Szene aus dem Film "The 800" © Kochfilms

"The 800": Chinesischer Film bekräftigt nationale Legende

Stand: 18.03.2021 00:01 Uhr

Der Film "The 800" spielt zur Zeit des Japanisch-Chinesischen Krieges. Vor dem Kinostart in China wurde er den patriotischen Anforderungen der Regierungspartei angepasst. In Deutschland ist er mittlerweile auf Amazon Prime zu sehen.

von Katja Nicodemus

Im vergangenen Sommer sollte das Shanghai-Filmfestival mit "The 800" (auch: "The Eight Hundred") eröffnet werden. Doch dann wurde die Premiere von der Zensurbehörde untersagt - einige Szenen entsprachen nicht den patriotischen Anforderungen. Leicht verändert kam der Film in die Kinos und wurde zum finanziell erfolgreichsten Film des Jahres 2020 - unter anderem, da die Kinos in China weitgehend offen blieben, während sie im Rest der Welt immer wieder geschlossen werden mussten.

Es ist Ende Oktober 1937 inmitten des Japanisch-Chinesischen Krieges. Die Japaner befinden sich vor der endgültigen Einnahme von Shanghai. Um den chinesischen Widerstand aufrecht zu halten und den restlichen Truppen einen geordneten Rückzug zu ermöglichen, verschanzen sich einige Hundert Soldaten der National Revolutionären Chinesischen Armee in einer Lagerhalle. Bekannt wurden sie als "Die Achthundert".

Der Krieg als Schauspiel

Szene aus dem Film "The 800" © Kochfilms
In gesonderten Vierteln leben Shanghais westliche Ausländer.

Bevor die Gefechte richtig beginnen, kämpft der Kriegsfilm des Regisseurs Hu Guan damit, den Zuschauerinnen und Zuschauern die komplizierte geografisch-politische Lage zu erklären. Die Lagerhalle, in der die Chinesen die Stellung halten, liegt am Flussufer gegenüber den gesonderten Vierteln, in denen Shanghais westliche Ausländer leben. In diesen sogenannten Konzessionen tobt das Leben mit Casinos, Bordellen, Restaurants. Der Krieg im Restteil der Stadt wird von hier aus nur als Schauspiel wahrgenommen. In diesen Bezirk, über dem die Leuchtreklamen von Coca-Cola und Siemens prangen, dürfen sich nur Zivilisten flüchten.

Es ist eine absurde Situation: Verzweifelt kämpfen chinesische Soldaten in der Lagerhalle gegen die japanische Übermacht. Und in den Gefechtspausen lauschen sie einer Sängerin, die an einem Fenster auf der anderen Seite des Flusses Opernarien singt. In immer kürzeren Abständen erfolgen die Angriffe der Japaner.

"The 800": Ein patriotischer Heldengesang

Der Widerstand der sogenannten "Achthundert" wurde Bestandteil der chinesischen Nationalmythologie, und so ist dieser Kriegsfilm in erster Linie eine Heldenfeier, ein Heldengesang. Dennoch ist der Film nicht nur patriotisch. Er zeigt die Erschießungen gefesselter japanischer Gefangener durch chinesische Soldaten, die ihrerseits mit vorgehaltenem Gewehr dazu gezwungen werden. Auch die Desertationsversuche chinesischer Soldaten sind immer wieder Thema.

Trotz des Material- und Ausstattungsaufwands und Hunderten von Statisten: In der Lagerhalle entsteht nie wirklich ein Gefühl des Belagertseins, des Eingeschlossenseins, der Klaustrophobie. Zu choreografiert wirken die Bewegungen der Soldaten, zu perfekt die Auftritte der Statisten, zu adrett die Uniformen, zu computerkünstlich die endlosen Ruinenfelder hinter der Lagerhalle.

Chinesische Propaganda: Was nicht ins Bild passt, kommt nicht ins Bild

Irgendwann schnallen sich einzelne Soldaten Sprengstoff um und springen aus den Fenstern der Halle hinab auf die belagernden Japaner. Der patriotische Kommentar von der anderen Seite des Flusses lässt nicht auf sich warten. Die tapfer-verzweifelten Soldaten in der Lagerhalle gehörten zur Kuomintang, zu den chinesischen Nationalisten, die sich nach der kommunistischen Machtübernahme durch Mao nach Taiwan zurückzogen. Wenn die Soldaten im Kugel- und Granatenhagel ihre Flagge auf dem Dach der Lagerhalle hissen, zieht sich die Kamera in die Ferne zurück, es ist die Flagge der heutigen Republik Taiwan. So ist es nun mal mit der nationalen Legendenbildung im Kino: Was nicht ins Bild passt, kommt nicht ins Bild.

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The 800

Genre:
Kriegsfilm
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
China
Zusatzinfo:
Mit Zhi-zhong Huang, Hao Ou, Wu Jiang, Yi Zhang
Regie:
Hu Guan
Länge:
149 Minuten
FSK:
16
Kinostart:
auf Amazon Prime

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.03.2021 | 07:20 Uhr

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