Stand: 23.12.2019 19:08 Uhr  - NDR Kultur

"Bürgerlich" zu sein: Was bedeutet das?

von Bettina Gaus

Alle wollen dazu gehören

Seit dem Ende der bipolaren Welt und dem Zusammenbruch des Ostblocks - also dem Bedeutungsverlust des Marxismus - hat sich die Haltung gegenüber den Begriffen "bürgerlich" und "Bürgertum" verändert. Nun wollen alle dazu gehören - vielleicht mit Ausnahme der Partei "Die Linke". Wobei es interessant wäre zu beobachten, wie diese reagieren würde, würde eine breitere Debatte entbrennen, ob auch sie sich als bürgerlich bezeichnen kann und darf. Vermutlich würden zumindest einige Mitglieder ihres Führungspersonals protestieren, sollte ihnen dieses Recht bestritten werden.

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"Wer ernennt eigentlich die Bürgerlichen?", fragte Alexander Gauland in einem Beitrag in der Tageszeitung "Welt".

Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass Alexander Gauland, ein erfahrener Publizist und seinerzeit noch Vorsitzender der AfD, die Chance erkannte, die in der Auseinandersetzung nach der Sachsen-Wahl für seine Partei lag. Würde die AfD auch von Leuten, die niemals auf die Idee kämen sie zu wählen, als "bürgerlich" anerkannt - sie wäre in unmittelbarer Reichweite der Macht. Gauland veröffentlichte einen Beitrag in der Tageszeitung "Welt", in der er die - ja durchaus berechtigte - Frage stellte, wer denn eigentlich für sich beanspruchen dürfe, zu definieren, was "bürgerlich" sei. Wörtlich schrieb er: "Wer ernennt eigentlich die Bürgerlichen? Haben sie das, historisch gesehen, nicht selbst getan? Ist es nicht der Kern der Bürgerlichkeit, sich selbst zu erschaffen?" Und weiter: "Als Adliger wurde man geboren, ein Bürgerlicher musste - und konnte - man werden durch Leistung."

Letzteres ist allerdings nachweislich falsch. Um dieses - ziemlich platte - Argument noch einmal zu widerlegen, dieses Mal auf historischer Ebene: Eine Bauerstochter oder ein Fabrikarbeiter hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts so gut wie gar keine Möglichkeit, ins Bürgertum aufzusteigen. Die Behauptung von Gauland ist der reine politisch-historische Kitsch. Weiter schrieb er: "Der Bürgerliche schätzt das Eigene, denn es ist seiner und seiner Väter Arbeit." Selbst wenn er die Arbeit der Mütter auch noch erwähnt hätte: Das ist ein Satz, der sich wunderbar als kleinbürgerlich und spießbürgerlich entlarven lässt. Abgrenzend, nur auf das eigene Wohlergehen bedacht, selbstgefällig, engstirnig. Dabei beinhaltet "bürgerlich" für viele derer, die sich selbst nun als Teil dieser Schicht sehen oder sehen wollen, genau das Gegenteil: Interesse am und Engagement für das Gemeinwohl. Ja, was denn nun? Seit "bürgerlich" und "Bürgertum" als Kampfbegriffe ausgedient haben, sind sie seltsam schwammig geworden. Alle suchen sich das heraus, was ihnen in der tagespolitischen Auseinandersetzung gerade nützlich zu sein scheint.

Wenn ein Wort für alles passen soll, dann passt es für gar nichts mehr

Man könnte neidisch werden auf die Franzosen. Die haben es vergleichsweise leicht: Sie unterscheiden zwischen dem "Citoyen" und dem "Bourgeois", da steht immer gleich fest, wer gemeint ist. Der Staatsbürger (und, damals nicht erwähnt, heute aber mitgemeint: die Staatsbürgerin), der und die im Geist der Aufklärung freiheitlichen Werten verpflichtet ist und sich an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt - also der Citoyen - steht dem reaktionären, ausbeuterischen Besitzbürger - dem Bourgeois - gegenüber. Im Deutschen ist die Sache so eindeutig eben nicht.

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Es gibt vermutlich keinen anderen politischen oder soziologischen Begriff, der mit so vielen eingrenzenden Vorsilben versehen worden ist wie "bürgerlich". Kleinbürgerlich, großbürgerlich, spießbürgerlich und bildungsbürgerlich. Ein Zufall ist das nicht. Egal, ob man sich auf dem Höhepunkt des politischen Kampfes nun abgrenzen oder als zugehörig definieren wollte: Offenbar verband beide Seiten des Spektrums das vage Gefühl, dass "bürgerlich" alleine nicht aussagekräftig genug war für das, was man eigentlich sagen wollte.

Das ist ja genau das Problem. Wenn ein Wort für alles und alle passen soll, dann passt es für gar nichts mehr. Seit "bürgerlich" kein Kampf-, sondern ein Konsensbegriff geworden ist, wird mit ihm suggeriert, dass es eine Übereinstimmung im Hinblick auf einen Wertekanon der Gesellschaft gibt - und dass die einzige noch offene Frage die ist, wer diesen Wertekanon am getreulichsten vertritt. Polemisch zugespitzt und als Erinnerung an den Ton einer früheren Auseinandersetzung könnte man auch sagen: "Bürgerlich" zu sein oder sein zu wollen ist alternativlos.

"Zivilgesellschaft" statt "Bürgertum"?

Nun hat das mit dem "alternativlos" bekanntlich schon früher und im Zusammenhang mit anderen Themen nicht so gut funktioniert. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich von "Bürgertum" und "bürgerlich" als Teil der Begrifflichkeiten politischer Kontroversen zu verabschieden und sich stattdessen auf den - zugegebenermaßen etwas sperrigen - Ausdruck "Zivilgesellschaft" zu verständigen. Das hätte übrigens auch den Vorteil, dass damit schon sprachlich geklärt wäre, dass die AfD keinen Anspruch auf Zugehörigkeit erheben kann: Rassismus und - zumindest semantische - Gewaltbereitschaft passen nicht zu "Zivilgesellschaft".

Auf die Idee, von einer "zivilgesellschaftlichen" Mehrheit von CDU und AfD zu sprechen, käme eine Moderatorin vermutlich nicht einmal im größten Stress.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 29.12.2019 | 19:00 Uhr