"Top Gun 2": Actionperfektion oder Militär-Werbung?

Stand: 28.05.2022 12:21 Uhr

Seit Donnerstag ist "Top Gun: Maverick" in den Kinos. Die Fortsetzung des Films, der 1986 aus dem damals noch unbekannten Tom Cruise einen Superstar gemacht hat. Und an der scheiden sich die Geister - auch die unserer Filmkritikerinnen Anna Wollner und Bettina Peulecke.

PRO: "Top Gun Maverick" ist Actionperfektion in Reinform

von Anna Wollner

Darf man in den jetzigen Zeiten einen Film, der durch und durch Militärpropaganda ist, guten Gewissens auch gut finden? Ja, das darf man. Denn in "Top Gun: Maverick" geht es nicht ums Kämpfen und Töten, nicht um Kriegshandlungen, es geht um den Teamgeist, ums Kräftemessen, um Liegestütze, ums halbnackt Beachvolleyballspielen am Strand im perfekten Sonnenuntergang und ums über sich hinauswachsen.

"Top Gun: Maverick" ist Actionperfektion in Reinform. Ein Film, so akkurat und auf den Punkt wie das Militär. Hier sitzt jeder Handgriff. Nicht nur bei der Air Force, sondern auch in der Inszenierung von Joseph Kosinski. Schon in der Eröffnungssequenz, in der der Captain die Flieger zum Grundkurs Luftkampfmanöver begrüßt, bekommt man Gänsehaut. Eine eins zu eins Kopie des Originals und eine Erinnerung an die gute alte Zeit, in der Actionfilme noch analog gedreht wurden und Schauspielerinnen und Schauspieler nicht einfach nur vor dem Green Screen rumgehampelt sind. Denn Tom Cruise wäre nicht Tom Cruise, hätte er nicht darauf bestanden, alle Flugszenen selbst zu drehen - ohne Stuntman, hoch oben in den Lüften. Aber nicht nur er, sondern auch die Flugschüler, die er in dieser Fortsetzung auf eine Mission vorbereiten muss. Die jungen Schauspieler*innen haben innerhalb kürzester Zeit gelernt, Düsenjets zu fliegen und dabei zu spielen. Oder eben auch nicht, denn "Top Gun: Maverick" ist so real, dass im Cockpit ohnmächtig werdende Charaktere auch bei den Dreharbeiten ohnmächtig geworden sind. Selbst das Erbrochene ist echt. Das Fazit heißt: Einfach nur Wow - ein Film, mit dem Gefühl beim Gucken, als würde man selber mitfliegen.

Contra: "Top Gun: Maverick" mangelt es an Handlung und Story

von Bettina Peulecke

Schauspielerin Jennifer Connelly in einer Szene aus "Top Gun Maverick" © Paramount Pictures
Jennifer Connelly spielt neben Tom Cruise die weibliche Hauptrolle in Joseph Kosinskis Actionfilm "Top Gun: Maverick".

Es ist beeindruckend, wie der fast 60-jährige Tom Cruise in physischer Topform seine Paraderolle auch 36 Jahre später noch verkörpert. Dafür definitiv: Respekt! Aber alle Authentizität in Ehren. Bloß weil die Action in "Maverick" wirklich sehr überschau- und fühlbar ist und ohne Greenscreen-Gehampel auskommt, macht das den Mangel an Handlung und Story nicht wett. Wer das Original nicht kennt, schwelgt eben nicht in sonnenuntergangsgetränkter 1980er-Nostalgie mit Jugenderinnerungen und Helden-Wiedererkennungsfaktor sondern langweilt sich spätestens nach einer Stunde.

Die Frage gegen wen man denn hier eigentlich in den Krieg zieht und sein Leben riskiert, bleibt ein Rätsel. Der Feind hat weder Namen noch Nationalität. Das ist erstaunlich und man kann sich schon mal überlegen, wozu braucht es so einen Armee-Werbefilm in Sachen Unbesiegbarkeit. Der jetzt zu Kriegszeiten in der Ukraine in die Kinos kommt, aber natürlich von langer Hand seit Jahren vorbereitet, gedreht und produziert wurde. Das halbnackte Beachvolleyballspielen hat nichts mehr von der unterschwelligen Homoerotik des Originals, jetzt sind alle Körper gut geölt, unverfänglich und clean. "Top Gun: Maverick" ist ein komplett aus der Zeit gefallener, sich pubertär gebärdender Flieger-Porn.

Anmerkung der Redaktion in eigener Sache:
Die Redaktion der tagesthemen findet die Filmrezensionen der NDR Kolleginnen Anna Wollner und Bettina Peulecke so auf den Punkt, dass sie beide kurzerhand zu einem Pro und Kontra "Top Gun Maverick" eingeladen hat. Das Ergebnis sehen sie in der Sendung vom 25.05.2022 ab Minute 28:06.

 

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"Top Gun Maverick"

Genre:
Action
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
Mit Tom Cruise, Miles Teller, Val Kilmer, Jennifer Connelly, Jon Hamm
Regie:
Joseph Kosinski
Länge:
131 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
ab 26. Mai

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 23.05.2022 | 07:55 Uhr

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Spielfilm

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