Die Regisseure Clive Oppenheimer und Werner Herzog © ©Apple TV/Courtesy Everett Collection Foto: ©Apple TV/Courtesy Everett Collection

Mit Werner Herzog auf der Jagd nach Meteoriten

Stand: 19.11.2020 12:28 Uhr

Werner Herzogs neuer Film über Meteoriten kommt im Gewand eines existenziellen Abenteuers daher: "Fireball - Besuch aus fernen Welten“ ist bei Apple TV zu sehen.

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von Katja Nicodemus

Wir kennen diese Stimme, ihren leicht gepressten Klang, ihren drängenden, aber auch irgendwie von großen Taten erschöpften Tonfall: Auch in seinem neuen Dokumentarfilm "Fireball - Besuch aus fernen Welten" hört sich der 78-jährige Werner Herzog so an, als habe er gerade ein Schiff über einen Berg gehievt. Wieder ist er so etwas wie der Pionier seines eigenen Films. Diesmal steht seine Reise im Zeichen von Asteroiden und Meteoriten - und der Spuren, die sie auf der Erde zurückließen.

Von weltgeschichtlichen und göttlichen Zusammenhängen

Die Regisseure Clive Oppenheimer und Werner Herzog © ©Apple TV/Courtesy Everett Collection Foto: ©Apple TV/Courtesy Everett Collection
Die Regisseure Clive Oppenheimer und Werner Herzog am Rande eines Meteoritenkraters.

Gemeinsam mit seinem Co-Regisseur, dem Vulkanologen Clive Oppenheimer, führt uns Herzog zu Orten, an denen ein Meteoriteneinschlag stattfand. Er zeigt, wie die Naturphänomene kulturell, religiös, mythologisch verarbeitet wurden. Etwa im elsässischen Ensisheim, wo am 7. November 1492 ein Himmelskörper auf ein Feld stürzte. Von dem britischen Wissenschaftshistoriker Simon Shaffer erfahren wir den weltgeschichtlichen - und göttlichen! - Zusammenhang: "Der Grund, dass dieser Stein in dieses Feld hier gestürzt ist, war genau das: Gottes Wille. Für die Menschen damals waren wunderbare, übernatürliche Schauspiele am Himmel Botschaften."

Im Meteoritenkrümel die Unendlichkeit erfahren

Der Film zeigt uns einen in der Hindu-Mythologie verankerten Krater in Nordindien. Er dokumentiert den mit Smartphones und unzähligen Überwachungskameras aufgezeichneten Meteoritenabsturz im sibirischen Tscheljabinsk im Jahr 2013. Er führt zu einem australischen Krater mit einem Durchmesser von einem Kilometer. Stets begegnet Herzog seinen Gesprächspartnern und -partnerinnen neugierig. Fast immer stellt er sie mit einer kurzen stummen Aufnahme und einer kleinen Charakterisierung vor. So wie den norwegischen Jazz-Musiker und Amateur-Astronomen Jon Larsen.

Larsens Hobby besteht darin, Meteoritenkrümel auf dem Dach einer Sporthalle zu sammeln, um sie später zu klassifizieren. Über die winzigen Gesteinsbröckchen in seiner Hand spricht er mit einer Mischung aus Begeisterung und Wissenschaftsromantik - an der Grenze zur Esoterik: "Wenn ich einen Mikrometeoriten nehme und den auf meinem Fingers spüre, dann hat kein menschliches Wesen jemals etwas Älteres bemüht. Im Grunde sieht man so der Unendlichkeit ins Auge."

Wohliges Erschauern im Angesicht der Katastrophe

Herzogs Film ist eine visuelle Feier der Natur und ihrer Geheimnisse. Die pathetische Musik mag manchmal aufdringlich sein, doch entspricht sie einfach Herzogs Begeisterung für das, was er zeigt. Die große Frage, die diese filmische Globalexpedition begleitet, lautet: Wie wahrscheinlich ist es, dass wieder ein großer Himmelskörper auf der Erde landet und unvorstellbare Verwüstungen anrichtet? So wie auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan. Hier schlug vor 66 Millionen Jahren ein gigantischer Meteorit ein, der vermutlich die Dinosaurier und viele andere Lebewesen vernichtete. Man merkt Werner Herzog das wohlige Erschauern an, als sich seine Kamera dem fatalen Ort nähert.

In "Fireball - Besuch aus fernen Welten" ist die Aufteilung klar: Herzog führt die Kamera, während Clive Oppenheimer die Gesprächspartner und -partnerinnen vor der Kamera interviewt. Nur einmal, in Arizona, als die Planetenforscherin Meenakshi Wadhwa die Menschen zu Sternenstaub erklärt, hält Herzog es nicht mehr aus. Der Expeditionsführer will schon selbst darüber entscheiden, ob er nur ein kosmisches Krümelchen oder noch etwas anderes ist: "Das war das einzige Mal während der gesamten Dreharbeiten dieses Films, dass ich nicht widerstehen konnte. Ich musste von hinter der Kamera aus einschreiten - ich bin kein Sternenstaub, ich bin Bayer!"

Fireball: Visitors from Darker Worlds

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
USA
Regie:
Werner Herzog, Clive Oppenheimer
Länge:
97 Minuten
Kinostart:
13. November 2020 auf Apple Tv+

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.11.2020 | 07:20 Uhr

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