Szene aus dem Dokumentarfilm "Gefangen im Netz" © picture alliance/dpa/Hypermarket Film/Milan Jaroš

"Gefangen im Netz": Verstörende Doku über Missbrauch im Internet

Stand: 23.06.2021 10:32 Uhr

Erwachsene Männer nutzen im Netz die Naivität und Unerfahrenheit von jungen Mädchen aus, um sexuelle Kontakte anzubahnen. Der Film "Gefangen im Netz" dokumentiert in eindringlichen Bildern, was dabei passiert.

von Hartwig Tegeler

Ein Mädchen chattet mit einem Fremden im Netz:

"Ist das okay, ich bin zwölf?"
"Wenn das zwischen uns ein Geheimnis bleibt, na klar."
"Es stört dich nicht, dass ich zwölf bin?"
"Warum sollte das ein Problem sein, wenn du auf mich stehst und ich auf dich?" Szene aus dem Film

Doch dieses Mädchen ist nicht zwölf; es tut nur so. Die beiden tschechischen Filmemacher Barbora Chalupová und Vít Klusák machen in ihrer Doku "Gefangen im Netz" ein filmisches Experiment: Drei volljährige, sehr mädchenhaft aussehende Darstellerinnen geben sich im Internet als Zwölfjährige aus und chatten aus in einem Filmstudio nachgebauten Kinderzimmern mit Männern.

Zum Casting für die drei Rollen kamen 23 junge Frauen. Allein 19 von ihnen berichteten übrigens vom Missbrauch im Internet in ihrer Kindheit. Dann stellen die Filmemacher die - fiktiven - Mädchenprofile online und staunen, wie schnell Männer im Netz reagieren und Kontakt suchen.

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Was nun folgt im Dokumentarfilm "Gefangen im Netz" ist Horror pur. Für uns nur auszuhalten, weil wir die drei chattenden, vorgeblichen Zwölfjährigen und ihre männlichen Chat-Partner sehen, aber die Kamera immer wieder zurückfährt und den Blick aufs Studio freigibt mit den Aufbauten, Kameras und Monitoren. Doch es bleibt schwer erträglich zu hören und zu sehen, wie die Chat-Männer nach kurzer Zeit anfangen zu masturbieren - zu sehen in verpixelter Form, so, wie auch die Männergesichter auf den Bildschirmen.

"Solche Abgründe habe ich nicht für möglich gehalten"

Die Dreharbeiten wurden begleitet von Psychologen, Sozialarbeitern und Anwälten. Der Rechtsanwalt Frantisek Vyskocil übernahm die juristische Betreuung der Dreharbeiten. "Es liegen die Tatbestände für schwere Verbrechen, die von Nötigung über Erpressung bis hin zu Vergewaltigung reichen", erklärt Vyskocil.

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Die Misshandlungen, so der Anwalt, sind nicht körperlicher, sondern seelischer Natur, aber deswegen nicht weniger schändlich: "Ich muss gestehen, dass ich eine solche Rücksichtslosigkeit und solche Abgründe in meinem ganzen Leben als Anwalt in Strafrechtsverfahren bisher nicht für möglich gehalten habe."

Eine der Darstellerinnen der Zwölfjährigen meint in ihrer Art von Resumé: "Ich selber habe zum Beispiel eine Beziehung, die emotional richtig gut funktioniert. Aber wie soll ein Mädchen, das zwölf Jahre alt ist, jemals nach solch einer Erfahrung erkennen können, was eine echte Partnerschaft bedeutet?"

"Gefangen im Netz": Extrem verstörend - auch für Hartgesottene

Verstörend bleibt dieser unerträgliche wie notwendige Film trotzdem. Extrem verstörend; auch für hartgesottene Filmkritiker. Denn was sich in Horrorfilmen über Missbrauch oder Vergewaltigung in fiktiver Form zeigt - und uns zum Schaudern bringt -, das offenbart sich in diesem Dokumentarfilm als reales Geschehen.

Alternativ zu der Version, die jetzt im Kino anläuft beziehungsweise parallel digital auf gefangenimnetz.de zu sehen ist, wird Schulen und PädagogInnen eine 67 Minuten lange Version zur Verfügung gestellt, die um die expliziten Sex-Szenen gekürzt ist.

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Gefangen im Netz

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Tschechische Republik
Regie:
Barbora Chalupová und Vít Klusák
Länge:
104 Min.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.06.2021 | 06:40 Uhr

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