VIDEO: "Wem gehört mein Dorf?": Doku über Göhren auf Rügen (7 Min)

"Wem gehört mein Dorf?": Wenn Heimat dem Tourismus weicht

Stand: 04.08.2021 06:00 Uhr

Im Osten von Rügen liegt das kleine Ostseebad Göhren. Der Dokumentarfilm "Wem gehört mein Dorf?" zeigt, wie sich das Dorf in den vergangenen rund 30 Jahren nach der Deutschen Einheit verändert hat.

von Axel Seitz

Das Ostseebad Göhren gehört zu den beliebtesten Ferienorten auf Rügen. Und das bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch die womöglich größten Veränderungen durch Politik, Baugeschehen und Tourismus erlebte Göhren in den vergangenen rund 30 Jahren nach der Deutschen Einheit.

Nadine Förster © jip Film
Nadine Förster sorgt sich um die Zukunft von Göhren.

"Herr Elgeti, wenn sie hier nicht aufpassen, gehört in 30 Jahren keinem einzigen Göhrener ein Quadratmeter - das hier ist zu verlockend", erinnert sich der Göhrener Bernd Elgeti im Film an die Worte eines Immobilienunternehmers Anfang der 1990er-Jahre. "Hier bleibt nichts übrig. Nur die, die standhaft sind." Bernd Elgeti ist ein Standhafter, einer der sich beharrlich dafür einsetzt, dass Göhren nicht nur eine touristische Hochburg für Urlauber im Sommer ist, sondern ganzjährig ein Ort zum Leben und Arbeiten. Auch Nadine Förster, schätzt diesen östlichsten Fleck von Rügen. "In Europa habe ich fast jedes Land bereist, ich war auf allen Kontinenten", sagt Förster. "Aber erst wenn du weg bist, bekommst du ein Gefühl für Heimat und was bedeutet, wenn du so etwas Besonders hast."

Seit Jahren geht in Göhren kaum etwas ohne den Investor Wilfried Horst. "Durch Beziehungen, die Herr Horst auch zu den Gemeindevertretern hatte, kam es dort zu einem eigenartigen demokratischen Verständnis", sagt der ehemaligen Bürgermeister Wolfgang Pester. "Ob das Freundschaften sind, dass man sich kennt oder ob das Begünstigungen sind - das ist alles in Frage gestellt(...) - es gibt hier keine Beweise und ich halt mich da auch zurück." Für die Behauptung Horst würde die Gemeinde erpressen, sei er bereits einmal von dem Investor verklagt worden.

Soziale Strukturen in Göhren zerfallen langsam

Christoph Eder © jip Film
Regisseur Christoph Eder wuchs in Göhren auf. Jetzt hat er die Geschichte seines Dorfes verfilmt.

Regisseur Christoph Eder liebt die Insel und vor allem Göhren. Der heute 33-Jährige wuchs in dem Ostseebad auf und hatte die Idee zu einem Dokumentarfilm bereits vor rund zehn Jahren. "Da hatte ich das Gefühl, dass es viele Entscheidungen gibt, die ich nicht nachvollziehen kann." Damals sei auch bereits eine erste Ideenskizze entstanden. In diesem Film kann sich der Zuschauer ein Bild davon machen, warum einige Personen so und andere wieder so denken, handeln, bestimmen. Regisseur Christoph Eder hat das alles auch festgehalten, auch weil er Angst um sein Dorf hat: "Ich will nicht irgendwann nach Göhren zurückgehen und merken, dass es ein Ort geworden ist, der nur noch einmal im Jahr seinen Zweck erfüllt", sagt Eder. "Und wo den Rest des Jahres die sozialen Strukturen nicht mehr funktionieren, weil nicht mehr genug Menschen dort wohnen, die zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr sind." Schon jetzt habe der Fußballverein in Göhren keinen Spielbetrieb mehr, weil nicht mehr genug junge Menschen dort wohnen. "Wem gehört mein Dorf? "ist ein Heimatfilm und ein Film über Demokratie in der Kommunalpolitik.

"Göhren ist überall": Ein Stück Heimat weicht dem Tourismus

"Wem gehört mein Dorf" ist eine Liebeserklärung an Göhren, an Rügen, an engagierte Frauen und Männer in diesem Ostseebad, verbunden mit der Hoffnung, dass ein "Höher, Schneller, Weiter" im Tourismus künftig stärker reflektiert wird. Was in Göhren passiert und wofür und wogegen sich Kommunalpolitiker entschieden, passiert nicht nur in dem Ostseebad "Göhren ist überall", meint Eder. "Das spiegeln mir Menschen, die sowohl von Sylt über Kassel bis nach Neapel runter, wo ich mal eine Zuschrift bekommen habe von einer Zuschauerin, die meinte, dass sie das überrascht, dass das in Nordeuropa, auf Rügen, genauso läuft wie in Südeuropa, bei ihr auf Capri." Die Konflikte, die im Film besprochen und ausgemacht werden, die gebe es überall in verschiedenen Ausführungen.

Der wirtschaftlicher Erfolg sei eben nicht alles, gerade nicht in und um Göhren. "Das kostbarste Gut von Göhren ist seine, den Ort umlagernde Natur, wenn wir hier Hand anlegen, ist es irgendwann Geschichte", sagt Bernd Elgeti in dem Film. "Wir dürfen nicht wegen drei Monaten Urlauber und drei Monaten effektivem Geldverdienen alles zerstören. Wir müssen innehalten und das, was wir haben, müssen wir bewahren."

"Wem gehört mein Dorf" von Christoph Eder hat am 4. August in Schwerin seine Premiere gefeiert. Danach ist der Dokumentarfilm in Wustrow auf dem Darß sowie in Rostock zu erleben. Der deutschlandweite Kinostart erfolgt am 12. August.

Wem gehört mein Dorf?

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Veröffentlichungsdatum:
29. Juli
Regie:
Christoph Eder
Länge:
96 Minuten
Kinostart:
12. August

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