Stand: 04.11.2017 00:01 Uhr

"Thelma": Norwegens Oscar-Hoffnung in Lübeck

Der norwegische Drehbuchautor und Regisseur Joachim Trier ist bei den Nordischen Filmtagen mit einem übernatürlichen Thriller vertreten: mit "Thelma", Norwegens Oscar-Hoffnung. Ihm gelingt eine mitreißende Mischung aus Mystery-Thriller, Horrorfilm, Coming-of-Age- und Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Frauen in eleganten Breitbildformat-Bildern. NDR.de hat die 23-jährige Hauptdarstellerin Eili Harboe in Lübeck getroffen und mit ihr über übernatürliche Kräfte, Religion und die Oscars gesprochen.

NDR.de: "Thelma" feiert bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck Deutschlandpremiere. Was erwartet das Publikum?

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Die Norwegerin Eili Harboe spielt die Studentin Thelma im gleichnamigen Film von Joachim Trier.

Eili Harboe: "Thelma" ist ein übernatürlicher Thriller, aber auch eine Coming-of-Age- und eine Liebesgeschichte. Es geht um eine junge Frau, die an der Westküste Norwegens in einem konservativen Elternhaus aufwächst. Sie zieht zum Biologie-Studium nach Oslo. Eines Tages hat sie in der Bibliothek eine Art epileptischen Anfall, der sich allerdings als etwas anderes entpuppt.

Was für ein Mädchen ist Thelma?

Harboe: Thelma ist ein Mädchen, das durch die konservative Erziehung gelernt hat, seine Gefühle zu unterdrücken - und damit auch ihre übernatürlichen Fähigkeiten. Aber als sie mit der Studentin Anja, gespielt von Kaya Wilkins, die Liebe ihres Lebens findet, erlebt sie eine große Befreiung ihrer unterdrückten Gefühle und erlaubt sich, ihre Leidenschaft auflodern zu lassen. Der Film handelt also auch von Scham, Liebe und ihrer Beziehung zu den Eltern. Thelma findet heraus, wer sie ist und wie sie mit ihren übernatürlichen Kräften umgehen kann.

War Ihnen bewusst, dass es viele Parallelen zum Horrorfilm "Carrie" von Brian de Palma gibt? Dieser basiert auf Stephen Kings gleichnamigen Roman, in dem es um eine einsame Schülerin mit telekinetischen Kräften geht, die beim Abschlussball entfesselt werden.

Harboe: Diese Referenz kam erst nach Erscheinen des Filmes heraus. Der Regisseur Joachim Trier war nicht so festgelegt. Er hat viele japanische Comicbücher gelesen, hat dafür alte italienische Horrorfilme angeschaut. Stephen King war auch eine Inspiration. Als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich es mit nichts anderem verglichen. Ich war sehr glücklich darüber, dass diese Rolle eine verletzliche und doch starke Frau beschreibt. Das ist mir als junge Schauspielerin sehr wichtig, nicht Frauen zu spielen, die Opfer sind, sondern die eigene Entscheidungen treffen.

Im Film steht eine lesbische Liebe im Zentrum. Wie waren die Reaktionen auf den Film, der seit Spätsommer im Kino läuft, im liberalen Norwegen?

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Die 23-jährige Eili Harboe legt Wert darauf, starke Frauen zu spielen.

Harboe: Norwegen ist eine liberale Gesellschaft, aber erst seit 2017 gibt es die Homo-Ehe auch vor dem Kirchenaltar. Das hätte schon vor mindestens 20 Jahren erlaubt werden sollen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, um homosexuelle Liebe im Kino nicht in Stereotypen zu zeigen. Der Film und seine Geschichte sind aber keine Kritik an Religiosität oder am persönlichen Glauben. Er kritisiert, wenn Religion als Machtinstrument benutzt wird, um zu andere zu unterdrücken. Denn Thelmas Eltern nutzen die Religion, damit ihre Tochter sich für ihr wahres Ich schämt.

Nun ist "Thelma" Norwegens Oscar-Hoffnung. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Film auf die Longlist der Nominierungen für den besten fremdsprachigen Oscar kommt?

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Schon bei der ersten Begegnung zwischen Thelma und Anja wirken nicht nur Anziehungskräfte.

Harboe: Ich bin sehr stolz, Teil der norwegischen Oscar-Hoffnung zu sein. Wir drücken alle vorhandenen Daumen, aber wir haben mehr als 90 Konkurrenten und davon bleiben am Ende nur fünf Nominierte über. Aber es ist jetzt schon aufregend - wir haben den Film beim Festival in Toronto, in New York und in London gezeigt, nun sind wir in Lübeck. Es freut mich, wie positiv der Film international aufgenommen wird. Er ist schon in viele Länder verkauft worden, das ist etwas besonders für einen norwegischen Film. Wir sind immerhin ein kleines Land und haben nur eine kleine Filmindustrie.

Mit welchem Kino sind Sie aufgewachsen?

Harboe: Als ich das Drama "Virgin Suicides" von Sofia Coppola das erste Mal gesehen habe, hat es mich umgehauen. Außerdem liebe ich David Lynch, seine Dokumentationen und seine Serie "Twin Peaks". Sein Film "Mullholland Drive" ist einer meiner Lieblingsfilme.

Das Interview führte Patricia Batlle, NDR.de.

Film "Thelma"

Vorstellungen bei den Nordischen Filmtagen Lübeck:
3. November 2017, 19.30 Uhr, CineStar Kino 3
5. November 2017, 19.30 Uhr, CineStar Kino 3

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