Stand: 28.01.2015 17:00 Uhr  - NDR Kultur

Ex-Batman spielt Ex-Birdman

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
, Regie: Alejandro González Iñárritu
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Wenn man einen Schauspieler auf das Spielen anspricht, dann bekommt man nicht selten ziemlich pathetische Sätze über Kreativität und Inspiration zu hören. Nicht so bei Michael Keaton, der entspannt in einem Londoner Hotelzimmer sitzt und aussieht wie ein kalifornischer Automechaniker, der gerade Pause macht. Also, wie ist das nun mit der Schauspielerei? "Soll ich ehrlich sein? Es fühlt sich manchmal wirklich, wirklich, wirklich doof an", so Keaton. "Und bitte, das ist die Wahrheit. Mit dreimal wirklich. Und dann sagt man sich einfach: Dann ist es halt doof. Na und? Und dann versucht man, hart zu arbeiten, um wirklich, wirklich, wirklich gut zu spielen." Wirklich, wirklich, wirklich gut spielt Michael Keaton die Hauptrolle in Alejandro González Iñárritus Film "Birdman".

Keaton verkörpert sich selbst

Vielleicht ist er eben deshalb so gut, weil er in dieser Tragikomödie auch ein wenig sich selbst verkörpert: Keaton, der ehemalige "Batman"-Darsteller spielt Riggan Thomson, der früher den Superhelden Birdman spielte, und der nun am Broadway ein Comeback als seriöser Theaterschauspieler versucht. Dabei wird er aber von seinem Superhelden-Über-Ich, einem Birdman im Vogelkostüm, verfolgt, gehetzt und kritisiert.

Seine Identitätskrisen verbinden sich mit den Neurosen und Ängsten eines flatterhaften Theaterensembles. Und, so Michael Keaton, mit der eigenen Eitelkeit. "Der Typ nervt, mit seinem ständigen Schmachten nach Anerkennung. Und ich bin gar nicht so viel stabiler als er. Ich bin einfach nur zu faul für diesen ganzen Zirkus. Aber letztlich kann ich Riggan Thomson verstehen. Ich habe selbst eine Menge Experimente hinter mir. "Batman" hätte der albernste Film der Welt werden können. Und wenn er gescheitert wäre, dann mit Karacho."

Großartiges Ensemble

Edward Norton, Naomi Watts, Andrea Riseborough, Emma Stone - ein großartiges Ensemble begleitet Michael Keaton durch seinen Comeback-Film. Für seine Raymond-Carver-Inszenierung am Broadway muss Keatons Held Riggan Thomson nicht nur Ersatz für einen verletzten Darsteller suchen. Er muss sich außerdem mit seiner vernachlässigten Tochter herumschlagen, mit einer frustrierten Geliebten, mit hysterischen Kollegen und mit seiner wütenden Ex-Frau, die ihm vorwirft, er verwechsle Bewunderung mit Liebe.

Michael Keaton bringt die Gefahr und Normalität der Schauspieler-Eitelkeit auf seine Weise auf den Punkt: "Es ist die offensichtlichste Falle dieses Berufes, und wenn Sie von Bewunderung abhängen, dann sind Sie gearscht. Aber wenn ich zu Ihnen sage, dass Sie einen wirklich schönen Schal tragen, was im Übrigen stimmt, dann freuen Sie sich doch auch."

Schauspieler sind empfindsam und verletzlich

Iñárritus Film stellt die Ängste und Neurosen seiner Schauspielerfiguren aus. Aber er enthält auch tiefe Wahrheiten über die Empfindsamkeit und den Narzissmus, die es braucht, um überzeugend auf der Bühne oder vor der Kamera in die Haut eines anderen zu schlüpfen und über die Unsicherheit und Verletzlichkeit, die das mit sich bringt.

"Wenn Sie ein Mechaniker, ein Zahnarzt oder ein Versicherungsvertreter sind", erklärt Keaton, "sind sie nicht den Argusaugen der ganzen Welt ausgesetzt. Ich rede von den Augen dieser Leute, die glauben, sie wüssten genau, wovon sie reden, wenn sie über einen Schauspieler und seine Darstellung sprechen. Wir sind in diesem Beruf in einer wirklich verwundbaren Situation."

Unter der Komödie lauert die Verzweiflung

Alejandro González Iñárritu hat "Birdman" in langen, ungeschnittenen Einstellungen gedreht, die einen unwiderstehlichen - auch komischen - Sog entwickeln. Man mag kaum glauben, dass dieser fast ausschließlich in den Gängen eines New Yorker Theaters gedrehte, slapstickhafte Film einer persönlichen Krise seines Regisseurs entsprang. "Wir sind wie Gefäße", beschreibt Keaton. "Und wir enthalten: IHN. Iñárritu hat auf diese Weise eine Depression verarbeitet. Ich kenne depressive Zustände wie jeder andere auch. Ich wette, auch Sie kennen das, oder der Kellner, der gerade den Kaffee gebracht hat. Aber eine richtige, endlose, bodenlose Depression habe ich noch nicht erlebt. Es muss sehr schlimm bei Iñárritu gewesen sein."

Und so enthält "Birdman", dieser wunderbare, absurde, frivole und neunmal für den Oscar nominierte und mit vier Oscars - darunter in der Kategorie "Bester Film" - ausgezeichnete Film über Schauspieler noch eine weitere Wahrheit: Dass nämlich unter jeder guten Komödie die Verzweiflung lauert.

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Genre:
Drama, Komödie
Produktionsjahr:
2014
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts
Regie:
Alejandro González Iñárritu
Länge:
119 min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
29. Januar 2015

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.01.2015 | 07:20 Uhr

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