Filmstill aus "Doch das Böse gibt es nicht" (Grandfilm) © Grandfilm Foto: Mohammad Rasoulof

Berlinale Gewinner "Doch das Böse gibt es nicht" kommt ins Kino

Stand: 18.08.2021 15:46 Uhr

Seit vier Jahren darf Regisseur Mohammad Rasoulof den Iran nicht mehr verlassen und auch nicht drehen. Deshalb ist es fast ein Wunder, dass sein Film "Doch das Böse gibt es nicht" entstehen konnte. Ein mutiges Projekt.

von Katja Nicodemus

Alles beginnt, wie in so oft im iranischen Kino, im Auto. Ein Ehepaar fährt durch Teheran. Oder besser: bewegt sich durch die Staus von Teheran. Er am Steuer, sie auf dem Beifahrersitz. Einkäufe werden gemacht, ein Kleid wird abgeholt. Dann setzt er sie vor der Bank ab, um sein Gehalt abzuholen. Erzürnt kommt sie zurück. Schon wieder hat der Bankangestellte vor der Übergabe des Geldes ihren draußen im Auto wartenden Mann angerufen.

Gesetze ersetzen die Moral

Die Behauptung, dass alle nur ihren Job, ihre Arbeit machen, ihre Pflicht tun ist das Leitmotiv von Mohammad Rasoulofs Film "Doch das Böse gibt es nicht". In seinem vierteiligen Episodenfilm zeigt Rasoulof Menschen im Iran mit unterschiedlichsten Berufen, in verschiedenen Lebenssituationen und Gegenden. Heshmat, der Ehemann in der ersten Episode, mag ein guter Familienvater sein. Doch dann zeigt die Kamera ihn in einem kleinen kahlen Raum, in dem er seiner Arbeit nachgeht, offenbar in einem Gefängnis. Heshmat drückt auf Knöpfe, die erst rot sind und dann grün werden. Im Nebenraum hört man rumpelnde Geräusche.

Filmstill aus "Doch das Böse gibt es nicht" (Grandfilm) © Grandfilm Foto: Mohammad Rasoulof
Wie soll Pouya (Kaveh Ahangar) sich entscheiden? Hat er eine Wahl?

Alle vier Episoden des Films handeln von der Todesstrafe im Iran und davon, wie sie den einzelnen Menschen deformiert. Tagtäglich führt sie zu Gewissensfragen, die sich viele gar nicht mehr stellen. Und andere doch. Etwa der verzweifelte junge Wehrdienstleistende Pouya, der an einer Exekution teilnehmen soll. In der Schlafbaracke verweisen seine Kameraden auf das Gesetz. Man könnte auch sagen sie verdrängen ihre eigene Moral.

Episoden mit verschiedenen Tonlagen, Farben, Atmosphären

Rasoulofs Epsioden haben verschiedene Tonlagen, Farben, Atmosphären. Eine Geschichte spielt in einer ländlichen Gegend. Der Wehrdienstleistende Javad besucht seine Verlobte Nana. Die Natur ist idyllisch, der Bach plätschert, Vögel zwitschern. Doch dann kommt das Gespräch auf einen Freund von Nanas Familie, der kürzlich gehängt wurde. Die Familie, die sich aufs Land zurückgezogen hat, kommt aus einem gebildeten Milieu. Das Exil ist für Nanas Eltern ein Weg, um sich einer autoritären Gesellschaft zu entziehen, so gut es geht.

Trotz seines Themas ist "Doch das Böse gibt es nicht" kein abschreckender Film. In den Episoden erleben wir eine buchstäblich vielschichtige Gesellschaft in allen Verästelungen. Figuren, die ihre Moral an den Staat und seine Gesetze delegieren und solche, die sich der Gewissensfrage stellen. Man kann "Nein" sagen, aber eben nicht nur im Iran.

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Doch das Böse gibt es nicht

Genre:
Drama / Episodenfilm
Produktionsland:
Deutschland, Tschechische Republik, Iran
Zusatzinfo:
mit Ehsan Mirhosseini, Kaveh Ahangar, Mohammad Valizadegan, Mahtab Servati, Baran Rasoulof, Mohammad Seddighimehr u. a.
Regie:
Mohammad Rasoulof
Länge:
150 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
19. August

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.08.2021 | 07:20 Uhr

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