Stand: 11.10.2019 18:40 Uhr  - NDR Kultur

Sind soziale Netzwerke sozial?

von Daniel Bouhs

Facebook - eine "neue Art von Plattform"

Facebook hat gemerkt, dass das ein Problem ist und installiert gerade - wie schon Google in einem ähnlichen Fall - ein Gremium mit externen Vertretern. Der Konzern tritt die Verantwortung über seine Löschpraxis ab. Zumindest teilweise. Und dennoch: Es wird so oder so weiter Eingriffe geben. Inhalte werden gefiltert und gelöscht. Immer wieder.

Ähnlich läuft es bei Fakenews, also gezielt eingestreuter Desinformation: Facebooks Algorithmus bestraft Inhalte, die in diese Kategorie fallen. Auch bei den Suchtreffern von Google und den Videos auf Youtube rutschen Verschwörungstheorien und Fakenews zunehmend nach unten.

Das alles ist im Sinne eines sozialen Netzwerks ausdrücklich zu begrüßen - aber eben auch: ein Eingriff in Inhalte. Facebook, Youtube und die anderen Plattformen sind nicht neutral. Für Facebook hat das Zuckerberg selbst vor drei Jahren in einem PR-Video seiner Firma gesagt: Facebook sei kein traditionelles Technologieunternehmen. Facebook sei auch kein traditionelles Medienunternehmen. Facebook sei eine "neue Art von Plattform".

Was die Nutzer auf Facebook sehen, bestimmt der Algorithmus

Was Zuckerberg unbedingt vermeiden möchte, gerade in Europa: dass Facebook als Medienunternehmen wahrgenommen wird. Medien werden ganz anders kontrolliert. Wäre Facebook RTL, es müsste Verantwortliche für Inhalte benennen. Die Landesmedienanstalten würden den Wahrheitsgehalt, Werbekennzeichnungen und den Jugendschutz stärker kontrollieren. Sie könnten Sanktionen verhängen. Für das "Business" Facebook wäre das fatal.

Dabei entwickelt sich Facebook immer rasanter genau dazu: einem Medienangebot, das Inhalte steuert. Facebook beschäftigt inzwischen sogar selbst Medienexperten. In Deutschland kam erst ein Manager der ARD. Dann - nach und nach - wechselten Mitarbeiter von "Spiegel Online". Facebook investiert - wie Google - zunehmend  in Journalismus. Dieser Tage startet Facebook eine Medienrubrik mit Partnern. Darunter ist etwa Axel Springer.

Neutral sind soziale Netzwerke jedenfalls nicht. Was zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook von der Welt mitbekommen, bestimmt der Algorithmus. Eine Zauberformel, die in der Konzernzentrale einer Blackbox gleich gehütet wird wie die Rezeptur von Coca-Cola.

"Newsfeed" - schon das Vokabular ist eine Falle

Dieser Algorithmus fiel auch nicht vom Himmel. Er wurde geschaffen von Mathematikern und Programmierern - im Auftrag von vielleicht einer Handvoll Managern. Und: Dieser Algorithmus, der Filter, der sich für jeden Nutzer individuell über das Angebot legt, wird weiterentwickelt.

Was viele nicht wissen: Auch die Inhalte von Freunden und Seiten, die sie abonniert haben, werden so gefiltert - manche abonnierten Angebote sehen Nutzerinnen und Nutzer immer, andere manchmal, einiges auch vorübergehend gar nicht mehr. Die Maschine lernt, was uns interessiert, und entscheidet dann, wofür wir uns künftig noch interessieren können.

Facebook stellt uns so einen persönlichen "Newsfeed" zu zusammen. So heißt passenderweise seit jeher die individuelle Startseite. Es geht um "News", um Nachrichten. Schon das Vokabular ist eine Falle: Nachrichten, "News", sind das Geschäft von Medien. Dazu kommt das Sortieren und Aussortieren der Kommentare, nach eigenem Kompass. Auch den haben Medienhäuser. Sie beschäftigen dafür Chefredakteure.

Die Zeit, in der Facebook ein "soziales Netzwerk" war, ist vorbei

Diese Eingriffe müssen nicht per se schlecht sein. Sie sollen ja eben dafür sorgen, dass sich das Publikum wohl fühlt. Aber was sind solche Plattformen dann? Ich würde sagen, sobald sie Inhalte steuern und wenigstens versuchen, sozial zu sein: Sie sind ganz klar Medien.

Plattformen wie Facebook greifen für ihr Ziel jedenfalls derart in den Kommunikations- und Nachrichtenfluss ein, dass auch sie gut beraten wären, Chefredakteure zu beschäftigen, die sich nicht an monetären, sondern an ethischen Maßstäben orientieren, die mit der Gesellschaft aufrichtig im Dialog stehen, die sich nicht nur in wohl dosierten PR-Auftritten öffentlich erklären wie ein Mark Zuckerberg. Die Zeit, in der ein Angebot wie Facebook, ein "soziales Netzwerk", bloß eine Plattform war - sie ist längst vorbei. Eigentlich hat es sie sogar nie gegeben.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 13.10.2019 | 19:00 Uhr

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