geheimnis ist: Wir sind alle ein Teil des Ganzen." Dieses Zitat wird Paul McCartney zugeordnet.

Es ist nichts davon und alles ein bisschen. Wir hören einfach alle gern Geschichten, darum schreiben wir die Wirklichkeit zu einer um - in unserer Erinnerung, auch wenn wir sie gar nicht erlebt haben. Und dann kommt ja auch noch die Musik dazu, da ist für jeden etwas dabei: Rock’n‘Roll für den Anfang, jede Menge clever gebauter und origineller Rock-, Beat- und Popsongs. Ausflüge in die Weltmusik, zum Kinderlied, zum Swing, Hardrock, Orchesterwerk mit Anklängen mal an Bach, mal an die Moderne.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 05.04.2020 | 19:00 Uhr

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