Stand: 16.09.2018 19:00 Uhr

"Wackersdorf": Aufstand eines bayerischen Dorfs

Wackersdorf
, Regie: Oliver Haffner
Vorgestellt von Walli Müller

Die Bayern gelten grundsätzlich als eher konservativ. Aber wenn's drauf ankommt, können sie einen enormen Widerstandsgeist entwickeln. Bestes Beispiel dafür: der Protest gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 80er-Jahren. Damals wurden friedlich demonstrierende Bürger und Naturschützer am Bauzaun von der Polizei regelrecht niedergeknüppelt. Aber sie ließen sich nicht vertreiben und konnten die WAA am Ende verhindern. Das Polit-Drama "Wackersdorf" erinnert im Kino daran.

Bild vergrößern
Spielt den integeren, wenn auch anfangs naiven Landrat: Johannes Zeiler als Hans Schuierer.

Erzählt wird aus der Perspektive von Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler). Sein Landkreis Schwandorf in der Oberpfalz hat Anfang der 80er-Jahre mit dem Strukturwandel zu kämpfen. Die Braunkohle-Gruben sind dicht, Tausende arbeitslos. Der SPD-Mann Schuierer aber ist kein Politiker, der in dieser Situation Phrasen drischt. "Ich würd gern a Sonntagsrede halten. Ich hab sogar eine geschrieben. Aber ich denk, uns allen ist mit der Wahrheit mehr gedient", kündigt er an.

Keine Zweifel an der Integrität des Politikers Schuirer

Der Film lässt von vorn herein keinen Zweifel an der Integrität Schuierers. Das ist wichtig für das Folgende. Bei einem geheimen Weißwurst-Frühstück nämlich unterbreitet ihm der bayerische Umweltminister ein geradezu märchenhaft klingendes Angebot.

"Also wir, die bayerische Staatsregierung, wir bemühen uns derzeit um ein zukunftsweisendes industrielles Großprojekt. Blitzsaubere Sache. Hightech und so weiter, alles in weißen Kitteln." - "Bei uns?" - "Hihihii, ja des werden jetzt Sie als Sozi nicht verstehen, aber unserem Herrn Ministerpräsidenten liegen grade die strukturschwachen Gegenden sehr am Herzen. Und Schuierer, wir reden da über mindestens 3.000 neue Arbeitsplätze!" Dialog zwischen zwei Politikern im Film

Ein Teufelspakt mit großen Auswirkungen

Bild vergrößern
Die Bürgerinnen und Bürger Wackersdorf machen mobil gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage - über Jahre hinweg.

Natürlich hat der Landrat da Interesse! Dass er sich auf einen Teufelspakt eingelassen hat, schwant ihm erst, als die frohe Botschaft von den Arbeitsplätzen längst im Landkreis verkündet ist und die Baupläne für die WAA auf dem Tisch liegen.

Entwicklungsgeschichte eines naiven Politikers

Es steckt in "Wackersdorf" einerseits die Entwicklungsgeschichte eines anfangs naiven Politikers, den sie in der Hauptstadt für einen "depperten Hinterwäldler" halten. Andererseits ein Fall beispielloser Rechtsbeugung durch die Staatsmacht, damals unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Da rückt auf einmal ein brachiales Abriss-Kommando aus München an, um einen Wachturm der WAA-Gegner zu beseitigen. Landrat Schuierer ist entsetzt. Parallel zum Landrat politisiert sich eine ganze Region. Von überall her kommen bald die Busse zum Bauzaun. Jahrelang wird dieser Protest dauern.

Mit 800 Komparsen am Originalschauplatz

Bild vergrößern
Es wurde an Originalschauplätzen gedreht. Bis heute sei die "Wunde Wackersdorf in keinster Weise verheilt", so Regisseur Oliver Haffner.

Regisseur Oliver Haffner hat mit 800 Oberpfälzer Komparsen am Originalschauplatz gedreht und dabei gemerkt, dass "Wackersdorf" nicht einfach nur ein "historisches Thema" ist. "Ich hatte das Gefühl, diese Wunde 'Wackersdorf' ist in der Region in keinster Weise verheilt. Auch die Risse, die durch die Bevölkerung gingen. Es gab ja auch Befürworter. Ganze Familien sind zerbrochen. Niemand von Seiten der Staatsregierung hat sich für die massiven Polizeieinsätze in der Region jemals entschuldigt", so Haffner.

In seinem großartigen Polit-Drama geht es auch um die Liebe zur Heimat. Aber sein Film ist frei von jedem Pathos; er wirkt, weil er so unaufgeregt erzählt ist. Entsprechend der ruhigen Art des Landrats, der mit Johannes Zeiler grandios besetzt ist. Spannend und sehenswert weit über den Weißwurst-Äquator hinaus!

Wackersdorf

Genre:
Polit-Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
Oliver Haffner
Länge:
123 Minuten
FSK:
ab 6 Jahren
Kinostart:
20. September

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 17.09.2018 | 06:55 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/film/tipps/Polit-Drama-Wackersdorf,wackersdorf104.html

Mehr Kultur

54:12
NDR Info
53:43
NDR Info
51:41
NDR 1 Welle Nord

Kirsten Boie schreibt Bestseller für Kinder

22.01.2019 20:00 Uhr
NDR 1 Welle Nord