Stand: 25.06.2020 10:41 Uhr  - NDR Kultur

"Der Fall Richard Jewell" - Clint Eastwoods neuer Film

von Katja Nicodemus

"Der Fall Richard Jewell“ heisst der jüngste Film von Clint Eastwood, der kurz vor der Corona-Krise ins Kino hätte kommen sollen - nun, Monate später, ist es tatsächlich soweit. Er handelt von einem Bombenattentat, das 1996 während der Olympischen Spiele in Atlanta verübt wurde. Ein Gespräch darüber mit Filmkritikerin Katja Nicodemus.

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Paul Walter Hauser als Richard Jewell

Wer ist Richard Jewell und welche Rolle spielte er bei diesem Attentat?

Katja Nicodemus: Richard Jewell war eine reale Figur. Clint Eastwoods Film basiert auf einer realen Geschichte. Richard Jewell war ein Wachmann, ein Mann im Security-Gewerbe unter anderem auch während der Olympischen Spiele von 1996. Er hatte als Security-Mann bei einer Konzert-Veranstaltung im Rahmen der Olympischen Spiele einen mit Nägeln gefüllten Rucksack samt Zünder entdeckt - eine Rohrbombe - und daraufhin telefonisch die Behörden alarmiert. Dann organisierte er die Evakuierung dieses Parks in dem die Veranstaltung stattfand mit. Clint Eastwoods Film beginnt mit diesem Ereignis und zeichnet im Verlauf nach, wie Richard Jewell dann selbst ins Visier der Behörden gerät. Der Film erzählt, wie dieser Wachmann zum Opfer einer Pressekampagne wird, die ihn als den übergewichtigen Außenseiter bezichtigt oder verdächtigt, selbst die Bombe gelegt zu haben und sich daraufhin als Retter darzustellen. Ob Richard Jewell diese Bombe gelegt hat oder nicht, bleibt in dem Film zunächst mal auf spannungsvolle Weise offen.

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Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood wurde am 31. Mai 2020 90 Jahre alt.

Welche Form wählt Clint Eastwood als Regisseur für diese Geschichte? Ist "Der Fall Richard Jewell“ ein Polithriller, die Geschichte eines gefallenen und wiederauferstehenden Helden?

Nicodemus: Clint Eastwood bleibt die ganze Zeit nah bei seinem Helden. Die Ermittlungen, die Presserecherchen, die Arbeit einer Reporterin, die Jewell verdächtigt selbst die Bombe gelegt zu haben, all das bekommt man eher am Rande mit. Zunehmend wichtig wird die Figur seines Rechtsanwaltes Watson Bryant, gespielt von Sam Rockwell. Dieser Jurist wird nach und nach zu Jewells Freund und ist ein typisch amerikanischer Kämpfer für die Gerechtigkeit. Der Rechtsanwalt lässt nicht locker, ist couragiert und setzt sich wirklich für seinen Mandanten ein. Und durch diese Figur wird Eastwoods Film auch zur Geschichte einer Freundschaft oder einer entstehenden Freundschaft. Mit den Augen dieses Anwalts lernen wir Richard Jewell näher kennen, wir kommen seiner kindlich-naiven Art näher, wir erleben ihn auch als schrägen Typen, als Waffennarr. Und Paul Walter Hauser spielt ihn wirklich sehr subtil und berührend - auch in seiner Naivität. Der Film beschreibt auch die symbiotische Beziehung von Jewell und seiner Mutter, gespielt von Kathy Bates. Bates war übrigens für diese Rolle einer bedingungslos liebenden, amerikanischen Mutter für den Oscar der besten Nebendarstellerin nominiert. Der Film ist somit eher Soziogramm, Mutter-Sohn-Geschichte und Freundschaftsgeschichte als ein Thriller.

Ist die, wie Sie sagen, schräge Figur des Richard Jewell etwas Neues in Clint Eastwoods Helden-Kosmos?

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Nach einer wahren Begebenheit: Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta soll Richard Jewell (Paul Walter Hauser) als Wachmann für Sicherheit sorgen.

Katja Nicodemus: Clint Eastwood hatte ja immer wieder eine Vorliebe für schräge, uneindeutige auch zwielichtige Hauptfiguren. Man denke nur an Dirty Harry, diesen "Law and Order" - Cop, der ja selbst die Grenze zur Kriminalität überschreitet. Und Dirty Harry, diese Figur, in dem Film des Regisseurs Don Siegel, die war ja lange Zeit kaum zu trennen von Eastwoods eigenem Image. Als Regisseur hat er in den letzten Jahren immer wieder auch zwiespältige Helden inszeniert - auch selbst gespielt. Aus diesen Helden setzt sich dann schon ein derb konservatives, amerikanisches Weltbild zusammen. Man denke zum Beispiel an den von Bradley Cooper gespielten Scharfschützen in "American Sniper" oder an Eastwoods eigene Darstellung des alten Mannes, der zum Drogen-Schmuggler wird in dem Film "The Mule". Der Film hat ein sehr klischeehaftes BIld von Mexikanern. Und bei Richard Jewell hatte ich den Eindruck, dass zu viel an diesen ebenfalls merkwürdigen Helden als amerikanische "Law and Order" - Folklore verkauft wird; Zum Beispiel Richard Jewells Waffenbesessenheit oder seine Äußerungen zum elektrischen Stuhl. Da ist der Film einfach sehr unkritisch und sehr affirmativ.

Clint Eastwoods Filme sind ja fast immer auch große Amerika-Bilder – welches Bild seines Landes zeichnet er hier?

Nicodemus: So differenziert die Figur Richard Jewell entworfen ist und so subtil Paul Walter Hauser dieses Riesenbaby auch spielt, so zweifelhaft ist dann doch dieses Amerika, das Clint Eastwood rund um seinen Helden konstruiert. Er sinuiert zum Beispiel eine unseelige Verbindung von FBI und Presse. Er unterstellt, dass die Journalistin Kathy Struck, die Jewell in ihren Medienberichten als potentiellen Attentäter verdächtigt hat, auch bereit ist, sich ihre Informationen zu besorgen, indem sie Sex mit einem FBI-Agenten hat. Das kommt von Eastwoods Seite schon einer Rufmordkampagne gegen diese reale Journalistin nahe. Kathy Struck ist tot. Sie kann sich nicht mehr wehren gegen solche Andeutungen. Und so entsteht in diesem Film ein dumpfes Fake News-Gefühl. Also: 'Skrupellose Journalistin bringt gutmütigen amerikanischen Helden und Waffennarren zu Fall und zieht ihn in den Dreck!' Da begegnet man schon einem erzkonservativen, fast schon reaktionären Eastwood-Amerika. Und dann ist der Film eben nicht so weit entfernt von den Verschwörungstheorien des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten und von seiner ewig dumpfen Fake News-Litanei.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 25.06.2020 | 07:20 Uhr