Eine Szene aus dem Film "Los conductos" © MUBI

Ein großartig durchgeknallter Film: "Los Conductos"

Stand: 20.05.2021 07:39 Uhr

Letztes Jahr gewann Camilo Restrepo mit "Los Conductos" den Preis für den besten Erstlingsfilm der Berlinale. Die Bilder sind körnig, die Farben intensiv, manche Einstellungen wirken psychedelisch. Nun ist er im Filmportal MUBI zusehen.

von Katja Nicodemus

Ein junger Mann stiehlt ein Motorrad und braust damit durch die Nacht. Er nimmt Drogen, dringt in eine Fabrik ein, hört mit geschlossenen Augen eine Musik, die so bedröhnt wirkt wie er selbst.

Eine Szene aus dem Film "Los conductos" © MUBI
"Los Conductos" von Camilo Restrepo zeichnet das Bild eines desolaten, haltlosen Landes. Er ist auf 16-mm gedreht.

Wer ist dieser junge Mensch mit dem wilden Bart und den lodernden Augen? Wer ist der Held dieses kolumbianischen Films? Woher kommt er? Und was ist das für eine Stadt, die sich nur aus in der Nacht blinkenden Lichtpünktchen zusammensetzt?

"Los Conductos" - Debütfilm auf Berlinale 2020 gefeiert

Nach und nach setzt sich in "Los Conductos", diesem auf der Berlinale gefeierten Regiedebut, eine Geschichte zusammen. Der junge Mann, Pinky ist sein Name, hat sich von einer kriminellen Bande gelöst. Rückblenden zeigen, wie die Gruppe ihre Drogengeschäfte mit dem illegalen Bedrucken von T-Shirts kaschiert. Es handelt sich um eine kriminelle Sekte, die an ihren Anführer wie an einen Erlöser glaubt.

Ihre Mitglieder, allesamt junge Männer, sind verbunden durch das, was ihnen fehlt: Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Zugehörigkeit. Ihren Anführer nennen sie Vater, ihre Beschäftigung: Töten, Rauben, Dominieren.

Film zeichnet Bild eines desolaten, haltlosen Landes

Seit sich der Protagonist, "Pinky" von der Bande gelöst hat, driftet er durch die namenlose Stadt. Dokumentarisch anmutende Bilder zeigen Shopping Malls, Müllkippen, leere Parkhäuser.

"Los Conductos" von Camilo Restrepo zeichnet das Bild eines desolaten, haltlosen Landes. Wir sehen Männer voller Sehnsucht nach Führern, Vorbildern, Vätern, Anführern. Die einen suchen Halt in der kriminellen Gruppenzugehörigkeit. Die anderen in paramilitärischen Organisationen, die hier immer wie bedrohliche Karnevalszüge durch die Straßen paradieren. Im Fernsehen ist von Korruption die Rede, und die Grenzen zwischen Unterwelt und Politik scheinen fließend zu sein.

Die Bilder sind körnig, die Farben intensiv

Regisseur Camilo Restrepo auf der Berlinale 2020 © IMAGO / Seeliger
Regisseur Camilo Restrepo erhält bei der Berlinale 2020 den Preis für den besten Erstlingsfilm.

"Los Conductos" ist auf 16-mm-Film gedreht und schlägt mit dieser Ästhetik einen Bogen zum revolutionären lateinamerikanischen Kino der sechziger und siebziger Jahre. Die Bilder sind körnig, die Farben intensiv, manche Einstellungen wirken psychedelisch, so als würde man als Zuschauer in die rauschhafte Wahrnehmung des Helden eintauchen.

Etwa wenn sich die Musik mit dem Rhythmus der primitiven mechanischen Fließbänder verbindet, auf denen die T-Shirts bedruckt werden. "Pinky", Camilo Restrepos Hauptfigur, scheint mehr in dieser Musik zu leben als an einem Ort. Er übernachtet auf Kartons in Lagerhallen oder leerstehenden Fabriken. Aber weshalb demoliert er in einem dieser Gebäude einen alten Stromkasten? Und weshalb reißt er Kabel aus der Wand?

Am Ende steht eine Forderung

"Pinky“, das wird klar, lebt inzwischen vom Kupferdiebstahl. Er stielt alte Leitungen, wickelt sie zu glänzenden Knäueln auf und verkauft sie an die Kupfermafia. "Los Conductos" heißt auf Deutsch: die Leitungen. Ein junger Mann zerstört Verbindungsleitungen und will doch nichts mehr, als wieder Verbindung mit der Welt aufnehmen.

Man könnte diesen großartigen, durchgeknallten Film als eine Folge von visuellen Kurzschlüssen sehen, die der Beginn von etwas neuem sind. Am Ende steht eine Forderung - vielleicht nicht nach Revolution, aber doch nach einem anderen, besseren Leben. Utopisch ist allein schon der unbändige Lebenswille des Helden, wenn er am Ende mit einem Kameraden in einer Art Seifenkiste durch einen endlosen Tunnel rast. Welcher Zukunft auch immer entgegen.

Los Conductos

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Frankreich, Kolumbien, Brasilien
Regie:
Camilo Restrepo
Länge:
70 min
FSK:
-
Kinostart:
On Demand

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 20.05.2021 | 07:20 Uhr

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