Stand: 07.09.2020 17:32 Uhr

Venedig: Beeindruckende Heldinnen im Filmfest der Frauen

von Katja Nicodemus

Seit wenigen Tagen läuft in Venedig die 77. Ausgabe des ältesten der großen Filmfestivals. Einige Premieren sind seitdem schon über die Leinwand gegangen.

Susanna Nicchiarelli, Regisseurin aus Italien, kommt zu einem Fototermin für den Film "Miss Marx". © Invision/AP/dpa Foto: Joel C Ryan/Invision/AP/dpa
Regisseurin Susanna Nicchiarelli erzählt in "Miss Marx" eine Emanzipationsgeschichte aus dem 19. Jahrhundert.

Eine Frau tanzt Pogo, und zwar um 1860. Sie ist befreit und entfesselt. Sie will die Welt verändern und ihr Leben leben. Ihr Name: Eleanor Marx. In Ihrem venezianischen Wettbewerbsfilm "Miss Marx" zeichnet die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli das Leben der jüngsten Tochter von Karl Marx nach: Zwischen dem Einsatz für Arbeiterrechte, für  die soziale und ökonomische Emanzipation der Frau und dem Versuch, ihre eigene, improvisierte Beziehung zu einem liebenswerten, aber verantwortungslosen Hallodri zu leben. Der Soundtrack ist radikal modern, die Erzählweise ist es auch, und die von Romola Garai bewegt und bewegend gespielte Heldin wirft sich mit Haut und Haaren in den Befreiungskampf, den ihr Vater begonnen hat.

Ein Festival der Frauen

Im vergangenen Jahr hatte Venedigs Jury-Präsidentin, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, die niedrige Frauenquote kritisiert. In diesem Jahr scheint es, als wolle das Festival radikal gegen diesen Vorwurf ansteuern. Mit Cate Blanchett als Jury-Präsidentin. Mit Ehrenpreisen für die Regisseurin Ann Hui und für die Schauspielerin Tilda Swinton, die bei der Verleihung eine wunderschöne Dankesrede hielt: über das Kino als Glücksort, als wahre Heimat und als Mutter.

Vanessa Kirby, Schauspielerin aus Großbritannien, kommt zur Premiere des Films "Pieces of a Woman" nach Venedig. © dpa Bildfunk Foto: Gian Mattia D'alberto - Lapresse/Lapresse via ZUMA Press
Sie gehört zu den am meisten gefeierten Schauspielerinnen des Festivals: Sie ist in zwei Wettbewerbsfilmen zu sehen.

Fast die Hälfte der venezianischen Wettbewerbsbeiträge stammt von Regisseurinnen und fast alle haben beeindruckende Heldinnen. Etwa "Quo vadis Aida?" von der bosnischen Regisseurin Jasmila Sbanic. Die Heldin und Übersetzerin Aida arbeitet für die UN. Nachdem ihre Heimatstadt Srebrenica im Juli 1995 von den Serben eingenommen wurde, suchen die Bewohner Schutz vor dem örtlichen UN-Qartier. Aida spürt, dass etwas Schreckliches im Gange ist, verzweifelt versucht sie, ihren Mann und ihre beiden Söhne vor der Deportation durch die Serben zu retten. "Quo vadis Aida" ist die Rekonstruktion eines Massakers mit mehr als 8.000 Opfern, ein aufklärerischer Film mit einer Heldin, die immer in Bewegung ist.

In Venedig erklärte Jasmila Sbanic, weshalb es wichtig sei, gerade Bosniens jüngeren Generationen von diesem Kriegsverbrechen zu erzählen: "Man hat ihnen gesagt, was sie denken sollen. Und das geschah innerhalb von Strukturen, die sich seit dem Krieg kaum verändert haben. Die Wahrheit soll nicht herauskommen, da es in der Polizei und in den Behörden immer noch Menschen gibt, die Kriegsverbrechen begangen haben, und die andere Sichtweisen unterdrücken."

Vanessa Kirby als Star in "Pieces of a Woman" gefeiert

Und obwohl erst Halbzeit herrscht kann man jetzt schon sagen: Die am meisten gefeierte Schauspielerin des Festivals ist Vanessa Kirby. In Kornel Mundruczós Film "Pieces of a Woman" spielt sie eine Frau, deren Tochter bei der Geburt stirbt. Diese Heldin, Martha, geht ihren eigenen Weg. Sie löst sich von ihrem hilflosen Ehemann, trotzt ihrer starrsinnigen Mutter und leistet eine bewegende einsame Trauerarbeit.

Christopher Abbott, Schauspieler aus den USA, Katherine Waterston, Schauspielerin aus den USA, Mona Fastvold, Regisseurin aus Norwegen, und Vanessa Kirby, Schauspielerin aus Großbritannien. © dpa Bildfunk /AP Photo Foto: Joel C Ryan/Invision/dpa
Christopher Abbott, Katherine Waterston, Mona Fastvold und Vanessa Kirby (v.l) stellen ihren Wettbewerbsfilm "The world to come" vor.

In dem Wettbewerbsfilm "The world to come" von Mona Fastvold wiederum spielt Vanessa Kirby eine amerikanische Farmersfrau um 1850, die sich in eine andere Siedlerin verliebt. Doch die Welt, in der diese Liebe wirklich gelebt werden kann, ist, wie der Filmtitel schon sagt, eine zukünftige. "Es gibt so viele unerzählte Frauengeschichten.", sagte Kirby: "Ich habe das Glück, zu diesem Festival die Geschichte eines ungeborenen Babys zu bringen, die auf diese Weise noch nie erzählt wurde - und die Geschichte von zwei Pionierinnen im 19. Jahrhundert, deren Begehren und deren Schicksale in der großen amerikanischen Geschichte verloren gingen."

Logistischer Ausnahmezustand

In diesem Krisenjahr befindet sich das Filmfestival am Lido di Venezia im logistischen Ausnahmezustand, in und vor den Kinos herrscht Maskenpflicht, jeder zweite Sitzplatz muss frei bleiben, was mit vielen zusätzlichen Vorführungen kompensiert wird. Auf der Leinwand jedoch herrscht die schöne Normalität eines großen internationalen Kinofestes. Und die hoffentlich bald nicht mehr so besondere Normalität eines Festivals, in dem fast die Hälfte der Wettbewerbsfilme von Frauen gedreht wurden.

Weitere Informationen
Der Eröffnungsfilm aus Italien "Lacci" bei den 77. Filmfestspielen Venedig mit Hauptdarstellerin Alba Rohrwacher © Gianni Fiorito/La Biennale di Venezia/dpa bildfunk

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 07.09.2020 | 17:40 Uhr

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