Stand: 04.05.2019 15:36 Uhr

NDR Spezial: Die Stasi im Kinderzimmer

Auf dem Filmkunstfest MV hat eine Produktion des NDR Premiere gefeiert. In dem Dokumentarfilm "Die Stasi im Kinderzimmer - und wie der Verrat bis heute nachwirkt" erzählt die Filmemacherin Kathrin Matern die Schicksale von Menschen nach, die in jungen Jahren in Kontakt mit der Stasi gekommen sind und wie sie mit den daraus resultierenden Auswirkungen umgehen.

Junge Schicksale im Zeichen der Stasi

Mielke und der staatlich verordnete Missbrauch

1966 erlaubt Stasi-Chef Erich Mielke per Erlass, dass Kinder und Jugendliche für den Frieden spitzeln dürfen. Die Stasi darf nun Minderjährige als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) anwerben - staatlich verordneter Missbrauch. Zugleich bildet das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) an der Juristischen Fachhochschule Golm bei Potsdam Offiziersbewerber für die Arbeit beim Geheimdienst der DDR aus. Und: Es sichert jungen Leuten Plätze für ein ziviles Studium, wenn sie sich für die Arbeit bei der Staatssicherheit verpflichten. Der Film "Die Stasi im Kinderzimmer" erzählt vier verschiedene Schicksale, vier verschiedene Biografien.

15-Jähriger wird erpresst und unterschreibt Verpflichtungserklärung

Da ist Christian Ahnsehl aus Rostock. Im Sommer 1985 schreibt er in eine Losung an die Schulwand: "Steht auf. Wacht auf. Befreit Euch. Ich will leben." Was er nicht weiß: Die Stasi hat ihn schon längst im Visier, weil er sich in Kirchenkreisen bewegt. Nachdem er die Losung an die Wand geschrieben hat, erpresst ihn die Stasi. Der 15-Jährige unterschreibt schließlich eine sogenannte Verpflichtungserklärung, legt sich einen Decknamen zu und bespitzelt eine Rostocker Freikirchengemeinde.

Eine Laufbahn, ein Scheitern und die Rolle der Eltern

Der Film beleuchtet auch die Schicksale von Anna Frieda Schreiber, die als Andreas Schreiber in einer sogenannten Stasi-Familie aufgewachsen ist und 1986 eine Laufbahn an der Juristischen Fachhochschule in Golm begann, sowie Andrej Holm, der als parteiloser Berliner Staatssekretär für Bauen und Wohnen 2016 über seine Stasi-Vergangenheit gestolpert ist. Der Film ist aber auch eine Geschichte über Elternhäuser in der DDR. Inwieweit haben sie die Rekrutierung ihrer Kinder zugelassen? So sorgen Gabriele und Klaus Kriese mit einer Eingabe beim Staatsrat der DDR für großen Wirbel. Ihre Waffe: Dass ihr Sohn Sascha Kriese als 16-Jähriger vom MfS angeworben werden soll.

Viele bohrende Fragen

Wo beginnt Verrat? Welche Auswirkungen hat es bis heute, wenn man über eine Kirchengruppe IM-Berichte für die Stasi schreibt? Wie erklärt man dies den eigenen Kindern? Darf man mit einer Stasi-Vergangenheit als Jugendlicher heute ein politisches Amt übernehmen? Heißt einmal Stasi immer Stasi? Solche und ähnliche Fragen wirft die Dokumentation auf.

Biografien noch nicht zu Ende erzählt

"Wir erzählen in unserem Film vier sehr verschiedene Geschichten", sagt die Autorin Kathrin Matern NDR 1 Radio MV. Die Herstellung des Films habe insgesamt drei Jahre gedauert. Die Idee zu dem Film sei ihr gekommen, als sie über die Geschichte einer Frau und deren Verstrickungen las. "Ich wollte mit dem Blick von heute auf das Geschehen schauen, weil ich dachte, dass diese Biografien wahrscheinlich noch nicht zu Ende erzählt sind", so Matern.

Schwierige Suche nach Protagonisten

Dafür musste sie zunächst geeignete Protagonisten finden - kein leichtes Unterfangen: "Das liegt daran, dass die Akten zum Schutz der damals Minderjährigen gesperrt sind. Man kann also nicht sagen: 'Ich suche Person XY.' Außerdem wollen sich nur wenige öffentlich äußern. Es gibt immer noch die Angst, stigmatisiert zu werden." Ins Rollen kam das Projekt, nachdem Matern mit einigen Politikern und Sportlern ins Gespräch gekommen war, die damals betroffen waren. Daraus hätten sich neue Ansatzpunkte ergeben. "Auch der Historiker und Stasi-Forscher Ilko-Sascha Kowalczyk hat mir sehr geholfen", sagt sie.

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Situationen, die nahe gehen

Die Arbeit sei für alle Beteiligten sehr bewegend gewesen. "Die Protagonisten haben ihr Herz aufgemacht und haben uns teilhaben lassen. Aber bis es überhaupt zum Drehen kam, gab es einen langen Vorlauf", sagt Matern. Anna Frieda Schreiber habe erst kurz vor Beginn der Dreharbeiten angefangen, das Geschehen für sich aufzuarbeiten. "Wir durften sie begleiten, als sie zum ersten Mal Einsicht in ihre Akten in der Stasiunterlagen-Behörde genommen hat", sagt Matern.

"Hätte es Dich auch treffen können?"

Mit dem Rostocker Christian Ahnsehl ist Matern an einem Tag alle relevanten Orte seiner damaligen Geschichte abgegangen: "Das war ganz seltsam für mich, in die Welt eines anderen einzutreten, der damit noch so beschäftigt ist." Während der Dreharbeiten stellte Matern fest, wie sehr die jeweiligen Stasi-Geschichten den Betroffenen noch in den Knochen stecken. "Wir haben sehr eindrucksvolle Situationen erlebt und ich habe mich immer wieder gefragt: Wie hättest Du eigentlich reagiert? Hätte es Dich nicht auch treffen können?"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.05.2019 | 07:00 Uhr

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