Frauenhände binden eine bunte Fliege am Hals eines schwarzen Mannes. © Imago Images/Westend61

"96 Stunden Kunst. Diskurs. Diversität"

Stand: 21.10.2020 15:17 Uhr

Einen Raum für Begegnungen will das Festival "fluctoplasma" in Hamburg sein. Es setzt sich für eine diverse Stadtgesellschaft ein.

von Vanessa Wohlrath

Die künstlerische Leiterin des Festivals "fluctoplasma" Xiyu Tomorrow. © Hasibe Lesmann Foto: Hasibe Lesmann
Fragen zum Zusammenleben in der Zukunft will die künstlerische Leiterin Xiyu Tomorrow mit ihrem Festival diskutieren.

Xiyu Tomorrow - einen vielsagenden Namen trägt die künstlerische Leiterin von "fluctoplasma". Wie das "Tomorrow", das Morgen, aussehen könnte, ist eine übergeordnete Frage, die sie bei dem interdisziplinären Festival diskutieren möchte. Damit verbunden ist die Frage, wie wir in fünf, zwanzig oder dreißig Jahren in Hamburg zusammenleben möchten: "Hamburg ist eine wahnsinnig diverse Stadt. Es sind sehr viele Menschen vor Ort, von unterschiedlichen Hintergründen, die teilweise neu zugezogen sind, innerhalb und außerhalb Deutschlands. Und das bringt natürlich ganz viel Reichtum mit und die Frage ist: Wie können wir eigentlich in einer Gesellschaft leben, die diesem Reichtum auch eine Form von Wertschätzung gibt. Wie wir Wege finden, um tatsächlich zusammenzuleben und nicht nebeneinander her."

African Fashion nach Deutschland holen

Unter dem Motto "96 Stunden Kunst. Diskurs. Diversität" will "fluctoplasma" Brücken zwischen Communities schlagen, Künstlerinnen und Künstler aus ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. Performances, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen - die Bandbreite des Programms ist groß. Mit dabei ist Beatrace Angut Oola, Kuratorin und Fürsprecherin für die hierzulande noch recht junge African Fashion: "Da ist so eine pulsierende Modebewegung in afrikanischen Ländern - und in Europa war es auffällig in Paris und in London. Und ich wunderte mich, wieso es das hier Deutschland nicht gibt", erklärt sie.

Über die Mode ein positives Afrikabild kreieren

"Wer macht Mode? Wer sind die Meinungsmacher? Gibt es dort Repräsentanten, die sich auch tatsächlich diesem Thema annehmen können?" Das waren Fragen, die sich Beatrace Oola stellte: "Ich finde, Mode ist auch ein Vehikel. Man kann darüber ganz viel transportieren und mir war es wichtig, ein positives Afrikabild zu kreieren. Deswegen gab es für mich dann den Impuls, African Fashion in Deutschland Raum zu geben.

Zusammen mit der Kunst- und Medienwissenschaftlerin Cornelia Lund begibt sich Beatrace Angut Oola in einen dekolonialen Modediskurs. Während die Singer-Songwriterin Ilgen-Nur in einem Panel die Frage diskutiert, wie es eigentlich ist, als nicht weiße, weibliche Musikschaffende in der deutschen Musikszene Fuß zu fassen.

Frauenhände binden eine bunte Fliege am Hals eines schwarzen Mannes. © Imago Images/Westend61

AUDIO: Das Kulturfestival "fluctoplasma" startet in Hamburg (4 Min)

Corona verstärkt gesellschaftliche Themen

Die Sängerin Ilgen-Nur bei einem Auftritt in Hannover. © Picture Alliance/Geisler-Fotopress Foto: Clemens Niehaus
Die Singer-Songwriterin Ilgen-Nur wird zwar kein Konzert geben, aber an einem Panel teilnehmen.

Das Konzert von Ilgen-Nur musste wegen Corona abgesagt werden. Die Pandemie fällt aber bei der ersten Ausgabe von "fluctoplasma" nicht nur negativ ins Gewicht. Sie nehme - so Xiyu Tomorrow - besonders im Hinblick auf die Fragen, wo wir als Gesellschaft zurzeit stehen und wie wir in Zukunft leben wollen, beim Festival durchaus eine interessante Rolle ein: "Corona ist eine wahnsinnig spannende Zeit. Viele gesellschaftliche Themen, Brüche, Konfliktlinien kommen jetzt nochmal deutlicher zutage. Das merken wir in unserem Festival und in der Festivalplanung."

Porträts von Rassismus-Opfern

Das Festivalthema für dieses Jahr ist: Hölle. Um unsere aktuelle gesellschaftliche Situation zu verstehen und einen Blick in die Zukunft werfen zu können, müssen wir uns, laut Tomorrow, erst mit unserer dunklen Vergangenheit auseinandersetzen. Zahlreiche Festivalbeiträge, wie die Ausstellung "Die Angehörigen", beziehen sich darum auf zurückliegende Ereignisse. In diesem Fall mit Fotografien von Opfern rassistischer Gewalt. Der Fotograf Jasper Kettner und Ibrahim Arslan, selbst Überlebender der rassistischen Brandanschläge in Mölln 1992, haben Familien und Freunde der Opfer besucht und porträtiert. Noch heute leiden viele von ihnen an dem Verlust und eingeschränkten Ermittlungen.

Rassismus und Diskriminierung werden hier als gleichermaßen akutes wie chronisches Problem unserer Gesellschaft gezeigt. Die Auseinandersetzung mit dieser Kontinuität und der Frage, welche Rolle jede und jeder Einzelne hier einnehmen will, sind für Xiyu Tomorrow und das Festival essentiell, sagt sie: "Diese Fragestellungen können eigentlich nur gemeinsam bearbeitet werden, gemeinsam mit Personen, die eben auch aus der Mehrheitsgesellschaft kommen, weil es uns alle auf eine Art und Weise betrifft."

"96 Stunden Kunst. Diskurs. Diversität"

Das Hamburger Kulturfestival "fluctoplasma" will einen sicheren Raum für Begegnungen schaffen und Diversität fördern.

Art:
Fest
Datum:
Ende:
Ort:
verschiedene: u.a. Zentralbibliothek am Hühnerposten, Bücherhalle Barmbek, Hamburger Westwerk

Hamburg
Preis:
Eintritt frei
Kartenverkauf:
www.fluctoplasma.com
Anmeldung:
Tickets bitte vorher online buchen!
Hinweis:
Einige Veranstaltungen gibt es online im Livestream auf www.fluctoplasma.com
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.10.2020 | 19:00 Uhr