Adarsh Gourav vor einem Lokal in einer Filmszene aus "The White Tiger" © Netflix

"The White Tiger": Ramin Bahranis brutales Gesellschaftsbild

Stand: 21.01.2021 06:00 Uhr

Regisseur Ramin Bahrani hat in seinen Filmen schon oft die Welt von unten betrachtet. Auch sein neues, rasant erzähltes Werk "The White Tiger" handelt von einem Mann aus der sogenannten Unterschicht.

von Katja Nicodemus

Dieser Film ist wie eine Achterbahnfahrt - aber mit einem Chauffeur. Dessen Name ist Balram. Der schmächtige junge Mann aus bitterarmen Verhältnissen arbeitet in Neu Delhi als Fahrer für den Sprössling einer reichen Familie. Am Steuer lernt Balram die Stadt kennen, zwischen Hochhausschluchten und Familien die auf der Straße leben.

Einblicke in die indische Oberschicht

"The White Tiger" ist Balrams Ich-Erzählung. Es ist die Geschichte von einem, der auszog, um zu lernen. Und wir lernen mit ihm. Zum Beispiel, dass Beleidigen und Schlagen die normalen Umgangsformen der indischen Oberschicht mit ihren Bediensteten sind. Oder sollte man besser sagen: mit ihren Leibeigenen? Balram, der Chauffeur und Diener, haust in einer dreckigen Tiefgarage, während Ashok, sein Herr, mit seiner Freundin in einer luxuriösen, mit Kronleuchtern und purpurfarbenen Stoffen ausgestatteten Wohnung lebt. Wir lernen auch, dass der Reichtum dieser Familie auf Korruption beruht. Und zwar im großen Stil.

Betrachtung des Verhältnisses von Herr und Knecht

Selten hat man eine Filmfigur erlebt, die sich so oft verbeugt und entschuldigt. Balram glaubt, er sei als Diener geboren, zum Diener bestimmt. Er buckelt, lächelt, erträgt alle Demütigungen. Doch eines Tages geschieht etwas. Die Freundin seines Herrn weist ihn zurecht: Man kratze sich nicht im Schritt, wenn man Tee serviere.

"The White Tiger" von Ramin Bahrani ist eine filmische Betrachtung des Verhältnisses von Herr und Knecht. Balram beginnt nach der Zurechtweisung über sich nachzudenken. Er wird sich darüber im Klaren, dass er nicht als Knecht geboren, sondern dazu gemacht wurde. Er kauft sich eine Zahnbürste und Zahnpasta und erblickt im Spiegel zum ersten Mal keinen Diener, sondern sich selbst.

Geschichte eines Aufsteigers in ureigener Sache

Adarsh Gourav und Priyanka Chopra im Gespräch auf einem Sofa in einer Filmszene aus "The White Tiger" © Netflix
Adarsh Gourav (l.) als Balram und Priyanka Chopra (r.) als Pinky Madam in einer Filmszene.

Der Regisseur Ramin Bahrani ist US-Amerikaner mit iranischen Wurzeln. In "The White Tiger", der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Aravind Adiga wirft er einen unbestechlichen Blick auf die indische Oberschicht. Wir sehen sogenannte Eliten, die in den USA studiert haben, sich zurück in Indien aber nur so weltoffen benehmen, wie es ihnen gerade bequem ist. Ist es nicht schick, wenn der Diener sich zum Geburtstag seiner Herrin ein Maharadscha-Kostüm anzieht? Wenn er hinten im Auto sitzt, während sie den Wagen betrunken durch das nächtliche Neu-Dehli steuert. Ein Unfall ist unausweichlich, in vielerlei Hinsicht. Ebenso unausweichlich ist, dass Balrams Herrschaften nicht die Verantwortung dafür übernehmen werden.

Der Knecht wird sich wehren. Und so erzählt "The White Tiger" die Geschichte eines Emporkömmlings, eines Aufsteigers in ureigener Sache. Dieser Film ist ein brutales Gesellschaftsbild, das Porträt eines Landes, in dem die Tradition einem Menschen mit dessen Geburt sein Schicksal vorschreiben will. Balram entzieht sich auf skrupellose Weise diesem Schicksal. Wer wollte es ihm verübeln?

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The White Tiger

Genre:
Drama
Produktionsland:
Indien/USA
Zusatzinfo:
mit Adarsh Gourav, Rajkummar Rao, Priyanka Chopra Jonas
Regie:
Ramin Bahrani,
Länge:
125 Minuten
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
ab 22. Januar 2021 bei Netflix

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.01.2021 | 07:20 Uhr

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