Alexis (Félix Lefebvre) und David (Benjamin Voisin) genießen ihre Zweisamkeit an der malerischen Küste der Normandie. © Wild Bunch Germany

"Sommer 85": Tödliche Teenie-Romanze von François Ozon

Stand: 14.07.2021 09:04 Uhr

Der vielseitige Regisseur François Ozon überrascht mit seinem neuen Film "Sommer 85" - einer jugendlichen Liebesgeschichte. Sie spielt in einem Sommer Mitte der 80er-Jahre, als Ozon selbst ein Teenager war.

von Walli Müller

Man kann diesen Film nicht unvoreingenommen sehen, wenn man im Sommer 1985 - genau wie die Hauptfigur Alex - 16 Jahre alt war, Netz-T-Shirts cool fand und in der Disco zu "The Cure" Pogo tanzte. Schon mit dem Soundtrack weckt Ozon da wohlige Nostalgie-Gefühle, die bei Vor- oder Nachgeborenen möglicherweise nicht so verfangen. Aber die Gefühlswirren, die Alex durchlebt, sind universell.

François Ozon zeigt im Film die große Sommer-Liebe

Eingeführt wird er als Verhafteter in Handschellen. Was er ausgefressen hat, bleibt unklar, weil er jede Aussage verweigert. Den Zuschauer*innen erzählt Alex dann bereitwillig seine Geschichte. Wobei er seine große Sommer-Liebe David mit den charmanten Worten vorstellt: "Das ist die zukünftige Leiche." Ein morbider Humor schwingt da mit, aber auch die Gewissheit, dass die Sache ein tragisches Ende nehmen wird. Man hätte es ohnehin geahnt, allein schon wie dieser Draufgänger David Motorrad fährt.

Mit rasender Geschwindigkeit entwickelt sich auch die Beziehung der beiden. Alex ist berauscht von der Lässigkeit, dem Lächeln, dem Lebenshunger dieses Jungen. Die zwei verbindet - über die körperliche Anziehung hinaus - aber auch diese merkwürdige Affinität für den Tod, die Teenager manchmal haben. Das Fatale daran ist ja, dass "das erste Mal" beim Sterben zugleich das letzte ist.

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Stimmiges 80er-Jahre-Gefühl

"Tanz auf meinem Grab" - so heißt der britische Roman, auf dem der Film basiert. Ein Lieblingsbuch des 17-jährigen François Ozon, das er nun Jahrzehnte später verfilmt hat. Er brauchte diese leichtere Fingerübung wohl nach seinem schmerzhaften Drama "Gelobt sei Gott" über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Seinen jungen Hauptdarstellern riet er, sich "La Boum - Die Fete" anzuschauen, den Teenie-Film der 80er-Jahre, um ein Gefühl für die Zeit zu bekommen. Und das hat gut geklappt. Sie geben und bewegen sich stimmig im "Sommer 85", in dem Jungs noch nicht das Smartphone, sondern den Kamm aus der Gesäßtasche zogen.

"Sommer 85" - durchtränkt mit schwarzem Humor

David (Benjamin Voisin) setzt Alexis (Félix Lefebvre) während einer Party Kopfhörer auf, in einem unwirklichen Moment für sich auf der Tanzfläche fühlt dieser "I Am Sailing" von Rod Stewart. © Wild Bunch Germany
David (links, Benjamin Voisin) und Alexis (Félix Lefebvre) tanzen auf einer Party.

Nur sechs Wochen dauert die Beziehung, die Alex im Schnelldurchlauf die Euphorie, aber auch die Abgründe der Liebe kennenlernen lässt. Ein kurioses und vielsagendes Bild dafür findet sich in der Disco: Die beiden tanzen zusammen; nur trägt Alex dabei Kopfhörer und bewegt sich ganz versonnen zu Rod Stewarts Ballade "I Am Sailing", während alle anderen wild herumspringen. Der Rhythmus dieser beiden Jungs ist einfach nicht synchron.

Von der latenten Spannung, die François Ozon in seinen Filmen sonst so geschickt zu erzeugen weiß, hat "Sommer 85" wenig. Man weiß ziemlich schnell, worauf das Ganze hinaus laufen wird. Das kann man langweilig finden - oder die flirrende Sommer-Atmosphäre genießen und den schwarzen Humor, der dieser tödlichen Teenie-Romanze die Tragik nimmt. Völlig in Ordnung, da mit einem Lächeln aus dem Kino zu kommen.

Sommer 85

Genre:
Romanze/Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
mit Félix Lefebvre, Benjamin Voisin, Philippine Velge
Veröffentlichungsdatum:
8. Juli
Regie:
François Ozon
Länge:
101 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre

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