Stand: 07.08.2018 13:57 Uhr

Filmfest Locarno mit starken Frauenfiguren

von Anna Wollner

Cannes, Venedig, Berlin: Das sind die großen Filmfestivals in Europa. Es gibt aber auch noch das Festival von Locarno in der italienischsprachigen Schweiz, das seit dem 1. August läuft. Ein Blick ins Tessin lohnt sich nicht nur, weil der künstlerische Leiter Carlo Chatrian nächstes Jahr zur Berlinale wechseln und dort den Leiter Dieter Kosslick beerben wird, sondern auch, weil der deutsche Film in Locarno stark vertreten ist. Von den drei Filmen, die in Locarno laufen, sind zwei von Regisseurinnen. Der Episodenfilm "Was uns nicht umbringt" von Sandra Nettelbeck mit Bjarne Mädel und Barbara Auer spielt in Hamburg. Er startet am 15. November im deutschen Kino.

Sibel - eine junge Frau in den türkischen Bergen. Sie lebt mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester in einer Dorfgemeinschaft, verständigt sich mit ihrer Umwelt über eine in der Region verbreitete Pfeifsprache. Als sie in den Bergen einen verwundeten Flüchtling findet, bricht sie mit dem patriarchalisch geprägten Leben und rebelliert. In "Alice T." geht es um ein gleichnamiges junges Roma-Mädchen, das mit 16 ungewollt schwanger wird und gegen den Willen seiner Adoptivmutter heimlich abtreibt. Oder Lena, die sich im Schweizer Wettbewerbsbeitrag "Glaubenberg" mehr zu ihrem Bruder hingezogen fühlt, als die gesellschaftlichen Konventionen erlauben.

Starke Frauenfiguren im Wettbewerb

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"Kino ist ein Spiegel der Gesellschaft - und Festivals sind das Ende der Verwertungskette", sagt Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter in Locarno.

Der diesjährige Wettbewerb in Locarno hat vor allem eines: starke Frauenfiguren, wie auch der künstlerische Leiter Carlo Chatrian bestätigt: "Viele Filme im Wettbewerb haben starke Frauenfiguren im Mittelpunkt. Im Kino geht es oft darum, dass Frauen stärker sind als Männer. Selbst wenn die meisten Filme noch immer von Männern gemacht werden."

Auch Letzteres ist ein Punkt, mit dem Locarno hadert. Nur drei Filme im Wettbewerb sind auch von Regisseurinnen gemacht. Zum Vergleich: Beim Wettbewerb in Venedig wird es in wenigen Wochen nur ein Film sein. Chatrian ist das selbst zu wenig, aber er weiß, dass man das große Ganze betrachten muss: "Kino ist ein Spiegel der Gesellschaft, deswegen ist es wichtig, Gleichberechtigung auf der Leinwand zu haben. Wir als Festival sind das Ende der Verwertungskette. Aber gerade deswegen haben wir auch die Pflicht Filme und Geschichten auszusuchen, die etwas zu erzählen haben. Wenn ich einen Film auswähle, nur weil er von einer Frau gemacht wurde, habe ich den Job verfehlt." Bei der Gleichberechtigung ginge es nicht nur um die Regisseurinnen und Regisseure, so Chatrian weiter: "Es geht auch darum, wem der Film gehört - den Produzentinnen oder den Drehbuchautorinnen. Es ist also komplizierter, als nur Regisseurinnen zu verlangen."

Das Logo der Berlinale auf vielen Fahnen in einem Eingangsbereich.

Künftiger Berlinale-Chef: Carlo Chatrian

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Die Nachfolge von Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist geklärt. Carlo Chatrian soll den Job 2019 übernehmen. Ein Gespräch mit Katja Nicodemus.

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Drei deutsche Filme im Rennen

Im deutschen Kino scheint dieser Umschwung in diesem Jahr schon angekommen zu sein. Drei deutsche Filme laufen hier. Jan Bonnys Drama "Wintermärchen" im Wettbewerb handelt von drei jungen Rechtsextremisten, die eine Mordserie planen. In einer Nebenreihe ist das starke Vergewaltigungsdrama "Alles ist gut" von Eva Trobisch zu sehen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die nach einem Klassentreffen trotz eines Neins von einem flüchtigen Bekannten zum Sex gezwungen wird und mit niemandem über die Vergewaltigung reden will. Sie will sich selbst nicht in der Opferrolle sehe. Ein Film, der erschreckend nüchtern erzählt und inszeniert ist, der vor #MeToo geschrieben und gedreht wurde - und doch die Debatte auf den Punkt bringt.

Episodenfilm von Sandra Nettelbeck spielt in Hamburg

Dann ist da noch "Was uns nicht umbringt" von Sandra Nettelbeck, der in Locarno auf der Piazza Grande lief, dem Herzstück des Festivals. Es ist ein verwobener Episodenfilm, der zu viel will, unter anderem mit August Zirner, Barbara Auer und Bjarne Mädel: ein Beziehungsgeflecht von frustrierten Mittelschichtgroßstädtern in Hamburg, ein Film über gebrochene Herzen und gebrochene Seelen, über den Schmerz, auch jenseits der 40 geliebt werden zu wollen. Ein Film über Lebenskrisen, der zeigt, dass Männer genauso verletzlich sind wie Frauen. Für die Gleichberechtigung im Kino ist das immerhin ein Anfang.

 

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Dieses Thema im Programm:

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