Stand: 31.10.2019 06:00 Uhr

Hákonarson: "Man soll den Kuhdung im Kino riechen"

"Die Isländer sind starke Geschichtenerzähler, und dieser Film von Grímur Hákonarson ist das beste Beispiel dafür" sagte Linde Fröhlich, Festivalleiterin der Nordischen Filmtage in Lübeck, 2015 über den Eröffnungsfilm "Rams - Sture Böcke". Damals gewann der zuvor in Cannes preisgekrönte Spielfilm um zwei verfeindete Brüder, die auf dem Land Schafe züchten, den Preis der Baltischen Jury in Lübeck. Vier Jahre später kehrt der Isländer und frisch gebackene Vater nun mit einem Film um eine sture Milchbäuerin zurück: "Milchkrieg in Dalsmynni". Ein Interview.

Letztes Jahr hat bei den Nordischen Filmtagen der Spielfilm "Gegen den Strom" gewonnen. Er handelte von einer Frau, die sich gegen die übermächtige Aluminium-Industrie Islands auflehnt. Sie erzählen nun in "The County" die Geschichte einer Milchbäuerin, die ganz auf sich gestellt gegen die örtliche Genossenschaft aufbegehrt, weil diese ihren Mitgliedern Knebelverträge aufdrückt. Es ist erfreulich, dass mehr spannende und humorvolle Rollen für ältere Frauen aus Island kommen ...

Der isländische Regisseur Grímur Hákonarson in Norddeutschland © Filmfest Hamburg / Martin Kunze Foto: Martin Kunze
Der isländische Regisseur Grímur Hákonarson reist mit dem Film "The County" durch Norddeutschland. Im Oktober war er damit bereits beim Filmfest Hamburg.

Grímur Hákonarson: Es hat so etwas wie eine internationale Welle gegeben mit diesen Rollen, in Hollywood etwa mit "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" für Frances McDormand, die dafür den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann. Als ich angefangen habe, das Drehbuch für "The County" zu schreiben, hatte diese Welle noch nicht begonnen. In Island stehen die Frauen jetzt besonders für ihre Rechte ein. Ich fand es spannend, mich auf die Milchbauern zu fokussieren, weil auch die Landwirtschaft in Island aktuell durch dieses sogenannte female empowerment - den Kampf der Frauen - verändert wird.

Meine Hauptrolle ist durch echte Bäuerinnen beeinflusst, die ihre eigenen Farmen führen, sich im bislang von Männern dominierten Beruf etablieren und diese schwere körperliche Arbeit verrichten. Ich wollte unbedingt vom Kampf von einem Individuum gegen das System erzählen - und es sollte eine Frau sein, weil das System auf dem Land eher männlich orientiert ist.

Sie selbst wohnen in der Stadt, woher stammt die Faszination für Ihre Filme auf dem Land und voller Schafe und Kühe?

Hákonarson: Ich wohne in der Stadt, aber meine Familie hatte eine eigene Farm. Dort war ich als Kind und ich bin immer mit dem Land verbunden geblieben. Ich muss zugeben, ich bin ein Stadtmensch, aber manchmal ist mir das alles zuviel und ich muss raus in die Natur. Ich mag es gerne, Filme auf dem Land zu drehen. Vielleicht auch, weil ich einen Draht zu den Leuten dort habe, und es gibt viele interessante Geschichten von dort zu erzählen. Die Leute vor Ort sind sehr glücklich, dass wir in ihrer Gegend drehen. Einige von ihnen machen auch als Komparsen mit. Mein Ziel ist, dass meine Filme sich authentisch anfühlen, sodass man den Kuhdung im Kino förmlich riecht.

Wie wichtig ist das soziale Medium Facebook in Island geworden? In ihrem Film kann die Heldin am meisten über dieses Medium bewirken, weil sprichwörtlich alle in ihrem Ort sich gegenseitig folgen …

Hákonarson: Facebook ist wirklich populär in Island. Ich glaube, 90 Prozent der Bevölkerung haben einen Account. Viele Nachrichten im Fernsehen drehen sich darum, welche Politiker dort etwas gepostet haben. Auf dem Land wird es auch viel benutzt. Vielleicht, weil dort weniger los ist, auch kulturell. Die Leute schreiben dort viele Geschichten, posten Fotos. Meine Heldin Inga startet mit Posts ihre Revolution.

Ihr Herz schlägt für die Leute, die in ihrem Alltag mit dem System zu kämpfen haben - ganz ähnlich wie beim britischen Kino von Ken Loach ….

Eine eigensinnige Bäuerin in Island bringt ihren ganzen Ort durcheinander - Filmstill aus Grímur Hákonarsons Film "The County" © netop Films 2
In Grímur Hákonarsons Film "The County" bringt eine eigensinnige Bäuerin in Island bringt einen ganzen Ort durcheinander.

Hákonarson: Ich habe auch Referenzen aus seinem Kino für meine Filme benutzt. Der Film ist auch beeinflusst vom Kino der 80er-Jahre wie "Erin Brokovich" mit Julia Roberts und "Silkwood" mit Meryl Streep. Tatsächlich werde ich zu Hause manchmal "der isländische Ken Loach" genannt. Das ist eine Ehre, ich bin ein großer Fan von Ken Loach.

Was bedeuten Ihnen die Nordischen Filmtage Lübeck?

Hákonarson: Es fühlt sich insgesamt toll an, isländische Filme in Deutschland vorzuführen, es gibt hier viel Interesse für die isländische Kultur. Ich bin sehr froh, beim Filmfest Lübeck zu sein, ein Festival mit viel Tradition. Ich hoffe, mein neuer Film gewinnt hier etwas. Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen den Film sehen und darüber diskutieren. Und ich treffe hier viele Leute aus Skandinavien und erlebe dabei gleichzeitig Deutschland. Das ist schön.

Das Gespräch führte Patricia Batlle, NDR.de.

"Milchkrieg in Dalsmynni" (auf englisch: "The County") startet bundesweit am 9. Januar 2020 im Kino.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 30.10.2019 | 20:00 Uhr

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