Daniel Brühl (r.) und Peter Kurth sitzen in einer Kneipe am Tresen - Szene aus Daniel Brühls Regiedebüt "Nebenan" im Wettbewerb der Berlinale © Rainer Bajo

Filmtipp: "Nebenan" - Daniel Brühls Regiedebüt bei der Berlinale

Stand: 10.03.2021 12:45 Uhr

Das Regiedebüt des Schauspielers Daniel Brühl lief im Wettbewerb der Berlinale. Das Drehbuch zum Film "Nebenan" stammt von Bestseller-Autor Daniel Kehlmann.

von Bettina Peulecke

Daniel Brühl hatte die Idee zu "Nebenan" - und hat sich bei seiner ersten Arbeit hinter der Kamera auch gleich selbst vor der Kamera besetzt. Was folgerichtig ist, denn der Film trägt auch autobiographische Züge. Brühl spielt Daniel, einen erfolgreichen Filmstar, der in einer durchgestylten Wohnung in einem hippen Berliner Viertel wohnt samt Frau, zwei Söhnen und dem Kindermädchen.

Und dann winkt der internationale Durchbruch:  Zu einem Vorsprechen für eine Rolle in einem Superhelden-Film soll Daniel nach London fliegen.  Auf dem Weg zum Flughafen macht er Zwischenstopp in seiner Stammkneipe an der Ecke, um ungestört noch ein wenig am Text zu feilen. Ein Unbekannter an der Theke nähert sich Daniel - mit einer normalen Bitte, dennoch ist die Art ungewöhnlich:

"Kann ich ein Autogramm haben?" - "Ja, gerne. Haste was zu schreiben?" - "Nee." - "Haste Papier?" - "Nee." Film-Zitat

Daniel Brühl zeigt scharfen Kontrast zwischen altem und neuem Berlin

Zwischen geschmeichelt und genervt bemerkt der Schauspieler, dass der Mann an der Theke ihn nicht aus den Augen lässt:

"Sie erkennen mich nicht, oder?" -  "Sollte ich Sie erkennen?" - "Ja, offensichtlich nicht. Wenn Sie mich noch nie bemerkt haben, dann brauchen Sie mich auch nicht zu erkennen." - "Wo hätte ich Sie denn bemerken sollen?" - "In unserem Haus." - "Sie wohnen in meinem Haus?" - "Nein, Sie wohnen in meinem - ich bin schon ein bisschen länger da…" Film-Zitat

Und damit ist der Film bei seinem eigentlichen Thema angekommen: die Gentrifizierung, die in Berlin besonders in den Vierteln Friedrichshain oder Kreuzberg zu beobachten ist. Daniel aus der schönen, neuen Erfolgswelt steht in scharfem Kontrast zu dem namenlosen, in die Jahre gekommenen Ostler, ein ehemaliger Musiker, dessen Leben nicht wie im Bilderbuch verlaufen ist:

"Ich bin im Hinterhaus, fünfter Stock, gleich gegenüber von ihnen, auf der anderen Seite vom Hof. Ich hab aber keinen Fahrstuhl, der nur zu mir hochgeht. Ich nehme die Treppe, so wie alle anderen auch." Film-Zitat

Daniel Brühl und Peter Kurth als Gegenspieler

Es entwickelt sich ein ironisch bis zynisches Wortduell zwischen Daniel Brühl und Peter Kurth, der den Gegenspieler gibt. Die Chemie zwischen den Schauspielern stimmt, und lange Zeit hält der Film, was er in der Ankündigung verspricht, nämlich eine schwarze Komödie zu sein. Im weiteren Verlauf des Gespräches wird aber klar: Der Fremde kennt nicht nur alle Filme von Daniel, er hat auch tiefe Einblicke in Daniels Privatleben. Er weiß Dinge über Daniels Frau und Kindermädchen, die Daniel selbst nicht wusste, und er weiß etwas über Daniels Affäre, von der seine Frau nichts wusste.

"Nebenan": Eckkneipen-Sujet als Kammerspiel

Und dann werden die Themen genereller, es geht um soziale Ungerechtigkeit, Versagensängste und Aufrichtigkeit. Am Ende sitzen zwei enttäuschte Männer aus zwei verschiedenen Welten an einem Tresen. Das ist eher Drama als Komödie und durch diesen Bruch wirkt der Film nicht komplett rund.

"Nebenan" zelebriert das Eckkneipen-Sujet als Kammerspiel, Tristesse am Tresen, die von den kauzigen Typen und dem urigen Ambiente lebt, und darüber hinaus auch noch hübsch anzusehen ist.  Der Film setzt allerdings in seinen Anspielungen gute Kenntnisse der jüngeren deutschen Geschichte, Berlins und der Filmographie von Daniel Brühl voraus, gern auch in Kombination, etwa wenn es um seine Rolle in und um "Good Bye, Lenin" geht. Der Schauspieler hat mit seinem Regiedebüt vieles richtig gemacht, und das Berliner Publikum wird den Film im Sommer ganz sicher ganz besonders genießen

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Nebenan

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Daniel Brühl, Peter Kurth, Rike Eckermann, Aenne Schwarz, Gode Benedix, Vicky Krieps, Mex Schlüpfer, Steffen Scheumann
Regie:
Daniel Brühl
Länge:
92 Minuten

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.03.2021 | 14:20 Uhr

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