Szene aus dem Film "Nackte Tiere" © déjàvu-film

"Nackte Tiere": Film über Aufbruch und Aussichtslosigkeit

Stand: 03.06.2021 06:00 Uhr

Der Film "Nackte Tiere" begleitet eine Wohngemeinschaft von Jugendlichen in der ostdeutschen Provinz - der Film thematisiert Heimat, Aufbruch und Aussichtslosigkeit. Nun ist "Nackte Tiere" als DVD erhältlich und auf mehreren Streamingportalen zu sichten.

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von Katja Nicodemus

Das Anlegen der Bandagen vor dem Kampfsporttraining ist ein Ritual. Und man sieht der jungen Frau die Ungeduld an: Wann geht es endlich los? Der Kampf ist ein nach strengen Regeln ablaufendes Gerangel. Gemeinsam mit ihrem Lehrer wälzt sich Katja auf dem Boden. Sie wird die Lücke finden, sich befreien.

Immer wieder wird in "Nackte Tiere", dem Regiedebüt von Melanie Waelde, gekämpft und gerangelt - auch jenseits der Sporthalle. Der Film folgt einer Gruppe von Jugendlichen, die irgendwo in der ostdeutschen Provinz in einer Plattenbauwohnung zusammen leben, hausen, abhängen. Katja und Sascha, die fast ein Liebespaar sind, Laila, Schöller und Benni. Ganz nah kommt die Kamera diesen jungen Menschen, die in chaotischer Verbundenheit eine Art Rudel bilden. Ihre Geschichten erfährt man in Andeutungen: familiäre Probleme, gebrochene Biografien. Es ist das letzte Schuljahr vor dem Abi. Zum Unterricht schleppt man sich eher, als dass man dorthin geht.

Man küsst und schlägt sich

Szene aus dem Film "Nackte Tiere" © déjàvu-film
Marie Tragousti als Katja im Film "Nackte Tiere" von Melanie Waelde.

Katja ist die Heldin und das Zentrum von "Nackte Tiere". Die 22-jährige Nachwuchsschauspielerin Marie Tragousti spielt sie mit einer buchstäblich umwerfenden Körperlichkeit. Zwischen Abwehr und der Sehnsucht nach Berührung. Zwischen dem brutal ausgedrückten Bedürfnis nach Distanz und Freundesliebe. Und so hat es fast etwas liebevolles, wenn Katja ihre Kameraden morgens mit ihrer Musik weckt.

"Nackte Tiere" ist in einem fast quadratischen Filmformat gedreht, das die Figuren zusätzlich zusammen zu drängen scheint. Gemeinsam mit der Kamera rücken wir ihnen auf den Leib. Latent gewalttätige Gesten und Konfrontationen sind für die jungen Leute eine Art von Kontaktaufnahme, Verständigung. Es geht ums Abchecken, Auschecken, Erkunden. Man küsst sich und schlägt sich, in jedem Moment scheint alles möglich, und ein gereizter Dialog im Auto kippt in etwas anderes.

Während Katja und Sascha weiter zur Schule gehen, zieht sich der fragile Benni immer weiter in sich selbst zurück. Das Abi scheint für die beiden zumindest so etwas wie eine Etappe zu sein. Für Benni ist es der Beginn eines Erwachsenseins ohne Perspektive. Deutschland als Land, als Gesellschaft, scheint hier nicht zu existieren. Eine Vision, eine Zukunft, in der die jungen Leute aufgehoben sind, gibt es nicht. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen. Auf ihre Träume - oder Nicht-Träume.

"Nackte Tiere" lieft auf der Berlinale

"Nackte Tiere" war die faszinierende Entdeckung im Wettbewerb Encounters auf der vergangenen Berlinale. Weil Melanie Waeldes Film von Lebensgier und Lebensangst erzählt. Weil er seinen Figuren so nahekommt und sie doch so fremd wirken lässt. Umso erhebender ist es, wenn doch die Möglichkeit einer Verbindung aufscheint - etwa, wenn Katja einfach den Kopfhörer des Freundes aufsetzt, der entrückt und unter Drogen für sich allein in seinem Zimmer tanzt.

Nackte Tiere

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Michelangelo Fortuzzi, Luna Schaller, Sammy Scheuritzel, Luna Arwen Krüger, Markus von Lingen
Veröffentlichungsdatum:
5. März (DVD)
Regie:
Melanie Waelde
Länge:
83 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.06.2021 | 07:20 Uhr

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