Eine Frau steht in der Tür eines alten Wintergartens. © Grandfilm

Filmtipp: "Giraffe" - zwischen Bewahren und Fortschritt

Stand: 04.03.2021 10:21 Uhr

Anna Sofie Hartmanns Film "Giraffe" war 2020 nur kurz in den Kinos. Der Spielfilm erzählt am Beispiel des Fehmarnbelt-Tunnel-Baus von Vergangenheit und Zukunft. Vor Kurzem bekam er den renommierten Preis der Deutschen Filmkritik.

Ein junger Mann mit gelber Bauarbeiter-Jacke steht mit ernstem Blick vor einem Feld. © Grandfilm
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von Katja Nicodemus

Einer älteren Frau versagt die Stimme. Wovon spricht sie? Von einem Bauernhof, der seit Generationen im Besitz ihrer Familie ist - und der einer Autobahn weichen soll. Gemeinsam mit ihrem Mann sitzt Birte in ihrem Esszimmer und erzählt von dem Gebäude, das ihr und ihrer Familie soviel bedeutet. Es ist eine der vielen Szenen des Films "Giraffe", die auf leise Art bewegen. Denn Anna Sofie Hartmanns Spielfilm handelt vom Verschwinden.

Welt, die dem Fortschritt zum Opfer fällt

Eine Frau sitzt bei geöffnetem Fenster auf dem Bett und betrachtet Fotoalben. © Grandfilm
Was macht einen Menschen aus? Ethnologin Dana (Lisa Loven Kongsli) sucht nach Spuren in alten Fotos und Tagebüchern.

Die Ethnologin Dana wurde von einem Museum beauftragt, auf der dänischen Insel Lolland all das zu dokumentieren und festzuhalten, was einem riesigen Bauprojekt zum Opfer fallen wird: dem Fehmarnbelt-Tunnel. Zwischen der schleswig-holsteinischen Insel Fehmarn und Dänemark soll er Nord- und Mitteleuropa verbinden. Die Kamera folgt Dana, der Hauptfigur, wie sie Menschen, Gebäude, Lebensformen erkundet, die dem Projekt weichen müssen. Sie dokumentiert eine Welt, die in Begriff ist, dem so genannten Fortschritt zum Opfer zu fallen. Etwa das verlassene Haus, in dem einst eine Frau namens Agnes Sörensen wohnte. Wer war diese Frau, die alleine in der Natur lebte, die als Bibliothekarin arbeitete und vor Jahren starb?

Bevor Agnes Sörensens Haus für das Tunnelprojekt abgerissen wird, fotografiert Dana die Räume, Bücher und Möbel, die Blicke aus den Fenstern. Die Wissenschaftlerin liest in den Tagebüchern der Frau, der sie nie begegnet ist. Ein Mensch hält die Spuren fest, die ein anderer Mensch hinterlassen hat. Und so fragt Hartmanns Film: Was macht einen Menschen aus? Der Raum, das Haus, in dem er oder sie lebte? Die Gefühle und Sehnsüchte, die mit ihm verschwinden werden?

Polnische Wanderarbeiter beim Bau des Fehmarnbelt-Tunnels

Ein junger Mann mit gelber Bauarbeiter-Jacke steht mit ernstem Blick vor einem Feld. © Grandfilm
Der polnische Wanderarbeiter Lucek (Jakub Gierszał) ist an den Abrissarbeiten für den Fehmarnbelt-Tunnel beteiligt.

Die Männer, die das Bauprojekt des Fehmarnbelt-Tunnels vorbereiten sind Wanderarbeiter aus Osteuropa. Und auch sie bekommen in Hartmanns Film eine Stimme, eine Präsenz. Zugeneigt betrachtet die Kamera die Gruppe polnischer Bauarbeiter. Sehnsüchtig erzählt einer von ihnen von der Arbeit in der Fremde, von der Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern. Die Männer sind nach Dänemark gekommen, weil sie nur auf diese Weise zu Hause die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren können. Die Wanderarbeiter sichern die Existenzen ihrer Familien, bauen in der Heimat Häuser. Häuser voller Dinge, die auch irgendwann verschwinden werden.

Liebesgeschichte zwischen zwei Welten

Ein Paar liegt halb zugedeckt im Bett neben einem Tischer voller alter Bücher. © Grandfilm
Zwischen der Ethnologin Dana und dem Wanderarbeiter Lucek entwickelt sich eine Affäre.

Anna Sofie Hartmanns Film erzählt auch eine Liebesgeschichte - zwischen Dana und dem jungen polnischen Arbeitsemigranten Lucek. Die beiden erleben unbeschwerte Momente am Strand, im Bett, im Restaurant. Aus der Affäre werden tiefere Empfindungen. Dana fühlt sich zerrissen zwischen Lucek und ihrem deutschen Freund. Welche Zukunft hat ihre Liebe zu dem vierzehn Jahre jüngeren Polen? Als Dana mit ihrem Freund in Deutschland ein Theaterstück besucht, scheint die Figur auf der Bühne von ihr zu sprechen.

"Giraffe": Spuren eines Lebens

"Giraffe" ist ein zärtlicher, behutsam beobachtender Film. Die Kamera von Jenny Lou Ziegel betrachtet die Menschen, Räume, Gegenstände mit Danas Blick. Dem Blick einer Ethnologin, einer Bewahrerin. Wir können Danas Erleichterung nachempfinden, als sie in einer Bibliothek einen Mann trifft, der Agnes Sörensen, die einsame Frau in dem einsamen Haus, gekannt hat. Dana wird Agnes Wohnräume ein letztes Mal fotografieren und das verfallene Haus dann zum Abriss für die Bagger freigeben. Für den Fehmarnbelt-Tunnel, für den Fortschritt. Und vielleicht geht es ja genau darum: Um diesen einen Blick angesichts der Ewigkeit. Ein menschliches Leben und die Spuren seiner Vergangenheit werden von einem anderen Menschen noch einmal angeschaut, bevor die Bagger der Zukunft anrollen.

Giraffe

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Dänemark/Deutschland
Zusatzinfo:
mit Lisa Loven Kongsli, Maren Eggert, Jakub Gierszał, Juliane Etling
Regie:
Anna Sofie Hartmann
Länge:
87 Minuten
Kinostart:
6. August 2020 (jetzt als DVD und Video-on-Demand auf der Plattform des Verleihs Grandfilm)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.03.2021 | 07:20 Uhr

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