Szene aus dem Film "Der Schüler" © Netflix

"Der Schüler" - Komplexe Geschichte über die Entstehung von Kunst

Stand: 05.05.2021 12:12 Uhr

Im Film "Der Schüler" von Chaitanya Tamhane geht es um die Geschichte eines Mannes, der sich der klassischen indischen Musik verschreibt. Zu sehen ist er im indischen Original mit deutschen Untertiteln bei Netflix.

von Hartwig Tegeler

Natürlich stellt sich bei einem Film über Kunst die Frage, ob der Film eine künstlerische Form und Bilder findet, die uns in ihn, den Film über Kunst, hineinziehen. Der indische Regisseur Chaitanya Tamhane schafft genau das: den Bewusstseinszustand seiner Hauptfigur in solch einem Bild sinnlich spürbar werden zu lassen.

Die Musik als einziges Lebensziel

Sharad, der Schüler, als junger Mann auf dem Motorrad. Sharad fährt in der Nacht durch Mumbai, Kopfhörer in den Ohren, er hört die Vorträge dieser alten Meisterin der klassischen indischen Musik, deren Stimme doziert: "Heilige und Asketen haben diese Musik nach tausenden Jahren rigoroser geistlicher Suche gemeistert. Sie kann nicht einfach so erlernt werden. Selbst zehn Leben reichen nicht. Durch diese Musik wird uns der Weg zum Göttlichen offenbart. Nicht umsonst wird indische klassische Musik als ewige Suche bezeichnet."

So weit, so philosophisch. Die Wirkung dieser Szene vermittelt sich aber vor allem dadurch, dass Chaitanya Tamhane die Motorradfahrt, die noch mehrere Male in "Der Schüler" auftauchen wird, in einer Zeitlupe gedreht hat, und diese Zeitlupe wie ein Traum wirkt. Als ob der junge Mann, dessen einziges Lebensziel darin besteht, den Gesang klassischer indischer Musik zu erlernen, in diesem Moment auf dem Motorrad, wenn er der Stimme zuhört, die Realität überschreitet, sie transzendiert. Das, was er auch mit der Musik will. Dafür tut Sharad alles, so, wie es ihn die Stimme lehrt; er opfert alles, gründet keine Familie. Alles nur für diesen Traum.

"Der Schüler": Vergebliche Suche nach der Vollendung

Szene aus dem Film "Der Schüler" © Netflix
Chaitanya Tamhane erzählt in "Der Schüler" von der Suche nach der Vollendung.

Aber Chaitanya Tamhanes Film erzählt von der Unfähigkeit dieses angehenden Musikers, die Vollendung, die er sucht, zu finden. Sein Opfer für die Kunst läuft ins Leere. Er wird nicht das, was er träumt. Und all die Einsamkeit, die er lebt, umsonst! "Dir fehlt die Perspektive", sagt einmal sein Lehrer, sein musikalischer Guru, der seinerseits die Vollendung erreicht hat, sich aber von seinen Schülern aushalten lässt, weil er kein Geld verdient.

Indische Version von "American Idol"

Dann sagt dieser Lehrer noch zu Sharad: "Deine Musik ist nicht lebendig." Sharad reagiert mit nach außen stoischer Gelassenheit auf die immer wieder scheiternden Versuche. Er rafft sich auf, übt und übt. Aber die Aussichtslosigkeit, sie bleibt. Währenddessen sehen wir, wie in der indischen Variante von "American Idol" eine Sängerin die klassische indische Musik in popkulturelle Verwertung treibt und so zum Star wird - inklusive Einnahmen.

Chaitanya Tamhane erzählt Geschichte über die Entstehung von Kunst

Chaitanya Tamhanes Film lebt von einem faszinierenden Widerspruch: Während Sharad an der Kunst scheitert, erzählt der Regisseur davon mit großer Wucht und Grandiosität. Ihm gelingt also im Gegensatz zu seiner Hauptfigur die Meisterschaft mit seiner komplexen Geschichte über die Entstehung von Kunst.

Uns mag diese Musik fremd sein, wir mögen ihre Struktur nicht verstehen, aber so, wie wir sie hören, wenn Sharad am Anfang von "Der Schüler" in einer magischen Zeitlupe auf dem Motorrad nachts durch Mumbai fährt, geht von ihr ein Sog aus. Ich denke, das ist mit jeder großen Musik so. Ob bei Bach, bei Jimi Hendrix oder einem indischen Raga.

Der Schüler

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Indien
Regie:
Chaitanya Tamhane
Länge:
127 Minuten

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.05.2021 | 06:40 Uhr

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