Der japanische Schauspieler Ken Watanabe © picture alliance / ZUMAPRESS.com Foto: Rodrigo Reyes Marin

Filmtipp: "Fukushima - Die Welt am Abgrund"

Stand: 10.03.2021 11:40 Uhr

Pünktlich zum zehnten Jahrestag des Super-GAUs erscheint am 11. März ein Spielfilm zur Katastrophe im japanischen Fukushima. Hartwig Tegeler stellt "Fukushima - Die Welt am Abgrund" vor.

Ein Meeresbeben, dann der Tsunami, der auf das Kraftwerksgelände von Fukuschima Daiichi zurast. Die Havarie beginnt mit einem Stromausfall. Ohne Strom folgt der Ausfall der Sicherheits- und Kommunikationssysteme. Später die Explosionen der Reaktorblöcke und das Freisetzen radioaktiver Stoffe in die Umwelt: All das schildert der Spielfilm - eine Chronologie des eskalierenden Schreckens.

Film nimmt Perspektive der Arbeiter ein

Die Perspektive, die Setsurô Wakamatsus Film "Fukushima" hauptsächlich einnimmt, ist die Sicht der Arbeiter vor Ort. Sie riskieren ihr Leben, um zu retten, was zu retten ist.

Es wäre einfacher, wenn man den Film naiv anschauen könnte wie einen spannenden Katastrophenfilm. Also, wie einst Charlton Heston, Steve McQueen oder Paul Newman bei ihrer Rettungsarbeit zuschauen - angesichts havarierender Flugzeuge in "Airport" von 1970, brennender Wolkenkratzer in "Flammendes Inferno" oder, eines havarierenden US-Kernkraftwerks in "Das China-Syndrom" 1979. Gemäß der Regeln des Genres gibt es nun auch in "Fukushima" die aufopferungsvollen Helden, die in der Katastrophe über sich selbst hinauswachsen. Als Spielfilm funktioniert "Fukushima" sehr wohl, bietet Spannung, Dramatik, Verzweiflung und Mut.

Allerdings wird "Fukushima" zur Mogelpackung, weil die Realität sich auch mit einer Spielfilm-Version in diesem Fall nicht draußen vor der Tür halten lässt. Diese Frage nämlich, ob Fehler gemacht wurden, beantwortet der an Krebs verstorbene Betriebsleiters Yoshida seinem Kollegen Isaki im Abschiedsbrief zwei Jahre nach der Katastrophe: "Über vierzig Jahre lang, seit Deiichi gebaut wurde, glaubten wir, dass wir die Natur kontrollieren können. Diese Annahme entbehrte jeglicher Grundlage. Sie beruhte auf dem menschlichen Ego", schreibt Yoshida in seinem Brief.

Inszenierter Heldenmut übertüncht Versagen

Während Yoshidas Stimme erklingt, sehen wir den Überlebenden durch eine Allee blühender Kirschbäume gehen. Das menschliche und technische Versagen, das Kompetenzchaos bei der Betreiberfirma Tepco sowie die Folgen des Super-GAUs, die Japan noch lange belasten werden: All das geht hier unter im Meer von Kirschbaumblüten und in dem inszenierten Heldenmut der selbstlosen Retter. Die Aussage auf Yoshidas Trauerfeier, dass eine solche Katastrophe nie wieder passieren dürfe, ist heiße Spielfilm-Luft. In der Nähe von Fukushima soll demnächst wieder ein AKW in Betrieb gehen. Man kann "Fukushima" von Regisseur Setsurô Wakamatsu als Drama über tapfere Menschen konsumieren. Im Zusammenhang mit der Renaissance der umstrittenen Kernkraft-Technologie hat das in Pathos getunkte Drama den Beigeschmack von PR. 

Nachsatz: 13. Februar 2021. Der Nordosten Japans wurde von einem Erdbeben der Stärke 7,1 getroffen. Es bestand keine Tsunami-Gefahr. Das Beben ereignete sich in der Nähe des Fukushima-Bebens von 2011.

Fukushima - Die Welt am Abgrund

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Japan
Regie:
Setsurô Wakamatsu
Länge:
122 Minuten
Kinostart:
11. März 2021 (jetzt als DVD, Blu-ray und VideoOnDemand)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.03.2021 | 06:40 Uhr

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