Filmszene mit tanzenden jungen Menschen aus dem Kinofilm "In the Heights" © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. Foto: Macall Polay

"In the Heights": Mitreißender Musicalfilm

Stand: 29.07.2021 19:15 Uhr

Wenn Musicals auf der Bühne erfolgreich waren, werden sie gern verfilmt. "In the Heights" ist eine höchst gelungene Adaption. Ein quirliges Porträt eines vornehmlich von Latinos bewohnten Viertels in New York.

von Bettina Peulecke

Ein neuer Tag bricht an in Washington Heights. So heißt das Stadtviertel im Norden von Manhattan, wo sich hispanische Migranten, vor allem aus der Dominikanischen Republik, niedergelassen haben. Einer von ihnen ist Usnavi. Der junge Mann hat Träume, wie jeder hier: Erstens möchte er mit seiner Jugendfreundin Vanessa zusammenkommen. Die träumt davon, Modedesignerin zu werden und in Upper Manhatten zu wohnen. Und zweitens möchte er eines Tages zurück in die alte Heimat, wo er geboren wurde, und dort die Strandbar seines Vaters wieder flott machen.

Bereits 2008 eroberte "In the Heights" den Broadway

Zunächst aber geht es um das Alltagsleben unter hispanischen Migrantinnen und Migranten in New York. Nicht als verfeindete Gangmitglieder wie einst in Leonard Bersteins "West Side Story", sondern als quirliges Abbild von hart arbeitenden, ambitionierten Menschen, die jedoch ebenso leidenschaftlich flirten und tanzen.

Der Autor Lin-Manuel Miranda ist gebürtiger New Yorker, Sohn puertoricanischer Einwanderer. In den 1990er-Jahren entstand die erste Fassung seines Musicals, 2008 eroberte es den Broadway. Die musikalische Melange aus Rap, Soul und karibisch-lateinamerikanischen Tanzrhythmen begeisterte. Die Handlung beschäftigt sich neben Lebens- und Liebesgeschichten auch mit dem Thema Gentrifizierung. Das Stück wurde mit vier Tony-Awards ausgezeichnet, die CD-Einspielung der Bühnenproduktion erhielt den Grammy.

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Kritik in den sozialen Medien

Auch der Film hat eine längere Entstehungsgeschichte, wurde diverse Male verschoben und kam letztlich im Juni dieses Jahres in den USA in die Kinos. Und erntete gleich Kritik in den sozialen Medien. Die schwarze Gemeinschaft innerhalb der Latino-Gruppierung kritisierte mit scharfen Worten, dass Hispanics mit dezidiert afrikanischen Wurzeln im Film nur unzureichend berücksichtigt sind. Lin-Manuel Miranda reagierte auf Twitter und zeigte sich diplomatisch einsichtig: "Ich schrieb 'In The Heights' unter dem Eindruck, dass ich mich nicht wahrgenommen fühlte. Und in den 20 Jahren seither ging es mir stets darum, dass alle von uns wahrgenommen werden. Die Diskussion um die mangelnde Präsenz von Afro-Latinos in unserem Film, gerade auch in den Hauptrollen, zeigt mir, dass die gute Absicht allein zu wenig war. Wir wollten ein Mosaik der Latino-Community erstellen und sind dabei gescheitert. Ich bedaure das sehr und gebe das Versprechen, es in kommenden Projekten besser zu machen."

Die Amerikanerin Kim Moke ist Tänzerin, Choreographin, Dozentin und Gründerin der Stage-School in Hamburg, eine auch international anerkannte Institution in Sachen Musical-Ausbildung. Sie gibt zu bedenken: "Ich habe 'In the Heights' auf der Bühne am Broadway gesehen, 2007 als es erstmals rauskam, und die Leute auf der Bühne waren gemischt, Latinos und Latino-Schwarze. Es gab ein paar Charaktere, die sollten weiß sein, das ist okay, die waren so besetzt. Man darf nie vergessen, dass Film und Stage anders sind. Man kann nicht genau dasselbe im Film wie auf der Bühne spielen."

Klar ist aber auch, dass New York als Schmelztiegel der Völker über sehr lange Zeit eine ethnische Folklore betrieben hat, die vornehmlich das weiße Publikum europäischer Prägung begeistert hat.

"In the Heights": Ein authentischer, mitreißender Film

Heutzutage ist Diversität in der Musical-Kultur vergleichsweise fest verankert. Und es ist auch die erkennbare Vielfalt, die "In the Heights" so frisch und dynamisch macht. Es sind eben nicht nur Latinos, die in dem Viertel leben. Es sind klar definierte, erkennbar unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, Menschen mit kubanischen, puertoricanischen und mexikanischen Wurzeln. Die Kundschaft im Friseurladen ist mindestens so divers und bunt-schillernd wie Figuren aus "Ein Käfig voller Narren". Und mehr oder weniger Afro-Latino-Darstellerinnen und -Darsteller würden die Qualität von "In the Heights" auch nicht maßgeblich beeinflussen. Denn so oder so ist dieser zwar auch nicht klischeefreie, dennoch höchst authentisch wirkende Film ein mitreißendes "Must-See" in diesem Kino-Sommer.

In the Heights

Genre:
Drama / Musical
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Anthony Ramos, Melissa Barrera, Leslie Grace
Veröffentlichungsdatum:
22. Juli
Regie:
Jon M. Chu
Länge:
143 Minuten
FSK:
ab 6 Jahre

Dieses Thema im Programm:

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