Stand: 01.11.2019 18:55 Uhr

Deutschland 2049: Dystopie oder Utopie?

von Harald Welzer

AfD nur eine kurzlebige Zeiterscheinung

Sendungsübersicht
Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

Gedanken zur Zeit

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Angesichts all dieser Entwicklungen ist natürlich völlig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden, dass es mal einen Ost-West-Konflikt gegeben hat, der sich auch in absonderlich hohen Wahlentscheidungen für eine rechtsnationale Partei besonders in Ostdeutschland niedergeschlagen hatte. Auch die gibt es längst nicht mehr. Einer ihrer vielen Fehler bestand darin, die öko- und klimapolitischen Fragen nicht adressiert zu haben. Der letzte Marketingeinfall, sich von "Alternative für Deutschland" in "Autofahrerpartei Deutschland" umzubenennen, war in den 2020er-Jahren längst schon aus der Zeit gefallen. Die Geschichte geht über solche kurzlebigen Zeiterscheinungen lässig hinweg, und auch die letzten "Jammerossis" haben sich um dieselbe Zeit verflüchtigt.

"Digital D-Day" sorgt für Realitätsschock

100 Jahre Bundesrepublik, 60 Jahre Mauerfall: Der November 2049 wird gezeigt haben, dass säkulare Ereignisse wie der Klimawandel die Gesellschaften fundamental verändern, während Zeitereignisse wie der Mauerfall sie für ein paar Jahre oder Jahrzehnte in Aufregung und Verwirrung stürzen, aber irgendwann bedeutungslos werden. Blicken wir also noch ein weiteres Mal auf das Jahr 2019 zurück und damit auf die Verzerrungen, die die Wirklichkeitswahrnehmung der Funktionseliten damals prägten: Die geradezu hysterischen Zukunftshoffnungen, die sich an die Digitalisierung knüpften, waren mit einem Schlag dahin, als sich im November 2024 der heute als "digital D-Day" bekannte viertägige Stromausfall ereignete. Nach diesem auf Mitteleuropa begrenzten Schadensereignis, das mehrere tausend Todesopfer forderte, die Börsen zusammenbrechen und eine Schadenssumme von mehreren Billionen Euro auflaufen ließ, begann man einzusehen, dass Daten doch kein Rohstoff sind und dass man nicht gut daran tut, überlebenswichtige Infrastrukturen ausschließlich digital zu steuern. Als es keinen Strom mehr gab, wurde klar, dass das Überleben eine durchaus analoge Sache ist und Alexa sich ohne Strom so gar nicht mehr für einen interessiert. Hätte es die zahllosen Opfer nicht gegeben, hätte man das alles als einen heilsamen Schock bezeichnen können.

Jedenfalls wurde danach vieles anders, der Realitätsschock saß tief. Die im Zuge der "Fridays for Future"-Bewegung 2020 gegründete Klimapartei bekam bei der Bundestagswahl 2025 16 Prozent und konnte mit der Volkspartei Die Grünen eine Koalition bilden, die tiefgreifende Reformen auf den Weg brachte. Zum großen Ärger der verbliebenen Anhänger liberal-konservativer Politik erlebte das Ordnungsrecht eine Renaissance und wurde eine Gemeinwohlbilanz obligatorisch für alle Unternehmen und entstand eine internationale Allianz für echte Preise, die für die Verpflichtung kämpfte, Umwelt- und soziale Schäden, die bei der Erzeugung und beim Transport von Produkten anfallen, in den Marktpreisen abzubilden. Die Zeit der billigen T-Shirts ging zu Ende. Und mit Maßnahmen dieser Art begann tatsächlich jene sozial-ökologische Transformation, die die Bundesrepublik im vergangenen Drittel ihres hundertjährigen Bestehens so stark verändert und modernisiert hatte.

Die Bundesrepublik ist erwachsen geworden

Die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2049 - das ist trotz allem nicht das, was man früher mal einen Ponyhof genannt hat. Die im Laufe der Jahre beständig angewachsenen Flüchtlingszahlen haben das Land unter erheblichen Stress gesetzt, ebenso der außenpolitische Druck, den der mächtigste Staat der Welt, China, beständig und unverhohlen ausübt. Die Lebensverhältnisse sind vielfach, auch wegen der Folgen des Klimawandels, unangenehmer geworden. Aber eines lässt sich bei allen dystopisch anmutenden Facetten der vergangenen 30 Jahre doch festhalten: Das Land ist eine freiheitliche Demokratie geblieben. Zu tief war die Katastrophenerfahrung des Zweiten Weltkriegs, des Holocaust und der deutschen Verbrechen, und zu nachhaltig die positive Erfahrung, dass man in den Jahrzehnten danach zu einem freien, zivilisierten und weltoffenen Land werden konnte, für das Demokratie und Menschenrechte trotz aller zwischenzeitlicher Verirrungen die Leitideen bildeten.

Man könnte, vom Jahr 2049 aus betrachtet, in der Rückschau auch sagen: Die Wirtschaftswunderjahrzehnte nach 1949 waren die Kinderzeit der Bundesrepublik, die Zeit nach 1989 ihre wilde, aufgeregte, hysterische Pubertät. In den 2020er-Jahren wurde die Bundesrepublik - spät genug - erwachsen und folgte der politischen Einsicht, dass die Anerkennung physikalischer und biologischer Sachverhalte Vorrang vor ökonomischem Aberglauben haben muss. Natürlich ist die Erkenntnis, dass man nicht immer Kind sein kann und schon gar nicht immer jugendlich, schmerzlich. Sie hilft aber sehr beim Weiterleben unter zivilisierten Bedingungen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.11.2019 | 19:00 Uhr

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