Stand: 24.08.2020 06:00 Uhr

Dr. Ruth - Kinodoku über die legendäre Sexaufklärerin

von Krischan Koch

Dr. Ruth Westheimer ist ein Phänomen: Auch mit 92 Jahren hält die vielleicht bekannteste Sexualtherapeutin der Welt immer noch Vorträge und tritt in Talkshows auf. Ein Kinofilm dokumentiert jetzt ihre außergewöhnliche Biografie von ihrer Kindheit im Nazideutschland bis zu ihren spektakulären Auftritten in den USA: "Fragen Sie Dr. Ruth". Der Kinofilm erscheint zum 100-jährigen Jubiläum, an dem in den USA das Wahlrecht der Frauen erstmals gesetzlich anerkannt wurde: im August 1920.

Die Ärztin und Sex-Aufklärerin Ruth Westheimer gestikuliert während einer Talkshow - Szene aus dem Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" © Filmwelt Verleihagentur
Sie ist seit 1981 bis heute ein Dauergast in Talkshows der USA, sowohl im Radio, als auch im Fernsehen: Die Sexualtherapeutin Dr. Ruth Westheimer.

Sie war wohl die Erste, die im amerikanischen Fernsehen die Worte Vagina oder Penis offen aussprach. Ruth Westheimers TV-Auftritte waren ein Skandal und haben sie berühmt gemacht. Die quirlige kleine Frau mit dem deutschen Akzent hat ihr Leben lang Vorträge gehalten, Bücher geschrieben und ist bis heute Dauergast in Talkshows.

Ihren großen Durchbruch hatte sie 1981: Über Nacht wurde sie zum Star der Radiosendung "Sexually Speaking", in der sie Anruferinnen und Anrufern Ratschläge zum Thema Sex gab.

VORSCHAU: Trailer der Kino-Doku: "Fragen Sie Dr. Ruth" (2 Min)

Überleben des Holocausts im Kinderheim in der Schweiz

1928 wurde sie als Carola Ruth Siegel in Frankfurt am Main geboren. Ihre jüdischen Eltern schickten sie, kurz bevor sie nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet wurden, in ein Schweizer Kinderheim. Nach dem Krieg emigrierte sie nach Palästina, wo sie eine Ausbildung zur Scharfschützin machte, und später in die USA.

Die Ärztin und Sex-Aufklärerin Ruth Westheimer zu Besuch im Holocaust-Museum in den USA - Szene aus dem Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" © Filmwelt Verleihagentur
Der Dokumentarfilm begleitet sie über Jahre - auch ins Holocaust Museum in Washington.

Immer wieder blendet der Film in ihre Jugend und Kindheit zurück. 1938 muss die zehnjährige Ruth miterleben, wie die Nazis in schwarzen Springerstiefeln vor der Tür stehen und ihren Vater abholen. Diese Rückblenden zeigt Regisseur Ryan White in künstlichen arg verkitschten Animationen. Viel authentischer und bewegender ist dagegen die echte Ruth Westheimer. Selbst kleine Alltagsmomente, etwa wenn sie sich mit der digitalen Assistentin Alexa unterhält, lassen ihren skurrilen Witz und Charme aufblitzen.   

Dr. Ruth Westheimer kämpft für legale Abtreibung

Dr. Ruth Westheimer (hinten Mitte) mit ihrer eigenen Familie auf einem alten Foto - Szene aus dem Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" © Filmwelt Verleihagentur
Die Dokumentation zeigt auch private Familienfotos: hier Ruth Westheimer mit Ehemann und zwei Kindern.

Während der konservativen Reagan-Ära in den 1980er-Jahren kämpft sie für das Recht auf legale Abtreibung und gegen die Homophobie in Zeiten von AIDS. Bis heute setzt sie sich mutig für Offenheit und Toleranz ein. "Sie ist auch mit über Neunzig immer noch so engagiert, weil sie ihre Arbeit liebt", erzählt ihr Sohn Joel. "Aber es ist auch ihr Überlebensmechanismus."

Doku-Regisseur Ryan White zeigt intime Momente

Regisseur Ryan White montiert Archivmaterial, Interviews, Ausschnitte aus ihren Radiosendungen und Vorträgen mit privaten Familienfotos und atmosphärischen New-York-Impressionen. Er zeigt sie heute in ihrer Zweizimmerwohnung in Manhattan, wo sie seit fünfzig Jahren lebt, und Bilder von Ruth Westheimers 90. Geburtstag. So entsteht das spannende Porträt einer außergewöhnlichen Frau und gleichzeitig ein buntes, bewegendes und sehr unterhaltsames Stück Zeitgeschichte.

Fragen Sie Dr. Ruth

Genre:
Dokumentarfilm, Porträt
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
Ein Kino-Porträt der Sex-Aufklärerin und Ärztin Dr. Ruth Westheimer
Regie:
Ryan White
Länge:
100 Minuten
FSK:
ab 6 Jahren
Kinostart:
27. August 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 24.08.2020 | 07:55 Uhr

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