Sendedatum: 13.09.2018 19:00 Uhr

Drama "Styx": Seglerin trifft auf Flüchtlingsboot

Styx
, Regie: Wolfgang Fischer
Vorgestellt von Katja Nicodemus
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Rike (Susanne Wolff) will von Gibraltar aus allein über den Atlantik zu der Insel Ascension segeln.

Auf der vergangenen Berlinale wurden der Film "Styx" und seine Hauptdarstellerin vom Publikum gefeiert. Tatsächlich befindet sich der Film des Österreichers Wolfgang Fischer am Puls der Zeit: Susanne Wolff spielt eine Frau, die bei einem Segeltörn in eine existenzielle Situation gerät.

Einer Figur, die so eingeführt wird, möchte man sich gleich anvertrauen: Rike, um die 40 Jahre alt, arbeitet als Notärztin in Köln. Der verunglückte Mann, den sie nach einem Unfall versorgt, scheint Glück zu haben, auf diese Ärztin zu treffen, die alle Handgriffe mit einer Mischung aus Routine und Überlegung ausführt. Wenig später schaut die Kamera Rike wieder dabei zu, wie sie Handgriffe und Verrichtungen ausführt. Jetzt, um ihre zwölf Meter lange Segeljacht für einen Ferientörn vorzubereiten. Von Gibraltar will Rike allein zur tropischen Südatlantik-Insel Ascension segeln. Es gilt, Proviant und Wasser zu verstauen. Dann geht es los.

Susanne Wolff im Drama "Styx" von Wolfgang Fischer © Zorro Films

Der Film "Styx" über Flüchtlinge in Seenot

Kulturjournal -

Was würden Sie tun, wenn Sie auf einem Segelboot sitzen und vor Ihnen ein havariertes Flüchtlingsboot auftaucht? Wenn Menschen zu ertrinken drohen? Diese Frage stellt der Film "Styx".

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Großartige Introvertiertheit

Die Frau und das Meer. Auch so könnte der Fim heißen. Die Frau wird gespielt von Susanne Wolff - mit großartig konzentrierter Introvertiertheit. Diese Frau will offenbar nur ihre Ruhe, will Erholung vom anstrengenden Job. Zugleich macht Fischers Film unmissverständlich klar, dass es nicht ohne ist, Hunderte von Kilometern alleine über das offene Meer zu segeln, zu navigieren, zu manövrieren und den Einhandsegler souverän unter Kontrolle zu behalten. Und dann ist da dieser verflixte Sturm, der das Boot hin- und herwirft.

Am nächsten Morgen ist das Unwetter vorbei. Als der Himmel aufklart, ist Rike nicht mehr allein auf dem Meer. In Sichtweite dümpelt ein Fischerboot voller Menschen. Sie winken, rufen, schreien, sind offensichtlich in Seenot. Und Rieke tut das, was sie für solche Situationen gelernt hat: Hilfe rufen, die Position ihrer Jacht "Asa Gray" durchgeben.

Quälend ausführliche Genauigkeit

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Die Küstenwache fordert Rike auf, nichts zu unternehmen. Trotzdem rettet sie einen verletzten Jungen.

Doch die Hilfe bleibt aus. Fischer erzählt all dies mit langen Einstellungen, in deren Zentrum meist Susanne Wolff steht. Ganz langsam wird sich ihr Gesicht verändern. Was von ihr zunächst verdrängt wurde, scheint ins Bewusstsein zu gelangen. Ein paar Hundert Meter entfernt stehen Menschen vor dem Verdursten und Ertrinken. Es gibt niemanden außer ihr, der das verhindern könnte. Aber wie? Die Anweisungen der Küstenwache sind eindeutig: fernhalten. Sollte sie sich mit der Jacht dem Boot nähern, würden die Menschen ins Wasser springen, aus Hoffnung, Panik, Verzweiflung. Doch plötzlich wagt ein Junge den Sprung, trotz der Entfernung. Und die Notärztin übelegt keine Sekunde, was zu tun ist. Die Stärken des Films liegen auch in solchen Genauigkeiten und Details: Fast quälend ausführlich zeigt die Kamera von Benedict Neuenfels, was es bedeutet, als zierliche Frau einen halbbewusstlosen Jungen an Bord zu hieven. Mit jedem Handgriff, mit Halten, Ziehen, Schieben - bis es endlich geschafft ist.

Knapp, eindringlich, existenziell

Das Versorgen des Schiffbrüchigen mit dem Ronaldo-T-Shirt. Das Warten. Das Meer, die Sonne. Weiter warten. Die Hilfe bleibt immer noch aus. Rikes Hilferufe bei der Küstenwache werden verzweifelter. Die Dialoge auf der "Asa Gray" sind knapp und eindringlich. Was verhandelt wird, ist existenziell. Der Junge, Kingsley heißt er, will, dass Rike das Flüchtlingsboot ansteuert, auf dem sich seine Schwester befindet. Rike weigert sich, weil sie weiß, dass dies den Untergang auch ihres Schiffes bedeuten würde. Trotzig, in einem Moment aufschießender Verzweiflung, stößt Kingsley sie von Bord.

"Styx" ist ein Kammerspiel auf dem offenen Meer. Der Film zeigt das Dilemma einer Frau, deren Beruf und Berufung das Helfen ist, und die hier nicht helfen darf oder kann. Oder vielleicht doch? Die Frage, ob sich Rike den Anweisungen der Küstenwache hätte widersetzen sollen, wird von "Styx" nicht beantwortet. Aber am leeren Gesicht von Susanne Wolff sehen wir, dass sich ihre Figur diese Frage noch lange stellen wird.

Styx

Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Deutschland / Österreich
Zusatzinfo:
Mit Susanne Wolff und Gedion Wekesa Oduor
Regie:
Wolfgang Fischer
Länge:
94 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
13. September

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 13.09.2018 | 19:00 Uhr

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